|
Sieben Thesen zu UMTS
UMTS wird mit zu wenig Phantasie betrachtet
von Mathias Plica
UMTS markiert möglicherweise den Start in die möglicherweise
längste und folgenreichste aller Konjunkturwellen, die die Weltwirtschaft
je erlebt hat, den so genannten fünften Kondratieff. UMTS wird die
Informationstechnologie weltweit zu einer ersten großen Blüte
führen und damit das Automobil als Motor des vierten Kondratieff
ablösen. Mathias Plica präsentiert sieben Thesen zu UMTS.
Die Weltwirtschaft unterliegt langen Konjunkturzyklen, die zwischen 40
und 60 Jahren dauern. Diese Zyklen sind nach dem russischen Wirtschaftswissenschaftler
Nikolai D. Kondratieff benannt, der als erster eine breite wissenschaftliche
Öffentlichkeit auf deren Existenz hingewiesen hat. Vier solcher Kondratieff-Zyklen
wurden in den vergangenen 250 Jahren empirisch nachgewiesen (siehe Anmerkung
am Ende dieses Textes). Grundlage und Motor des letzten Kondratieff waren
die industrielle Nutzung des Erdöls als Rohstoff und die Einführung
des Automobils als Massenverkehrsmittel.
Die Informationstechnologie, davon bin ich überzeugt, ist die Basis
für den fünften Kondratieff, an dessen Beginn die Weltwirtschaft
derzeit steht. UMTS wird als erste große Innovation diesen mächtigen
Konjunkturzyklus zu einer ersten Blüte treiben.
Nachfolgend meine sieben Thesen zu UMTS:
1. UMTS wird heute mit deutlich zu wenig Phantasie betrachtet. Die dritte
Mobilfunk-Generation wird das Verhalten der Menschen ähnlich stark
verändern wie zuvor das Automobil.
UMTS steht nicht nur für neue Mobilfunkdienste. Vielmehr wird es
tiefgreifende Veränderungen in der Gestaltung vieler Aspekte des
täglichen Lebens bewirken. Der Mobilfunk-Boom hat die Sprachkommunikation
überall verfügbar gemacht. Gleichzeitig gewöhnen sich immer
mehr Menschen wie früher ans Telefon an die Nutzung
des Internets für die Organisation ihres Alltags. Jetzt macht UMTS
das Internet überall verfügbar. Die Folge: Über ihr mobiles
Endgerät werden die Menschen künftig einen guten Teil ihrer
Alltagsverrichtungen abwickeln; Kommunikation ob geschäftlich
oder privat wird zentral am Menschen organisiert. Die
daraus resultierende Vision, die durchaus schon im Markt vorhanden war,
ist in jüngster Zeit zu sehr verdrängt worden.
2. In den ersten Jahren von UMTS wird sich vor allem die Alltagswelt vieler
geschäftlichen Anwender verändern; neue Anforderungen an ihre
Arbeitsumgebung entstehen.
Die Kaufkraft für hochwertige UMTS-Dienste liegt bei den Geschäftskunden.
Und der Anreiz, sich durch deren Nutzung Wettbewerbsvorteile zu verschaffen,
macht diese Klientel zur zentralen Zielgruppe der ersten Jahre. Sie wird
Business-Anwendungen mit UMTS nachfragen, die den heutigen Desktop
komplett mobil werden lassen. Geschäftskunden werden vermehrt losgelöst
von stationären Systemen mit multifunktionalen mobilen Endgeräten
arbeiten. Projektteams, Arbeitsgemeinschaften und sich häufig verändernde
Arbeitsgruppen können mit UMTS in kürzester Zeit mobile virtuelle
Netzwerke errichten und miteinander kommunizieren und arbeiten. Die Anbieter
von Büro-, Kommunikations- und Internet-Anwendungen werden ihre Produkte
auf solche Szenarien hin entwickeln und optimieren.
3. Die Menschen werden auch im UMTS-Zeitalter kaum mehr Geld für
mobile Kommunikationsdienste im engeren Sinne ausgeben. Es wird vielmehr
zu Budgetverlagerungen kommen.
