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Poetry Slam - Literatur
und Action
Interview mit Timo Brunke, MC des Stuttgarter Poetry Slams
von Nathalie
Karanfilovic
Seit einigen Jahren erlebt Deutschland ein neues Poesie-Fieber. Die neue
Bewegung, die uns mit Literatur und Poesie versöhnt hat, heisst Poetry
Slam. Dieses in den USA entstandene Poetry-Entertainment hat nicht nur
München, Berlin und die Hanse-Stadt erobert; seit ein paar Jahren
haben sogar die Schwaben bei den in der Kulturkneipe Rosenau"
stattfindenden Slams neue Dichter-Gefühle entdeckt. Eine Person ist
für diese Wiedererlebung in besonderem Masse verantwortlich: der
Entertainer-Schauspieler und Komiker-Slammer-Rap-Poet-Kabarettist in einem:
Timo Brunke. Seit 1999 hat der multitalentierte, 28-jährige Stuttgarter
in der Rosenau" eine hochklassige Veranstaltung etabliert.
Jeden ersten Sonntag moderiert der Veranstalter, der natürlich auch
selbst ein Slammer ist, die Stuttgarter Poetry Slams. Nathalie Karanfilovic
bat ihn zu Interview:
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| Peotry Slam, 6.Mai 2001, Rosenau Stuttgart |
Siegerehrung |
Slam Poetry ist eine Art Literaturwettstreit, ein Wettkampf
für Wortgladiatoren mit viel Sportgeist und eine Bühne für
Jedermann. Ob Hausfrau, Hobby-Poet, Rapper, Dilettant oder Profi-Slammer
- jeder ist eingeladen, seine Lebensgefühle auf der Bühne in
Form von Gedichten, Aphorismen, Kurzgeschichten, Lyrik, Prosa, Comedy-Texten
oder Alltagschroniken zu artikulieren. Wer eigene Texte schreibt und den
Mut hat, sich mit anderen zu messen, verfügt über ein paar Minuten,
um die Gunst des Publikums zu erringen. In einer aufgeladenen Atmosphäre
spielt dieses Publikum eine aktive Rolle, indem es den Gewinner per Applaus
bestimmt. Der glückliche Sieger bekommt dann einen symbolischen Preis.
Der einmalige Live-Charakter und die spannende Interaktion zwischen Künstler
und Publikum sind das Besondere des Poetry Slams.
Die 1984 vom Chicagoer Autor Marc Smith initiierten Literaturwettkämpfe
haben sich seit dem Beginn der 90er zu einer internationalen Bewegung weiterentwickelt.
Der Münchener Poetry Slam ist in der Zwischenzeit zum grössten
monatlichen Poetry Slam der Welt und zum deutschlandweit phänomenalen
Kulturereignis geworden. Auch in Stuttgart ist "Poetry Entertainment"
ein fester Bestandteil des Nachtlebens geworden. Die gesamte Show wird in
Stuttgart von einem DJ begleitet und von Master of Ceremony Timo Brunke
moderiert. Der selbsternannte Dichter und Schauspieler in einer Person ist
mittlerweile einer der bekanntesten deutschen Performance-Poeten und herrscht
in der Rosenau" als MC des Stuttgarter Poetry Slams. Timo Brunke
ist auch Kabarettist. In seiner neuen Show "Timo Brunke Slam Poetry"
bietet er ein Solo-Programm, in dem er seine eigenen Slam Poetry-Texte zusammengestellt
hat.
Wer ist Timo Brunke?
Ich selber bin Kabarettist, habe in Stuttgart eine Schauspielausbildung
gemacht und mit Anfang zwanzig mit Kleinkunst begonnen. Schon seit der
Schulzeit habe ich ein Soloprogramm entwickelt, in dem ich Literatur und
Kabarett verbinden wollte. Ich hatte probiert, eine Art literarisches
Kabarett mit Verstexten zu machen und habe Fantasierollen erfunden, wie
zum Beispiel Bruder Grimm. Ich fand es immer spannend, die klassische
Sprache von Goethe und Schiller, Hymne, Ode, Romanze, Ritornelle, Rondo,
all diese klassischen etablierten Versformen, auf dieses Kabarett-Level
runterzudrücken. Als ich um 1992/93 mit Kabarett angefangen habe,
habe ich gar nicht gewusst, dass es überhaupt Slams gab. Ich war
isoliert.
Wie bist du zum ersten Mal auf Poetry Slams gestossen?
