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Troia-Ausstellung in
Stuttgart
Viel Traumhaftes und ein wenig ernüchternde Wirklichkeit
von Christian
Stolz
Nun geht die große Troia-Ausstellung in der Landesbank Baden-Württemberg
(LBBW), ausgerichtet vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg
und dem Troia-Projekt der Universität Tübingen, ihrem Ende entgegen
- ihrem Ende in Stuttgart, denn sie wird danach noch im Herzog-Anton-Ulrich-Museum
in Braunschweig und in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik
Deutschland in Bonn zu sehen sein. Christian Stolz war dort.
Troia - eine Zusammenfassung.
Wer auf das Forum der LBBW beim Hauptbahnhof zugeht - das große
hölzerne Pferd weist noch immer den Weg - und einen Schreck vor der
Warteschlange bekommt, dem wird geraten: Ruhig bleiben: Die Griechen standen
zehn Jahre vor Troia! Außerdem geht es inzwischen meist ziemlich
schnell vorwärts. Und die Ausstellung sollte man sich unbedingt noch
anschauen. Trotz einer großen Fülle an Exponaten und vielen
fachlichen Erklärungen - nicht zuletzt im sehr lobenswerten Katalog
und über den gut gemachten, ausführlichen Audioguide (der Mietpreis
von drei Mark zuzüglich zum ohnehin bereits hohen Eintrittspreis
- 12 Mark, ermäßigt 9 Mark - ist allerdings etwas happig, in
Museen ist die Benutzung solcher Geräte gewöhnlich unentgeltlich)
- wird die Schau nie langatmig und deshalb auch Kindern nicht so schnell
langweilig.
Es ist für jeden Besucher etwas Interessantes dabei: seien es die
per Video vorgetragenen Ausführungen des Tübinger Archäologen
Manfred Korfmann, der seit 1988 die Ausgrabungen in Troia leitet, seien
es die technischen Pläne und die 'Anatomie' des Hügels Hissarlik
mit den sogenannten Grabungsstufen Troia I bis Troia X sowie mehrere rekonstruierende
Modelle, sei es der Querschnitt durch die Kunstgeschichte zum Thema mit
Zeichnungen von John Flaxman, Johann Heinrich Füssli und Max Slevogt,
Kupferstichen von Bonaventura Gallini, Gemälden von Johann Wilhelm
Heinrich Tischbein oder auch plastische und malerische Arbeiten zeitgenössischer
Künstler wie zum Beispiel von Rudolf Hausner, einem Vertreter des
Magischen Realismus', Gerhard Marcks, Paul Zita und Gustav Seitz. Oder
seien es Hörbeispiele aus Opern, etwa aus Hector Berlioz' Trojanerkrieg,
seien es Kinoplakate, Karrikaturen, Comics, eine Buchauswahl oder Filme
und, und, und. Auf besagte Plakate und die sonstigen kuriosen Accessoires
hätte man allerdings verzichten können; das sind lediglich amüsante
Schmankerln am Wege.
Zu den Höhepunkten dagegen zählen die wundervollen Fundstücke,
überwiegend rot- und schwarzfigurige Gefäße mit Szenen
aus der Ilias, erstaunlich fein gearbeiteter Goldschmuck,
Reste von Waffen, alltägliche Gebrauchsgegenstände - es hätten
ihrer noch mehr sein dürfen. Leider sind viele spektakuläre
Objekte, etwa der 1874 von Heinrich Schliemann entdeckte sogenannte Schatz
des Priamos, nicht in Stuttgart zu sehen (um diesen seit dem 2.
Weltkrieg in Moskau aufbewahrten Fund und seinen zukünftigen Platz
wird immer wieder diplomatisch gestritten). Dafür entschädigen
etwas die Originale und Faksimiles mittelalterlicher Handschriften und
andere Zeugnisse der literarischen Rezeption des Troia-Stoffes, welche
die sich wandelnden Auffassungen desselben in der Geschichte aufzeigen.