Geld, das die Verbraucher heute für andere Medien wie Zeitungen,
Zeitschriften, Videos oder CDs ausgeben wird, wird künftig dazu dienen,
die in diesen Medien transportierten Inhalte über mobile Endgeräte
zu beziehen. Provisionen, die heute von Kreditkarten-Unternehmen, Börsenmaklern
oder Karten-Vorverkaufsstellen vereinnahmt werden, landen künftig
zumindest teilweise bei den UMTS-Betreibern. Völlig neue Geschäfts-
und Vertriebsmodelle werden zusätzlich für eine andere Verteilung
der Kundenbudgets sorgen. Nur so lassen sich mit UMTS Umsätze pro
Nutzer von deutlich über 100 Mark im Monat realisieren.
4. Auch für UMTS gilt: Je schlanker die Anwendung, desto höher
ihre Akzeptanzchancen beim mobilen Nutzer.
Mobile Anwendungen müssen auf absehbare Zeit wesentlich weniger datenintensiv
sein als Festnetz-Anwendungen. Die UMTS-Netze werden auf absehbare Zeit
nicht flächendeckend sein. Deshalb muss GPRS und eventuell EDGE (Enhanced
Data Rates for GSM Evolution) die Lücken füllen. Außerdem
werden die UMTS-Netze in der Praxis voraussichtlich kaum höhere Datenraten
als 300 bis 400 Kilobit pro Sekunde erlauben. Viele geschäftliche
Anwendungen im Festnetz werden dagegen schon in wenigen Jahren Datendurchsätze
im hohen Megabit-Bereich erfordern.
5. Der breite Massenmarkt kommt erst gegen Ende des Jahrzehnts. Viele
Anwendungen, die gerne im Zusammenhang mit UMTS genannt werden, laufen
auch über GPRS.
Picture-Messaging, der Versand von Video-Clips und andere konsumentennahe
Dienste werden in den ersten UMTS-Jahren noch keinen maßgeblichen
Einfluss auf die Entwicklung von UMTS nehmen. Der typische Massenmarkt
mit einfach nutzbaren UMTS-Diensten und -Endgeräten für den
Privatnutzer wird sich erst in vier bis fünf Jahren öffnen.
6. UMTS überbrückt die Kapazitätsengpässe der GSM-Netze.
Auch wenn im Zusammenhang mit UMTS immer von hochwertigen Breitbandanwendungen
die Rede ist am Anfang wird UMTS vorrangig die Versorgung für
Sprachdienste in Ballungsgebieten verbessern. Die schnellen Datendienste,
wie sie heute in den GSM-Netzen mit GPRS entstehen, werden bei breiterer
Nutzung rasch zu weiteren Kapazitätsengpässen führen. Auch
hier wird UMTS schlicht die GSM- Netze entlasten.
7. UMTS wird GSM noch lange nicht komplett ersetzen.
Die heutigen GSM-Netze werden für die klassische Sprachtelefonie
und auch für eine ganze Reihe von Datendiensten weit über das
Jahr 2010 hinaus eine günstige und zuverlässige Ressource bleiben.
Um das Jahr 2010 werden etwa die Hälfte aller Mobilfunknutzer in
Deutschland UMTS-Dienste nutzen. Die andere Hälfte wird über
optimierte GSM-Netze kommunizieren.
Anmerkung:
Der fünfte Kondratieff das ist möglicherweise die
längste und folgenreichste aller Konjunkturwellen, die die Weltwirtschaft
je erlebt hat. Alle vorangegangenen Zyklen, gekennzeichnet durch Innovationen
wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Chemie und Elektrotechnik, Fernsehen und
Massenverkehr, nehmen sich demgegenüber nur wie ein Vorspiel aus.
Denn der fünfte Kondratieff, der durch die neue Ressource `Information´
geprägte Wirtschaftsboom, ist eine globale Erscheinung von noch nie
dagewesener Dynamik. Die internationale Wirtschaft, die nationalen Volkswirtschaften
und die einzelnen Unternehmen finden hier Wachstums- und Profitchancen
von kaum vorstellbaren Ausmaßen.
Aus Der fünfte Kondratieff, Gabler 1990 (Leo A. Nefiodow)
Mathias Plica, Geschäftsführer von Xonio.com
E-Mail: mathias.plica@xonio.com
UMTS pur:
http://www.4umts.de/links/links.php3
Glosse:
http://www.brandeins.de/magazin/druckversionen/kolumnen/artikel5.html
Eli Noam und Joseph Weizenbaum über UMTS:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/7423/1.html |
> top
> Artikel-Übersicht
medienkultur-stuttgart.de
|| 2001 || home
|