Ich bin 1999 in München auf den Slam gestossen. Ich habe da bemerkt,
dass es möglich war, mit Versen auf die Bühne zu gehen - wie eine
Art poetische Unterhaltung. Die Slams waren eine ziemlich bedeutende Entdeckung
für meine eigene künstlerische Entwicklung. Ich habe dann an Slams
in München teilgenommen und im Dezember 1999 angefangen, Slams in Stuttgart
zu moderieren und diese später selbst zu veranstalten. Johannes Zeller
hat mir seine Räume angeboten und im März 2000 habe ich die Slams
in der Rosenau begonnen.
Du hast parallel ein neues Solo-Programm aufgebaut.
Bleibst du der Kunst des Slams treu?
Ich habe ein neues Programm gemacht; es heisst "Timo Brunke Slam
Poetry". Ich habe darin meine eigenen Slam-Texte in einer One-Man-Show
zusammengestellt. In diesem Programm fehlt der Wettbewerb der Slams; es
bleibt aber trotzdem Slam Poetry. Es geht mir vor allem darum, die Slam-Kultur
weiterzuverbreiten, sie auch zu professionalisieren, was zum Beispiel
den Vortragstil anbelangt. Wir haben hier in Stuttgart viele gute Leute;
aber die Texte werden zu oft vorgelesen, während ich eine Performance-Poesie
bevorzuge. Ich will die Direktheit der gesprochen Worte - ohne diese mentale
Wand, das Stück Papier zwischen Slammer und Publikum. Es gibt eine
Reihe von sehr talentierten Leuten in Stuttgart und mein Wunsch wäre
es, ein professionelles Slam-Programm zu veranstalten und damit auf Tour
zu gehen.
Warum ist deiner Meinung nach Slam Poetry binnen
kurzer Zeit so populär, fast Kult geworden?
Einer der Aspekte ist das Interesse an einer neuen Ausdrucksmöglichkeit,
ein neues ästhetisches Interesse am Umgang mit der Literatur. Slam
ist ein neues Genre, eine Performance-Literatur, eine Art literarisches
Pop-Format. Slam Poetry bietet neue Töne und eröffnet ein neues
kreatives Feld, in dem neue Umgangsformen erlaubt sind, in dem man mit Rhythmus,
Sprache und mit den Reimen spielerisch und ganz anders als bisher umgehen
kann. Auf der anderen Seite gibt es den, naja, vielleicht irgendwie spektakulären
Aspekt, sich im Publikum zurückzulegen und eine Person in ihrem "Kampf"
auf der Bühne zu beobachten, eine Art Voyeurismus ein bisschen
wie bei römischen Gladiatorenspielen. Der dritte Aspekt hat - glaube
ich - damit zu tun, dass wir heute in einer chaotischen Situation leben.
Die Leute sind unglaublich am Denken, am Suchen, am Austarieren. Das atomisierte
Alltagsleben, der allgegenwärtige Zwang zu Flexibilität fordern
es heraus, dass du dich stark mit dir selbst beschäftigst; und Sprache
ist immer noch das direkteste Mittel, um sich über sich selbst klar
zu werden. Bei den Slams kann man andere Zeitgenossen hören, die nicht
unbedingt Künstler oder Schauspieler sind. Es sind Leute wie du und
ich, die sich aber einen Kopf machen, und versuchen, in einer politischen
aufgelösten Landschaft ihre Meinung zu etablieren. Der Slam ist ein
Kommunikationsort. Das Publikum ist Teilnehmer, nicht nur distanzierter
Beobachter. Ausserdem findet das ganze natürlich in einem sehr entspannten
Rahmen statt.
Wie erklärst du Dir, dass Slammerinnen leider
allgemein fehlen?
Das kommt wahrscheinlich auch vom traditionellen Rollenverständnis
her. Wir haben in unseren Zivilisationen immer das Bild von Frauen, die
sich weniger durchboxen als Männer. Übrigens sind die wenigen
Frauen, die an den Slams teilnehmen, meistens Power-Frauen.
Wer nimmt an den Slams in der Rosenau"
teil? Kann da jeder mitmachen?
Ich habe einen Stamm von Leuten. Die Hälfte der Slammer steht fest
am Anfang des Programmes, und die zweite Hälfte der Teilnehmer ist
offen. Diese sechs Beteiligten werden ganz einfach aus einem Topf gezogen.
