Der Architektur geht ein Licht auf
Im Club Suite 212 trifft sich die Stuttgarter Medienszene

von Valerie Hammerbacher

Wenn es Nacht wird, lässt die schöne neue Videowelt im Club 212 die Straßenwüste vergessen: Das Stuttgarter Architektenduo Giorgio Bottega und Henning Ehrhardt haben an der Theodor-Heuss-Straße mit architektonischem Kalkül einen Ort der Schaulust entwickelt. Im Erdgeschoss befindet sich auf 180 Quadratmetern eine Bar, im ersten Stock ein kleiner Dancefloor. Dunkle Wände und gefärbte Eternitplatten verwandeln den Barraum in ein wohnliches Loft. Während die DJs und VJs abends für akustische und visuelle Reize sorgen, verwirklicht sich der Traum von Architektur als Lichtspielhaus... Valerie Hammerbacher sprach mit den Architekten.

 


Die Stuttgarter Architekten Henning Ehrhardt und Giorgio Bottega bringen Großstadt-Atmosphäre nach Stuttgart

Mit Pauls Boutique haben Sie Anfang der 90er Jahre den Kleinen Schlossplatz als belebten Stadtraum erschlossen. Nun muss der Szene-Treff dem Galerieneubau weichen. Übernimmt die Suite 212 die Nachfolge für von Pauls Boutique?

Giorgio Bottega: Nein, Planung und Konzept unterscheiden sich stark voneinander. Das Ziel in der Suite war, eine Situation zu schaffen, die man im ehemaligen Stuttgarter Club "Das Unbekannte Tier" vorgefunden hat. Wir wollten einen großstädtischen Club schaffen, der ebenso in Berlin, Hamburg oder Frankfurt funktionieren könnte.

Der Kleine Schlossplatz und die Theodor-Heuss-Straße sind Orte, die weder laubenhaften Charme noch eine idyllische Piazza-Atmosphäre entwickeln. Haben Sie ein Faible dafür, verwaisten Bausünden wiederzubeleben?



Die Suite 212 liegt an der "Rennstrecke"

Bottega: Der Schlossplatz und die Theodor-Heus-Straße sind zwei unterschiedliche Orte. Der Kleine Schlossplatz ist durch Pauls Boutique bekannt geworden, weil es ein Massenphänomen geworden ist. Fünf Jahre zuvor bestand jedoch schon das 551, das zum ersten Mal Clubkultur im Gegensatz zur klassischen Diskothek verwirklicht hat: Ein DJ hat Musik aufgelegt, und man konnte trotzdem noch kommunizieren.
Die Suite ist ein Konzept, das auf dieser Ambiente-Kultur aufbaut. Gleichzeitig ist das Konzept des VJ-ing von Berliner, Londoner oder Clubs aus Barcelona beeinflusst, die in dieser Praxis auf eine 10-jährige Tradition zurückblicken können. Dieses Zusammenspiel von Musik und optischen Reizen ist in Stuttgart durch die Suite einmalig.

Das Interieur teilt sich in zwei Ebenen. Unten haben wir eine klassische Bar, die in erster Linie von der urbanen Situation lebt. Die Hauptattraktion ist die Straße. Der Ausblick bietet die Möglichkeit an einer belebten Stelle einer Stadt teilzunehmen. Wir empfinden die Situation als sehr attraktiv, weil es eine städtische Situation ist, die es in Stuttgart sonst wenig gibt. Alles rushed vorbei, zwei Mal fährt am Abend die Polizei mit Blaulicht vorbei. Man wird sich an diesem Ort bewusst, dass etwas passiert. Wir haben uns eine Situation gesucht, die nicht den idyllischen Dorfplatz suggeriert. Die Theodor-Heuss-Straße ist eine Fläche, wo sich weiterhin Urbanität entwickeln wird, vielleicht ähnlich einer Champs-Elysées. Hier hat man die Möglichkeit, einen Stadtboulevard zu machen. Wir wollten diesen Genius loci verstärken. Der Raum im Zusammenspiel mit der Straße wurde von uns als eine panoramaartige Sequenz empfunden. Darum wurde die Fensterreihe stark horizontal, im Sinne eines Porticus oder einer Loggia, angelegt.

Der Passant wird durch Leuchtkästen an der Fassade angelockt...

Bottega: Wir präsentieren uns nicht durch einen Namen. Wenn man an der Suite vorbeigeht, sieht man kein herkömmliches Logo, das einen Schriftzug zeigt, sondern fünf Leuchtkästen, die ein Image darstellen. Es sind Pixel-Landschaften, die darauf verweisen, dass es im Inneren um Räume mit verschiedenen medialen Wirklichkeitsebenen geht.

Die Suite ist ein Ort, an dem sich sehr schnell viele Menschen wohlgefühlt haben. Was sind die architektonischen Kategorien?


