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Interview mit Ute Meta
Bauer (Teil 1)
Ich benötige Distanz zu der Stadt, in der ich arbeite
von Marko Schacher
Den meisten StuttgarterInnen ist Ute Meta Bauer durch ihre langjährige
Arbeit im Künstlerhaus Stuttgart gut bekannt. Obwohl die künstlerische
Leitung des Künstlerhauses
sechs Jahre zurückliegt, sind die von ihr organisierten Symposien
A New Spirit In Curating (1992) oder Radical Chic
(1993) in den Köpfen der hiesigen Medienschaffenden fest verankert.
Parallel sorgte die gebürtige Stuttgarterin mit ihrer Zeitschrift
META für Aufsehen. Seit 1996 ist sie Professorin am Institut
für Gegenwartskunst der Akademie
der bildenden Künste Wien . Sie war eine der GastkuratorInnen
der Ausstellung NowHere am Louisiana Museum of Modern Art
im dänischen Humlebaek, deren Sektion ? sie gemeinsam
Fareed Armaly erarbeitet hat. Okwui Enwezor, künstlerischer Leiter
der Documenta11
, bestellte sie als Co-Kuratorin in sein Team. Marko Schacher sprach mit
Ute Meta Bauer über ihre Einstellung gegenüber der Stuttgarter
Kulturlandschaft, ihre Position in der Kuratorenszene und über ihre
aktuellen Projekte. (Teil 2 des Interviews mit dem Schwerpunkt
Documenta11 - folgt im nächsten Newsletter)

Frau Bauer, Ihre Biographie ist den meisten StuttgarterInnen
zumindest in groben Zügen bekannt. Welche biographischen
Etappen würden Sie als die wichtigsten bezeichnen?
Prägend war für mich, bereits mit 18 Jahren auf den Kunstbereich
zu treffen und zwar in der Stuttgarter Wohngemeinschaft Neue Weinsteige
10, die gleichzeitig Galerie, Versand und Kunstschule war. Vieles,
was im Nachhinein logisch erscheint, hat sich fast zufällig ergeben.
Der Übergang von meiner künstlerischen Ausbildung an der Hochschule
für Bildende Künste in Hamburg hinein in die kuratorischen Projekte
war anfangs nicht beabsichtigt, das hat sich entwickelt. Daraus einzelne
Punkte zu isolieren, fällt mir schwer. Entscheidend war, dass ich
am Künstlerhaus Stuttgart die Gelegenheit hatte, einen Raum über
einen längeren Zeitraum zu bespielen und somit ein programmatisches
Profil herausarbeiten zu können. Eine der Qualitäten des Künstlerhauses
Stuttgart besteht darin, dass die Position der künstlerischen Leitung
stets unkonventionell besetzt wird. Das Künstlerhaus verfügt
nicht über ein großes Budget und Stuttgart ist nicht der Nabel
der Welt, aber es gibt eine relativ große konzeptuelle Freiheit.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren konnte ich dort mein Verständnis
von Kunst kommunizieren und dabei unterstreichen, dass es für mich
relevant ist, Ausstellungsprozesse mit einer diskursiven Praxis zu verschränken,
beziehungsweise zu überlagern. Das Programm von haus.0 unter der
künstlerischen Leitung von Fareed Armaly führt dies noch deutlicher
fort.
Sie haben gesagt, es sei sehr wichtig gewesen, dass Sie die Gelegenheit
bekommen haben, einen Raum über einen längeren Zeitraum zu bespielen.
Trotz alledem scheinen Sie Schwierigkeiten damit zu haben, sich wirklich
fest, zu 100 Prozent an eine einzige Institution zu binden...
Ich hatte nie Festanstellungen, sondern habe immer frei oder mit befristeten
Verträgen gearbeitet - das stimmt. Diese Tatsache ist sicherlich
psychologisch zu begründen. Ich arbeite viel und gern, solange ich
das Gefühl habe, ich mache dies freiwillig und selbstbestimmt. Ich
schätze die Qualität, für einen bestimmten Ort längerfristig
eine Programmatik zu entwickeln, aber die Vorstellung, irgendwo von 9
bis 17 Uhr mit vier Wochen Urlaub im Jahr zu arbeiten - und dies für
den Rest meines Lebens - erweckt in mir Panikgefühle. Realistisch
betrachtet, verfüge ich allerdings kaum über freie Zeit, und
unabhängig ist man im Endeffekt doch nicht. Als Freischaffende bewahre
ich mir aber ein gesundes Verhältnis zum ökonomischen Druck.
Was den Wohnort betrifft, scheinen Sie ähnlich
zu denken: Lebt und arbeitet in Wien und Stuttgart steht immer
wunderschön lapidar unter Ihren Biographien. Fühlen Sie sich
eher als Stuttgarterin oder Wienerin? Wo liegen die Vor- und Nachteile
der beiden Städte?
Natürlich bin ich Stuttgarterin! Ich bin nun mal hier geboren und
aufgewachsen. Korrekterweise müßte es heißen lebt
und arbeitet in der Bahn. Die meiste Zeit verbringe ich tatsächlich
im Zug oder am Flughafen. Ich habe in Hamburg studiert und dort zehn Jahre
sehr gerne gelebt. Mein Vertrag in Stuttgart war von vornherein befristet,
und so habe ich meinen Aufenthalt hier auch verstanden. Ich benötige
Distanz zu der Stadt, in der ich arbeite und kulturpolitisch eine Position
vertrete. Um eine bestimmte Position aufrecht erhalten zu können,
muss ich bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben. Derzeit überlege
ich allerdings schon, meinen Schwerpunkt eventuell doch nach Wien zu verlagern
- einfach weil das Pendeln auf Dauer viel Energie und Zeit verbraucht.
