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Die Ästhetisierung
des politischen Diskurses
Interview mit dem Medientheoretiker Eric Kluitenberg
von Karin
Hinterleitner
Eric Kluitenberg ist Medientheoretiker und Programmmacher für neue
Medien am Balie,
dem Amsterdamer Zentrum für Kultur und Politik. Seit Jahren arbeitet
er mit der digitalen Avantgarde - Künstlergruppen wie RTMark, etoy,
usw.. Neben Geert Lovink, dem Mitbegründer von De Digitale Stad,
und anderen Netzaktivisten verhalf er Amsterdam zu einem legendären
Ruf in Sachen Netzkultur. Auf dem 14.
Stuttgarter Filmwinter referierte Eric Kluitenberg über die Mystifikation
der New Economy und des Internets. BETACITY.DE
sprach mit ihm über seine Arbeit am Balie und die Probleme der digitalen
Avantgarde. Das Gespräch führte Karin Hinterleitner.

Eric, du arbeitest als Kurator im
Balie in Amsterdam. Verstehst du dich als cultural broker?
Als cultural broker möchte ich mich keinesfalls bezeichnen. Das ist
ein Begriff, der zur Ökonomisierung von Kunst und Kultur hinführt.
Zudem arbeite ich ja auch nicht für irgendeinen Kunstmarkt, sondern
mir geht es zum einen um eine kritische Praxis.
Wie sieht deine Arbeit im Balie aus?
Ich bewege mich in zwei Arbeitsfeldern, die sich auf eine geradezu natürliche
Weise ergänzen. Einerseits kritisiere ich bestimmte gesellschaftliche
und kulturelle Entwicklungen auf einer diskursiven Ebene und versuche
andererseits auf eine positive Weise gesellschaftlich zu handeln, d.h.
Kontexte zu schaffen, in denen andere ihre Ideen verfolgen können.
Das Balie bietet eine einzigartige Arbeitsumgebung. Ich kann das sagen,
da ich in den letzten Jahren in unterschiedlichsten Institutionen gearbeitet
habe. In Holland gibt es kein zweites Zentrum für Kultur und Politik,
und auch im Ausland kenne ich kaum Vorbilder, die einen vergleichbaren
Ansatz verfolgen: Es gibt eine Redaktion für kulturelle Themen
Theater, Kino und neue Medien - und eine für politische Themen -
Wirtschaftpolitik, Flüchtlingsfragen, Migration, internationale Politik.
Alle Veranstaltungen finden im gleichen Gebäude statt, in dem auch
Veranstaltungsprogramme wie z.B. über holländische Gegenwartsliteratur
angeboten werden.
Zudem hat das International Documentary-Filmfestival sein Büro im
Balie, das auch gleichzeitig der Hauptveranstaltungsort des Festivals
ist. Auch die Organisation Press Now, die unabhängige Medien im Balkan
unterstützt, hat hier lange Jahre gearbeitet. In dieser Mischung
mit externen Veranstaltern, die unser eigenes Programm thematisch ergänzen,
ist das Balie eine spannende Plattform für Mainstream- und Underground-Kultur,
für Mainstream-Politik und die jeweiligen Gegenbewegungen, ebenso
für Leute, die überhaupt nicht politisch organisiert sind. Das
Balie ist also ein Treffpunkt für die traditionell holländische
Kultur, ebenso wie für die zunehmend wichtiger werdende internationale
Kultur in der Stadt Amsterdam. Dieser Umstand gewinnt vor dem Hintergrund
an Bedeutung, dass in der Stadt 50 Prozent der Bevölkerung nicht
mehr holländisch ist.
Das Balie ist bekannt für seine Veranstaltungen
zur Entwicklung der neuen Medien undfür seine Konferenzen zur Kritik
an der New Economy, wie net.congestion
und tulipomania.
Welches sind die Kernpunkte Eurer Kritik?
Nun, wir setzen uns den derzeit dominanten Privatisierungs- und Liberalisierung-Tendenzen
in bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen und politischen Diskurses
entgegen - nämlich dort, wo sie nach unserer Meinung keinen Platz
haben, insbesondere in der Kultur. In diesem Sinne ist die Organisation
deutlich links, wenn auch nicht marxistisch orientiert. Wir suchen dabei
das Gespräch mit politischen Bewegungen, die andere Positionen vertreten
und die im übrigen unsere Einladungen auch annehmen.
Das Balie pflegt offensichtlich als eine der wenigen mir bekannten Kultur-Institutionen
einen Austausch mit Initiativen vom Balkan. Wie sieht euer Engagement
im einzelnen aus, z. B. bei der Kampagne zur Unterstützung des Radiosenders
B92, die während des Bosnienkriegs die Weltöffentlichkeit erreicht?
