"Mehr sein als Schein"
Betrachtungen zum Wahlkampf der Parteien im Internet

von Dejan Perc

Egal wie die Landtagswahl am 25.März ausfällt, interessant ist die Frage, welchen Anteil das Internet am Ergebnis hatte. Wie schätzen die Parteien das Potential des Internets als Instrument im Wahlkampf ein? Wie nutzen sie es? Dejan Perc analysiert die Internetauftritte der vier wichtigsten Partien.

25. März, 17 Uhr 57, 58, 59 – 18 Uhr. Gebannte Blicke richten sich auf die Fernsehschirme. Wer hat gewonnen? Wer verloren? Mit dem Ablaufen der gesetzlich normierten Karenzzeit ist man der Beantwortung dieser und anderer Fragen sehr nahe, denn dann werden im Fernsehen die auf den Ergebnissen der Nachwahlbefragung beruhenden Prognosen in Form von Balkendiagrammen präsentiert. Während der Balken der Partei X unerwartet steigt und steigt, bleibt derjenige der Partei Y ebenso unerwartet stehen - und das nur unmittelbar, nachdem er angefangen hatte, zu steigen. Die Gewinn-und-Verlust-Rechnung wird aufgemacht. Sogleich machen sich die Journalisten von Funk und Fernsehen auf, erste Reaktionen einzuholen, Stimmungen und Eindrücke festzuhalten. In der Zentrale der Partei X jubelt man, Sektkorken knallen, der Erfolg wird begossen. Bei Funktionären, Freunden und Förderern der Z-Partei – Verlierer des Abends – herrscht Ruhe. Enttäuschung allenthalben, Unverständnis gar; wie konnte das nur geschehen? Man hatte doch alles richtig gemacht. Trotzdem versucht man, ein positives Deutungsmuster der Ereignisse zu kommunizieren, und relativiert den eigenen Prozentwert, der so schlecht ja nicht sei. Außerdem freue man sich auf die nächsten fünf Jahre in der Opposition, von wo aus man kampfeslustig die Regierung vor sich hertreiben werde. Man wiederholt diese Aussagen in jedes bereitstehende Mikrophon, immer wieder und wieder, ganz so, als hoffe man, dass das Ganze nur oft genug gesagt werden müsste, damit es die Wähler glauben und schließlich auch man selbst.

Egal wie das Ergebnis am 25.März ausfällt, fragen wird man sich können, welchen Anteil das Internet daran hatte. Kommunikationswissenschaftlich valide Medienwirkungsstudien geben erste Anhaltspunkte. Interessieren soll uns hier jedoch nicht die Rezipienten-, sondern die Kommunikatorseite. Sprich: Wie schätzen die Parteien das Potential des Internets als Instrument im Wahlkampf ein, und wie nutzen sie es? Der erste Teil der Frage impliziert eine inhaltlich-programmatische Dimension, die im folgenden außer Betracht gelassen werden soll. Zu untersuchen gilt es somit, wie die konkrete Realisierung des Internetauftritts aussieht - und nicht, welche in mehr oder weniger wohlklingende Formulierungen gegossene Aussagen zum Themenbereich Internet/Neue Medien existieren.

Als Indikatoren werden uns hierbei nachstehende Fragestellungen dienen:

  1. Sind auf den bundesparteilichen Internetseiten Hinweise zur bevorstehenden Wahl an prominenter Stelle vorhanden?

  2. Mittels wie vieler Klicks gelangt man von der Dachdomain zu den Seiten des Landesverbandes Baden-Württemberg?

  3. Gibt es ein eigenes Internetangebot zur Wahl unter einer gesonderten Domain?

  4. In welcher Form steht das Wahlprogramm zur Verfügung? Wie ist dieses aufbereitet?

  5. Sind aktuelle Informationen, insbesondere Pressemitteilungen, abrufbar?

  6. Wie schnell finde ich Informationen über meinen Direktkandidaten - wie Vita, Arbeitsschwerpunkte, die nächsten Wahlkampfauftritte und (elektronische) Kontaktmöglichkeiten?

  7. Wie schnell wird auf Anfragen per E-Mail seitens (a) der Parteizentrale und (b) des Direktkandidaten reagiert?
Betrachtet werden sollen die fünf bereits im Landtag vertretenen Parteien, weil sie nach allen Umfragen auch die größten Chancen haben, erneut ins Parlament einzuziehen.


Sind augenfällige Verweise auf die Wahl in Rahmen der Dachdomain-Präsenz eingebaut?