Jeder kann spontan mitmachen. Man muss dazu einfach an die Kasse kommen
und seinen Namen in den Sektkühler werfen.
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| Auftrittsliste des Peotry Slam vom 6.Mai
2001, Rosenau Stuttgart |
Dürfen auch Nicht-Deutsch-Sprechende
mitmachen?
Wir haben schon etliche englische Beiträge gehabt, aber am 1. April
gab es eine Premiere. Ein Italiener hat 40 Sekunden lang vorgetragen.
Das Publikum hat sogar sehr gut reagiert und sich amüsiert. Es kam
zu einer sofortigen netten Interaktion zwischen Publikum und Künstler.
Heißt das, dass die Performance wichtiger ist
als die Poesie?
Bei der italienischen Performance war das ein Ausdruck für alltägliche
Völkerverbrüderung. "Ich spreche eine andere Sprache, aber
wir verstehen uns trotzdem; wir geben uns Mühe, uns zu verstehen."
Das war eher als ein Witz gedacht, aber die Verständigung zwischen
Menschen war ein wichtiger Aspekt der Performance. Aber wenn morgen jemand
kommt und liest sieben Minuten auf Swahili, dann wirkt das für uns
eher musikalisch. Man kann auch auf Türkisch vortragen - das Schöne
daran ist, dass Slams theoretisch nicht auf eine Sprache begrenzt sind.
Viele Laïen verbinden Slam Poetry mit HipHop?
Warum?
Es gibt viele Rap-Künstler, die auch an Slams teilnehmen. Bastian
Böttcher, der Rapper von Zentrifugal, ist einer der bekanntesten
Slammer und Rap-Poeten Deutschlands. Bastian Böttcher hat 1997 den
ersten "National Poetry Slam" gewonnen. Er ist ein echter Sprachvirtuose
der seine eigenen impressionistischen und lyrischen HipHop-Texte mit der
Slam-Kunst verbindet. Er hat viel dazu beigetragen, dass der HipHop mit
Slam in Verbindung gebracht wurde. Matthias Bach aus Stuttgart macht auch
Rap-Texte, der gehört aber weder wirklich zum Slam noch zur HipHop-Szene;
er hat sein eigenes Format entwickelt. Tobias Borke ist auch als Freestyler
bekannt. Und ich selber mache Rap-Poesie. Auf der Slam-Bühne werden
die Performances aber ohne jegliche Musik-Begleitung oder Hilfsmittel
vorgetragen; sie können allenfalls von einer Human Beat Box begleitet
werden.
Könntest du dir einen Poetry Slam-Abend mit
Musik vorstellen?
Slam-Poeten aus Stuttgart haben so einen Versuch zum ersten Mal am 11.
März 2001 im Libero gemacht. Sie wurden dort von einer Jazz-Band
begleitet. Es gibt aber zwei Regeln bei den Slams: eigene Texte vortragen
und keine Instrumente oder irgendwelche Requisiten. Bei Slams haben wir
Schranken und Spielregeln, um eine Art Spielfeld einzugrenzen. Auch die
Vortragszeit ist zum Beispiel begrenzt. Ich könnte mir aber auch
einen Slam Poetry-Abend mit Musik- und DJ- Begleitung ganz gut vorstellen.
Es wäre aber dann kein Poetry Slam mehr, sondern ein "Spoken-WordMeets-Soundsystem-Abend".
Auch das wird wahrscheinlich bald kommen in Stuttgart.
Wie unterscheidet sich die deutsche Szene, beziehungsweise
die Stuttgarter Szene von der internationalen Slam-Community?
Es gibt heute Slams in Israel, Skandinavien und auch in Japan. Inzwischen
scheinen die Slams in Deutschland allerdings etablierter zu sein als in
anderen Ländern. Es gibt sogar einen Slam-Tourismus. Viele deutsche
Slammer gehen auf Tour, in die USA oder nach Kanada. In den USA ist die
Szene allerdings professioneller. Es gibt dort Slammer, die in der Zwischenzeit
echte Stars geworden sind. Man wird abwarten müssen, wie sich das
in Deutschland entwickelt. Die Professionalisierung im Sinne von Wettbewerb
könnte einen positiven Einfluss auf die Qualität der Slams haben.
Was die Stuttgarter Szene angeht, kann ich nicht behaupten, dass diese
entscheidend anders ist als im übrigen Deutschland - mehr HipHop
ist es auch nicht unbedingt.
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