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"Kein Bock auf Retro"
Interview mit "Camouflage"-Macher Heiko Maile
von Marko Schacher
Als "Camouflage" gehörte Heiko Maile zusammen mit Marcus
Meyn und Oliver Kreyssig zu den Elektropop-Pionieren Deutschlands. In
den letzten Jahren verdiente er mit Werbespots sein Geld. Mit neuer Single
und neuem Album versucht der inzwischen 37-Jährige jetzt an alte
Erfolge anzuknüpfen. Marko Schacher hat sich mit dem Stuttgarter
Multitalent unterhalten.
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Im Obergeschoss eines Hinterhauses im Stuttgarter Westen: An der Wand
lehnen Vinylplatten von Ideal und David Bowie. Neben dem Apple-Computer
stehen zwei museumsreife Synthesizer. Auch wenn Heiko Maile nichts vom
80er-Revival wissen will, ein wenig nostalgisch scheint er schon zu sein.
Als "Camouflage" hatte er Ende der 80er zusammen mit Marcus
Meyn und Oliver Kreyssig mit "The Great Commandment", "Strangers
Thoughts" und "Love Is A Shield" drei respektable Hits.
Ein Remix ihrer ersten Single schaffte es auf Platz 1 der amerikanischen
Dance Charts. Die folgenden Alben und Singles verkauften sich kaum noch.
Angebote für Revival-Shows schlug man beharrlich aus. "Auf die
Retro-Schiene hatten wir keinen Bock", sagt Heiko Maile, quasi das
musikalische Hirn der Band.
Doch jetzt will er es noch mal wissen: Am 14. April erscheint die neue
"Camouflage"-Single "Me & You". Welche Ängste
und Hoffnungen er mit diesem Datum verbindet? Heiko Maile gibt sich gelassen:
"Überhaupt keine. Der wichtigste Moment für mich war das
Datum, an dem ich die fertig gemixten Songs rausgegeben habe." Dazu
muss man wissen, dass zahlreiche Plattenfirmen-Wechsel, interne Band-Diskussionen
und der Ausstieg des Londoner Produzententeams "Toy" diesen
Zeitpunkt seit mehreren Jahren hinausgeschoben haben. Die Chance eines
Comebacks sieht er nüchtern. "Was wir beeinflussen können,
versuchen wir so gut wie möglich zu machen. Doch zum Erfolg gehört
auch verdammt viel Glück".
Glück hatte der heute 37-Jährige, in Australien geboren, im
Kreis Schwäbisch Hall, Bietigheim und Kleinsachsenheim aufgewachsen,
des öfteren. Nach ersten musikalischen Ausflügen auf der Altblockflöte
und der Gitarre lernte er durch seinen Klassenkameraden Martin Kählig
den legendären Synthesizer Korg MS-20 kennen. Das war die Geburtsstunde
der Band "Licensed Technology" - und eine Art Revolution: "Keine
Gitarren, nur Synthie, das war eine Art Punk, zumindest in Bietigheim",
erinnert sich Heiko Maile schmulzend. Der erste Auftritt fand in den Baracken
des Bietigheimer Segelfliegervereins statt.
1985 spielte ein Redakteur des Hessischen Rundfunks den Song "Fade
in Memory" der inzwischen zu "Camouflage" umbenannten Band
in seiner Sendung "Sound vom Synthesizer". Ein Mitarbeiter des
Darmstädter Labels "Westside Music" hörte ihn und
nahm Kontakt auf. Der nach vielen Anläufen zustande gekommene Plattenvertrag
mit Metronome bewog Heiko Maile, sein geplantes Design-Studium ad acta
zu legen. Ein Auftritt in der TV-Sendung "Cappucchino" brachte
im Herbst 1987 schließlich den Durchbruch. Wichtiger als der kommerzielle
Erfolg war Heiko Maile die Arbeit mit Dan Lacksman (Thomas Dolby, Sparks)
am zweiten Album "Methods Of Silence". Als weitere wichtige
Station bezeichnet er das erstmalige Produzieren nicht selbst geschriebener
Stücke mit "Bamboo Industry".
1990 verließ Oliver Kreyssig die Band, Heiko Maile zog nach Hamburg,
die dritte Platte "Meanwhile" floppte. "Irgendwann kam
der Punkt, an dem ich gemerkt habe ,Hoppla, jetzt muss ich was anderes
machen', damit der Druck nicht zu groß wird." Also produzierte
Heiko unter Pseudonym "Totgeburten" (Zitat Maile) der Techno-
und House-Szene und nahm Kontakte zur Werbeindustrie auf. In den letzten
Jahren entstanden in seinem Studio geräuschorientierte Ambient-Stücke,
kleine Filmsoundtracks zu Kino- und TV-Spots - u.a. für Renault,
DaimlerChrysler und Nike.
Seit 1998 lebt Heiko wieder in Stuttgart und arbeitet oft mit Regisseur
Zoran Bihac. Zusammen mit zwei Kollegen in Frankfurt schuf er die Präsentationsmusik
der ARD zur Olympia, Tour de France und Fußball WM und die musikalische
Untermalung des offiziellen SPD-Wahl-Spots. Sollte die neue Camouflage-Single
floppen, muss man sich also keine Sorgen um das Multitalent machen.
Weitere Infos:
Offizielle Band-Website:
http://www.camouflage-music.com
Bericht vom Comeback-Konzert am 24.9.03 im LKA Stuttgart
http://www.medienkultur-stuttgart.de/thema02/2archiv/news8/mks8camouflage.htm
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