Da die URLs der baden-württembergischen Dependancen im Regelfall nicht sehr präsent sind, insbesondere dann nicht, wenn sie ohne logische Struktur sind - wie bei der CDU (Bundes-CDU: www.cdu.de, Landes-CDU: www.cdu.org), wird man als wahlinteressierter Bürger im Regelfall über die bundesparteilichen Seiten einsteigen.

Die beiden Volksparteien CDU und SPD haben jeweils auf der rechten Seite ihres Webauftritts entsprechende Grafiken eingebunden. Die Sozialdemokraten haben dabei eine prominentere Platzierung gewählt als die Union, bei der man erst nach einigem Scrollen das Banner entdeckt - das dafür mit Bild des Spitzenkandidaten.

FDP und Grüne scheinen einen Link nicht für nötig zu erachten. Die Grünen weisen auf den im letzten Jahr stattgefundenen baden-württembergischen Virtuellen Parteitang hin. Sonst sucht man vergeblich nach Baden-Württemberg-Links. Die Liberalen offenbaren in der letzten Meldung auf der Seite (ebenfalls erst nach einigem Scrollen zu erreichen), dass „Döring im Wahlkampf verstärkt auf das Internet setzt“. Nun ja!

Die „Republikaner“ fallen etwas aus dem Schema heraus, weil auf deren Seiten eigentlich nichts anderes zu finden ist, als Links zu den nächsten Wahlen – zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wie auch der Kommunalwahl in Hessen.


Wie schnell sind die Seiten des Landesverbandes zu erreichen?

Falls keine Wahlhinweise vorhanden sind, sollte zumindest eine schnelle Möglichkeit gegeben sein, die Landesverbände im Internet zu finden. Diese Möglichkeit ist eigentlich bei allen Parteien in annähernd gleicher Weise implementiert.

Bei der FDP benötigt man zwei Klicks, bei SPD und CDU jeweils drei. Wobei die SPD wieder den Link geschickt rechts oben gesetzt hat. Anhänger der Grünen benötigen drei Klicks, wenn man über „Grüne Links“ geht, fünf, wenn man die – wie ich finde – naheliegenderen „Strukturen“ wählt. Die „Republikaner“ schicken uns über vier Sprünge nach Baden-Württemberg.



Werden eigenständige Seiten zur Wahl unter einer gesonderten Domain angeboten?

Eine zusätzliche, im besten Falle eingängige Domain für Informationen zum Landtagswahlkampf lässt sich bei geschicktem Einsatz leichter und einprägsamer kommunizieren.

Die Sozialdemokraten haben als einzige Partei spezielle Wahlseiten ins Netz gestellt
www.spd2001.de. Die FDP plakatiert offensiv ihre Zusatzdomain
www.doering01.de. Allerdings zeigt sich auch hier die starke Personenzentrierung auf den Spitzenkandidaten Walter Döring (siehe unten). Die Grünen haben zwar ebenfalls eine Zusatzdomain www.die-treibende-kraft.de bewerben diese aber nur unzureichend und bieten auch kein zusätzliches Angebot, da man lediglich auf die Seiten des Landesverbandes weitergeleitet wird. Domainbezügliche Fehlanzeige bei CDU und den „Republikanern“.


Welchen Zugriff hat man auf das Wahlprogramm?

Die internetgerechteste Form ist eine HTML-Version mit Hyperlinks gefolgt von einer downloadbaren PDF-Datei.

Die beiden Volksparteien sehen das auch so. Während die SPD ihr Wahlprogramm mit Links versieht und so gezielten Zugriff ermöglicht, wählte die Union den einfachsten Weg, indem sie das Programm lieblos, völlig ohne Links als Fließtext ins Netz stellt.

Die Liberalen bieten mit Word-, RTF-, und PDF-Versionen die größte Auswahl, lassen aber eine HTML-Umsetzung vermissen - so auch die Grünen, die nur auf PDF setzen.

Die "Republikaner" haben zwar eine HTML-Seite mit einer "Progammatik" (sic!), die stellt jedoch kein eigentliches Wahlprogramm dar, da sie Themen wie Asyl- und Außenpolitik sowie Wehrdienst umfasst, also nicht gerade typischerweise in der Kompetenz der Länder liegende Politikfelder behandelt. Ganz zu schweigen von der Dauer, bis man den Text findet.


Werden aktuelle Pressemitteilungen zugänglich gemacht?

Der Nutzen von Informationen in Zeiten des Wahlkampfs ist regelmäßig dann am größten, wenn die Informationen aktuell sind. Außerdem sollte eine Partei gerade im Internet die Möglichkeit ergreifen, ihre Pressemitteilungen (PMs) zu eröffentlichen, da so dem Nutzer ungefilterte Informationen aus der Sicht der jeweiligen Partei zur Meinungsbildung angeboten werden können. Die oft beklagte Nichtbeachtung, Veränderung oder Kommentierung von Parteistandpunkten durch Journalisten kann hier elegant umgangen werden.