Der historisch-genealogischen Bedeutung Troias für die Römer
und auch für die Adligen des Mittelalters, die sich bekanntlich von
dem aus Troia fliehenden Äneas abstammend erklärten, wird ein
breiter Platz eingeräumt. Anhand von Karten aus dem 13. Jahrhundert
wird deutlich, wie sehr sich die Welt damals um das längst nur noch
im Mythos existierende Troia drehte. Tatsächlich bestand die Stadt
nach 1200 v. Chr. (der angenommenen Zeit des von Homer beschriebenen Trojanischen
Krieges) nur noch als kleine Siedlung, und nach einem Erdbeben im 5. Jahrhundert
lebte hier praktisch niemand mehr. Das homerische Illion, wohl Troia VII
aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., allerdings war eine große, blühende
Handelsstadt mit einer großangelegten Oberstadt um Palast und Heiligtum
und einer zahlreichen Bevölkerung, zugleich aber auch eine strategische
Festung an der Meerenge der Dardanellen. Der berühmte Kampf um Troia
wurde vielleicht auch wegen einer schönen Frau, Helena, geführt,
aber Macht- und Wirtschaftsfragen spielten ohne Zweifel eine mindestens
ebenso große Rolle; das war damals nicht anders als heute.
Apropos heute: Die Eindrücke von der Ausstellung sind wunderbar und
dankenswert; sie lassen einige merkwürdige Vorkommnisse vielleicht
in den Hintergrund treten, die aber gleichwohl nicht akzeptabel sind:
Wenn die LBBW - wie am 18. Mai geschehen - wegen des Besuchs eines hochgestellten
Bank-Chefs (Genaueres wurde nicht bekannt) kurzfristig die Ausstellung
drei Stunden früher schließt und dies zwar auf einem Aushang
bekannt gibt, nicht aber unter der Info-Telefonnummer, unter der noch
vollmundig mit längeren Öffnungszeiten geworben wird, und wenn
dieser Aushang auch erst am Morgen des nämlichen Tages am Eingang
gefunden werden kann, so ist das in höchstem Grade kundenunfreundlich,
ja unverschämt, ignorant und überheblich; besonders Besucher
von weiter weg haben berechtigten Grund zu Verärgerung. Die LBBW
hat zwar diese Ausstellung finanziell gefördert, doch gibt dies den
Verantwortlichen nicht das Recht, so eigenwillig und selbstherrlich mit
der interessierten Öffentlichkeit umzugehen. Nun, die wird es sich
merken.
Auch die weitere Vorgehensweise ist irritierend, und der zu diesem Thema
erschienene Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 21. Mai
ist hier zwar ironisch gehalten, scheint aber fast noch zu zurückhaltend:
Die Beschwerde eines 'Normalbürgers' wurde kühl abgewiesen;
erst ein ehemaliger Politiker aus Waiblingen, Mitglied der württembergischen
Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte, erhielt schließlich,
nach anhaltendem Protest, Freikarten als Entschädigung für den
Zeitaufwand und den Ärger vor verschlossenen Türen. Sollte hier
wieder einmal mit ungleichen Maßen gemessen worden sein? Eine förmliche
Entschuldigung stünde der Bank gut an, doch die Verantwortlichen
verstecken sich hinter fadenscheinigen Erklärungen. Das 'Aussitzen'
von unliebsamen Situationen scheint in der letzten Zeit vor allem in höheren
Etagen allgemein zu einer beliebten Praxis geworden zu sein...
Alles in allem jedoch kann man sagen, hier wurde eine großartige
Sache unternommen. Die jede Schätzung übersteigenden Besucherzahlen
machen das deutlich. Sei es nun die Ansicht, solch eine Schau müsse
man einfach gesehen haben, oder das tatsächliche Interesse an der
in Troia ans Licht kommenden Vergangenheit der europäischen Kultur:
Der Mythos Troia lebt weiter.
www.troia.de
Link
zur Troia Ausstellung in Stuttgart
Bis 17. Juni. Forum der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
Öffnungszeiten:
Mo. 14 bis 18 Uhr
Di., Mi. und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr
Do. bis So. 10 bis 21 Uhr
Eintritt: 12 Mark, ermäßigt 9 Mark. Katalog (Paperback):
49 Mark |
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