Der Innenraum wird durch klare Linienführung bestimmt


Bottega: Die sparsamen architektonischen Maßnahmen, die wir angewendet haben, haben wir sehr klar ausformuliert. Die Dinge sollen eine Präsenz im Raum haben, nicht filigran, hingeweht, erscheinen. Die Bar und Außenwand ist sehr klar mit monolithischem Charakter definiert. Der Raum, der dazwischen liegt, kann vom Gast erobert werden. Die Sitzmöglichkeit besteht aus Würfeln, die wir entworfen haben. So kann der Gast sich seine Struktur im Raum selbst bauen und intimere oder offenere Zonen schaffen. Der Besucher spielt die Hauptrolle, indem er sich die Architektur nach seinem Willen aneignen kann. Das Spannende an dem Ort ist, dass es ein minimalistischer Ort ist, der Ruhe ausstrahlt. Die Videos über der Bar sind bewusst ruhig gehalten. Innen und Außen sind zwei sehr konträre Themen. Man befindet sich an einem sehr präzisen, fast kontemplativen Ort. Die architektonische Konzeption ist leise. Wir wollten nichts machen, was ablenkt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Situation kann man mit einer Zugfahrt mit umgekehrten Vorzeichen vergleichen: Die Umwelt wird wie ein Film wahrgenommen. Man befindet sich an einem ruhigen Ort, an dem die Reize vorüberziehen.

Wie umgehen Sie eine unangenehme "Aquariums-Situation", in der sich der Besucher präsentiert und ausgestellt fühlt?


Die Treppe führt zum ersten Obergeschoss. Sie wirkt wie die Gangway eines Flugzeugs.

Bottega: Die dreiseitige Verglasung bietet viel Raum für Spiegelungen, eine Art Dan-Graham-Effekt. Somit wird die Schaukastensituation aufgebrochen. Durch Spiegel an den Enden der Gänge und Spiegelung der Schieben setzt sich der Raum und die Lichtführung fort. Wir wollen mit Räumen installativ umgehen. Mittels der Materialität des Glases werden Innen und Außen definiert. Glas dematerialisiert sich, ist aber gleichzeitig der Träger für Reflexionen und bekommt eine dingliche Substanz.

Woher kommt die Formensprache?

Bottega: Wir sind stark durch die Bildende Kunst beeinflusst. Die Vorstellungen von Volumen und Struktur von Donald Judd und Richard Serra spielen eine große Rolle. Die Treppe, die zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss vermittelt, kann als kleine Hommage an Richard Serra verstanden werden. Donald Judd macht offene Volumen, die geschlossen wirken, das ist auch unser Verständnis des Monolithischen. Ein Kubus wird klar durch seine Kanten definiert, das tatsächliche Volumen sehe ich mit dem dritten Auge. Unsere Vorstellung von Lichtkonzeptionen basieren auf Erfahrungen mit Installationen von Dan Flavin oder Dan Graham.


Dan Flavin spielt mit Lichtrefextionen


In den Installationen Dan Grahams spiegelt sich die Außenwelt


Ein Stahlobjekt von Richard Serra

 

 

Es fällt auf, dass die Suite sehr wohnlich angelegt ist...

Bottega: Es war nie das Ziel hallenartig zu wirken. Es sollen private Situationen gefördert werden. Jeder kann seine Intimität finden. Andere Lokale haben den Eingang als Fokus. Der Blick wird oftmals auf diese passagenartige Schwelle gelenkt. Durch die Treppe im Untergeschoss und das einstufige Podest haben wir "Blick-Stopper" eingebaut, die aus der Halle verschiedene Raumangebote schöpfen. Mit minimalen Mitteln wollten wir eine präzise Raumentwicklung machen. [Abb. Suite 08]

Die Identität des Raumes wird stark durch die Medien bestimmt...

Bottega: Man muss zwischen Erdgeschoss und ersten Obergeschoss unterscheiden. Über der Bar haben wird im Erdgeschoss 12 Monitore installiert, die Videokunst zeigen. Sie zeigen ein Fenster in eine andere Welt.

Was passiert in dieser Welt?

Bottega: Im Moment haben wir das Thema Natur. Man blickt wie in einem Science-Fiction-Film aus dem Fenster einer Raumkapsel auf den elektronischen Sonnenuntergang von Los Angeles. In der Suite werden unterschiedliche Sequenzen von Landschaften ausgestrahlt, die aber letztlich immer als Videoinstallation ersichtlich sind. Die Monitore spenden einerseits Licht, andererseits eröffnen sie eine Aussicht. Die vier Wände des Raumes im Untergeschoss führen verschiedene Strategien des Lichtes und der Aussicht vor: Drei Scheiben öffnen den Raum tatsächlich nach außen und machen ihn transparent. Das Tageslicht kann eindringen. An der vierten Wand, welcher die Bar vorgeblendet ist, wird ein weiteres Fenster in eine andere Welt und mit anderer Stimmung durch die Monitore geöffnet.