Die Internet-Kampagne
Help
B92 wurde von einer Gruppe von Organisationen unterstützt. Die
wichtigsten waren der Provider XS4ALL,
das Community-Netz
De
Digitale Stad und das Balie. Nachdem die Studios in Belgrad von den
jugoslawischen Behörden geschlossen, die Sendeeinrichtungen beschlagnahmt
und Radio B92 die terrestrische Sendelizenz entzogen worden war, wurde
im Balie die Kampagnen-Zentrale eingerichtet. Bereits lange vor diesem
Zeitpunkt hatte Radio B92 seine Infrastruktur, die mit dem Internet verbunden
war, auf einem Server nach Amsterdam ausgelagert. Seit Jahren bestand
eine gesicherte Leitung von Belgrad direkt nach Amsterdam, von Amsterdam
weiter nach London und über BBC Satelliten wieder zurück nach
Jugoslawien. Auf diesem Weg sicherte Radio B92 seine lokale Sendemöglichkeit
in Belgrad, unabhängig von terrestrischen Frequenzen über die
das Milosevic-Regime verfügte. Das war nicht geheim und auch in Serbien
legalisiert. Selbstverständlich hat Radio B92 diese Genehmigung von
den Milosevic-Behörden nur bekommen können, weil dort nicht
verstanden wurde, wie damit die eigenen Kontrollmöglichkeiten ausgeschaltet
waren: Nach der gewaltsamen Schließung des Senders in Belgrad wurde
eine zweite Redaktion für Amsterdam berufen. Im Balie wurden die
Meldungen der im Untergrund arbeitenden Belgrader Redaktion veröffentlicht.
Solche Kampagnen können eine ungeheure Dynamik entwickeln. Ich finde
vergleichbare Interventionen spannend, bei denen sich ästhetische
Strategien mit politischen Intentionen überschneiden, sowie bei RTMark
oder beim WTO-Hack.
Gleichzeitig ist diese Verknüpfung auch problematisch, gerade wegen
ihrer Auswirkung auf sozio-politische Ereignisse. Damit unterliegen die
Akteure genau jener ethischen Verantwortlichkeit, von der die Moderne
die ästhetisch künstlerische Domäne weitgehend freigesprochen
hat.
Ja, bei der Kampagne gab es durchaus auch kritische Aspekte. Zum Beispiel
konnten wir damals die Nachrichten von der Belgrader Redaktion nicht überprüfen.
Niemand konnte garantieren, dass diese Beiträge nicht ebenso propagandistisch
eingefärbt waren wie die Berichterstattung der Milosevic-Regierung.
Keiner hatte damals am Kriegsschauplatz den Überblick, es gab ein
Informations-Vakuum. Radio B92 war in den kriegsentscheidenden Phasen
das einzige unabhängige Medium in Jugoslawien. Damit hatte die Kampagne
Help B92 mittelbar einen Einfluss auf den Kriegsverlauf. Es zeigte sich
nach Kriegsende, dass zuviel Tote bei Massakern gemeldet wurden. Aber
gerade solche Meldungen von Radio B92 legitimierten das Nato-Bombardement,
dem wir und große Teile der Opposition nicht zustimmen konnten.
Insgesamt kann ich die Kampagne dennoch positiv bewerten, weil Radio B92
auch nach dem Krieg eine wichtige Rolle in der Opposition einnahm.
Nun wirkt eine Kampagne wie Help B92durch ihren unmittelbaren politischen
und gesellschaftlichen Effekt auf einer greifbaren Ebene. Aber es gibt
eine zweite mittelbare und nicht weniger ambivalente Ebene der Ästhetisierung
des politischen Diskurses. Zum einen gibt es die Inszenierung von Politik
als Kunst, wie sie in Deutschland historisch sehr deutlich besetzt ist,
und die ich hier nicht näher ausführen muss. Zum anderen können
mit ästhetischen Verfremdungsstrategien wichtige gesellschaftspolitische
Fragen neu aufgeworfen und definiert werden. Dadurch wird die Diskussion
auf die dahinterstehenden Wertverhältnisse geöffnet. Ich halte
die zweite Ebene, also die Ästhetisierung des politischen Diskurses,
für die größere Aufgabe, wenngleich ich diesen Bereich
thematisch auch noch nicht zu Ende gedacht habe.
Erfolgreiches kulturpolitisches Engagement zeichnet
sich gerade darin aus, Trends zu setzen und Entwicklungen mitzubestimmen.
Das Balie, bzw. die Amsterdamer Szene, besetzt Netzkultur-Themen und ist
damit auf dem Markt der Meinungen sehr präsent. Mit meiner Eingangsfrage
spielte ich auch auf deine Rolle in diesem "Diskurs-Markt" an.
Ja, es gab z.B. bei net.congestion, dem Festival zum Thema Streaming Media,
das wir auf taktische Medienstrategien und unabhängige Gruppen ausrichteten,
Kritik aus dieser Richtung. Armin Medosch machte in Telepolis damals eine
Vorbesprechung.
Er kritisiert darin, dass die Veranstaltung das Thema Streaming Media
zu sehr mit sozialer und politischer Problematik nach Art des "Amsterdamer
Diskurses" besetzten würde. Wir wollten eben nicht nur ein Spaß-Festival,
bei dem wichtige Fragen nach dem Einfluß auf die freie Meinungsäußerung
und die Unabhängigkeit der Medien ausgeschlossen würden. Ich
halte die damalige Kritik in Telepolis für berechtigt, da die Gefahr
einer "Diskurs-Hegemonie" existiert, und es wichtig ist, Gegenakzente
zu setzen. Jedoch wäre es noch besser gewesen, wenn Armin Medosch
aktiv die Diskussion auf unserer für das Festival eingerichteten
Mailingliste gesucht hätte, denn auch solche Fragen wurden während
des Festivals ständig diskutiert.
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