Sie wurden vom Stuttgarter Stadtmagazin Prinz zu einer
der 50 wichtigsten StuttgarterInnen auserkoren...
Ist dem so?
Vielleicht ist das ja auch ein Vorteil: Für die
StuttgarterInnen sind Sie immer noch Stuttgarterin im Ausland, für
die Wiener sind Sie Wienerin...
Das glaube ich nicht (lacht). Ich möchte schon betonen: Diese Distanz
zu halten, heißt nicht, dass ich mich nicht in lokale Strukturen
einbringe. Als Kulturschaffende übernimmt man auch eine Verantwortung
für den lokalen Kontext. In Stuttgart spüre ich diese Verantwortung
im Moment nicht mehr, und in Wien habe ich sie nie gehabt. Gerade innerhalb
der aktuellen politischen Situation in Österreich ist es aber wichtig,
Farbe zu bekennen und präsent zu sein.
Arbeiten Sie gerade in Stuttgart an aktuellen Projekten?
Ja, ich richte gerade im Künstlerhaus ein Produktionsbüro ein.
Für die Ausstellung First Story: Women Building / New Narratives
for the 21st Century, die im Oktober 2001 in Porto eröffnet
wird, kooperiere ich mit einigen Stuttgarterinnen, zum Beispiel mit der
Architektin und Stadtplanerin Yvonne P. Doderer. Zum anderen arbeite ich
derzeit mit Fareed Armaly am Ausstellungsprojekt Architectures of
Discourse für die Fundació Antoni Tàpies in Barcelona.
Für mich ist es wichtig, in einem Teamverbund Inhalte und deren Umsetzung
zu erarbeiten. Ein Team, dem man inhaltlich vertraut, ist für mich
die Voraussetzung, um Neues auszuprobieren. Bei der oft schwierigen Anfangsphase
neuer Konzeptionen muß man sich einfach aufeinander verlassen können.
In dieser Beziehung bewege ich mich in Stuttgart in einem sehr guten Umfeld.
Eine Struktur, wie die des Künstlerhauses Stuttgart gibt es in Wien
nicht. Was im Künstlerhaus vor mir, mit mir und nach mir erarbeitet
wurde, hat einen international eigenständigen Charakter.
Mich persönlich ärgert, dass das Künstlerhaus für
die Vertreter der Stadt in Diskussionen immer als Alibi herhalten muß,
um zu beweisen, dass man auch im alternativen Bereich Institutionen unterstützt.
Gerade Frau Magdowski zählt gerne das Künstlerhaus in einem
Zug mit der Staatsgalerie, dem Württembergischen Kunstverein und
der Städtischen Galerie auf. Tatsächlich habe ich sie aber noch
nie vor Ort gesehen...
Das Haus in seiner Gesamtstruktur ist soweit ich weiss nach
dem Württembergischen Kunstverein und der Galerie der Stadt Stuttgart
die drittbestgeförderte Einrichtung im Stuttgarter Kunstbereich
insofern ist das Künstlerhaus für die Stadt Stuttgart schon
mehr als ein Alibi. Als Alternative verstehe ich das Künstlerhaus
nicht. Es hat eine Position in Stuttgart, sein Programm ist international
bekannt und anerkannt. Solange das Künstlerhaus die notwendigen Mittel
zum Arbeiten bekommt und sich im internationalen Kunstdiskurs positionieren
kann, ist dies mehr von Bedeutung als wenn sich dort die Honoratioren
der Stadt zeigen. Das Künstlerhauses Stuttgart ist nun mal ein Ort
der Produktion und weniger der Repräsentation. Mir ist wichtiger,
welchen Stellenwert das Künstlerhaus bei jungen Kulturschaffenden
hat, und ob diese mit dieser Struktur umgehen können, ob ihnen das
Künstlerhaus Food for Thought gibt. Natürlich spielt
dabei auch der Hardware-Pool eine gewichtige Rolle. Es müssen im
Künstlerhaus Stuttgart einfach die entsprechenden Ausstattungen vorhanden
sein. Gerade die jungen KulturproduzentInnen bemerken recht schnell, ob
das technische Equipment auf dem neuesten Stand ist und wandern sonst
dorthin ab, wo sie entsprechende Konditionen vorfinden. Die technische
Ausrüstung des Künstlerhauses konnte zwischendurch nicht mehr
auf dem neusten Stand gehalten werden, da die Anschaffungsmittel des Regierungspräsidiums
eher Richtung ZKM oder Ludwigsburger Filmakademie geflossen sind. Inzwischen
wurde im Künstlerhaus mit Unterstützung der Stadt Stuttgart
bedingt durch das Engagement von Fareed Armaly erheblich nachgerüstet.
Ich finde es unumgänglich, dass junge Kunstschaffende, die ihre Ausbildung
abgeschlossen haben, weiterhin auf Hardware-Pools zurückgreifen können,
um arbeiten zu können. Im Kunstbereich verdient man gerade mit Medienproduktionen
nicht das Geld, das notwendig wäre, um sich selbst entsprechend auszustatten.
Hans-Joachim Petersen, dem Leiter des Stuttgarter Medienteams, wird auch
vorgeworfen, zunächst hauptsächlich Richtung Karlsruhe geschaut
zu haben...
Das kann ich weniger beurteilen, er war zumindest persönlich bei
einigen Künstlerhaus-Veranstaltungen präsent.
Der zweite Teil des Interviews, in dem es vorwiegend
um Ute Meta Bauers Position innerhalb des Kuratorenteams der Documta11
geht, folgt im nächsten Newsletter.
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