Wer hat die Videos gefilmt?

Bottega: Sie stammen von einer Berliner Agentur. Wir sehen die Monitore aber als Plattform und wünschen uns, dass Medien-Schaffende in Stuttgart Lust und Laune bekommen, auf den Monitoren auch eigene Arbeiten zu zeigen.

Zum Obergeschoss. Das Interieur des Dancefloors der Suite erinnert an den "black cube", der in der Ausstellungspraxis in Museen und Kunsthallen ein Projektionsraum für Videos ist...


Mit der Verdunkelungsstrategie reagieren die Architekten auf die Schwarzräume, die in den modernen Museen den Tag zur Kunstnacht machen.

Bottega: Die Fenster im obere Raum sind mit einer dunklen Folie abgedunkelt, und mit feinmaschiger Gaze verhängt. Dadurch werden nur noch 20 Prozent des Lichtes in den Raum gelassen. Durch die Rasterstruktur der Gaze nimmt man nach Einbruch der Dunkelheit nur noch Lichter wahr. Man sieht ein materiales Pixelbild. Die gegenüberliegende Fassade und die vorbeifahrenden Autos lösen sich zu weißen, kommenden Lichtern und roten, verschwindenden Lichtphänomenen auf. Die "Beleuchtung" stammt von Monitoren auf denen abends von VJs Bilder live gemixt werden.

Der obere Raum ist sehr klein und dämmrig. Er erinnert an Einzelhaftzellen. Üben die VJs Macht über den Besucher aus?

Bottega: Nein, die Isolation, der man sich hingibt ist eine gewählte. Ähnlich wie in einem Museum, wo eine Videoarbeit gezeigt wird, kann ich mich der Videoarbeit aussetzten oder entziehen. Es ist eine demokratische Angelegenheit.

Im Obergeschoss löst sich die Architektur durch die Projektionen auf...


Die Transparenz der Projektion bietet Durchblick und Erscheinung zugleich

Botega: Die Projektion über der Treppe schließt nur scheinbare den Dancefloor ab. Wenn man in den ersten Stock geht, sieht man zuerst die Projektion und darunter die Füße der tanzenden Menschen. Gleichzeitig verdoppelt sich die Projektion durch die Reflexion der Scheiben nach rechts und nach links auf und schließt den Raum ab. Der Dancefloor soll ein Raum sein, der von Bildern umspielt wird. Es soll zwischenmenschliche Kommunikation stattfinden sowie Kommunikation zwischen Medienbildern und Menschen. In Discotheken der 80er Jahre wurde der Besucher nur von der Musik beeinflusst, seit dem VJ-ing wird nun ein Dialog mit Bildern erzeugt.

Ist das der alte Traum vom Gesamtkunstwerk in der Medienzeit?

Bottega: Ja. Videokünstler wollen eine Auseinandersetzung mit dem gezeigten. Wir versuchen dabei aber einen unaufdringlichen Raum zu schaffen. Es ist eine Bar mit Videokunstcharakter.

Inwieweit ist der Dancefloor vom Kino oder der Spektakel-Architektur beeinflusst?

Bottega: Die Verdunkelung hat weniger mit Kino als mit einem sozialen Raum zu tun. Dunkelheit hat etwas mit Intimität zu tun. Wenn es zu hell in einem Raum ist, tanzen weniger Menschen als in einem Raum, wo sie sich weniger beobachtet fühlen. Tanzen ist ein sehr privates Moment.

Die Dunkelheit wird durch das Licht der elektronischen Medien verbannt. Ist der Schöpfungsgedanke, das Lichtwerden durch die "Hinterwelt" neuen Medien eine zulässige Assoziation?

Bottega: Man darf nicht zuviel interpretieren. Ein Heraufbeschwören einer zweiten Schöpfung ist nicht die Absicht der Projektionen. Die Fenster, die wir durch die Monitore öffnen, gibt die Möglichkeit Stimmungen und Bilder in den Raum zu tragen. Das kann soweit gehen, Ereignisse, die an einem anderen Ort stattfinden, zu übermitteln. Man könnte den Sound und die Bilder, die beispielsweise in Berlin laufen, in die Suite beamen.


Suite 212 ist der Titel einer frühen Arbeit des Videokünstlers Nam June Paik, der das Flimmern des Bildschirms zum Markenzeichen seiner Fernsehkunst machte und dem das Architektenteam mit seinen Dunkelräumen huldigt

 


weitere Infos:
http://www.suite212.com/

> top

 

medienkultur-stuttgart.de || 2001 || home