Diese Chance nutzen Union, Liberale und Sozialdemokraten, die Grünen halten PMs nur in einem geschützten Bereich zur Verfügung, die für den „Normalbesucher“ nicht zugänglich sind. Die „Republikaner“ halten nur Meldungen aus vergangenen Landtagsdebatten für berichtenswert, Positionen zu nicht im Landtag debattierten Themen werden nicht offeriert.


Welche Informationen zu den Kandidaten werden bereitgehalten?

Zu den wohl wichtigsten Informationen zählen Daten über die Kandidatinnen und Kandidaten der Parteien. Welche Köpfe stecken dahinter? Wie wird die Human-Touch-Seite der Politik kommuniziert?

Der erste Eindruck bei den Liberalen: Die FDP hat nur einen Kadidaten, besteht eigentlich nur aus ihm, definiert sich über ihn: Walter Döring. Siebenmal ist sein Konterfei auf den Baden-Württemberg-Seiten zu sehen. Aber, als wäre das nicht schon genug, öffnet sich zudem ein Pop-Up-Fenster mit einem gelb hinterlegten Döring. Eine derartige Personalisierung erscheint bedenkenswert - zumal es auch genügend andere liberale Kandidaten gibt. Um mehr über sie zu erfahren, gibt es zwei Auswahlmöglichkeiten: Entweder kann man den Kandidaten über den Kreis auswählen oder aus einer alphabetischen Auflistung der Mandatsbewerberinnen und -bewerber. Nach der Auswahl erhält man dann eine Seite mit dem jeweiligen Erst- und Ersatzkandidaten, sowie deren Bild und Vita. Leider fehlen Standpunkte und individuelle Noten.

Diese sind dafür bei den Grünen zu haben. Über gleiche Selektionsoptionen gelangt man zum Bewerber, der uns neben seinem Bild mitteilt, wofür er sich einsetzt. Nach einem Klick erscheinen eine Kurzvita, die Adresse, die nächsten Wahlkampftermine, E-Mail-Adresse und URL der eigenen Homepage.

Die SPD ist in dieser Rubrik Musterschülerin. Neben einem kurzen Weg zu den Kandidaten (je nach Informationsbedarf ein oder zwei Klicks) bietet sie auch die umfangreichsten Informationen. Nach dem ersten Mausklick gelangt man auf eine Seite mit ausführlichen Daten zur Spitzenkandidatin Ute Vogt. Darunter befindet sich eine Kandidatenübersicht mit Namen, Geburtsdatum, Wahlkreisnummer, Beruf und E-Mail. Beachtlich ist hierbei, dass von den 70 Mandatsanwärtern ganze vier (!) keinen E-Mail-Account haben. Das dürfte wohl die höchste Penetrationsrate unter den Parteien sein.

Rechts oben hat man bei der „Kandidatenbank“ über die bereits erwähnten zwei Wahlmöglichkeiten Zugriff auf die einzelnen Bewerberdaten. Diese umfassen jeweils das Bild, die Rubrik „Dafür stehe ich“, die Kontaktadresse samt E-Mail, die „Veranstaltungen“ mit sämtlichen Terminen und unter „Weiteres“, sofern vorhanden, die eigene URL.

Das genaue Gegenteil zur SPD, nicht nur politischer Art, stellen die „Republikaner“ dar. Dieser Bereich ist nicht mangelhaft, sondern in jeder Hinsicht völlig ungenügend. Selbst die obligatorischen Bilder sind nicht von allen Kandidaten vorhanden. Drei möchten sich wohl lieber unerkannt um ein öffentliches Amt bewerben. Oder schätzen sie selbst ihre Erfolgschancen derart gering ein, dass sich nicht einmal das Anfertigen von Bildern lohnt?

Die Union stellt ihre Kandidaten nur alphabetisch ins Netz. Von einer Gesamtübersicht gelangt man mittels Links zu den Individualeinträgen, die neben einem Bild, Angaben zu innehabenden Ämtern, Beruf, E-Mail-Adresse und der URL der eigenen Homepage (sofern vorhanden) eine Vita und zum Teil einen Wahlspruch enthalten. Manche Kandidaten bedienen sich der Zitate Prominenter; so wird beispielsweise Max Weber zitiert. Andere wiederum sind wahlspruchlos. Einer aber hat das folgende Motto auf seinen Schild gehoben: „Mehr sein als Schein.“ (sic!). Auch wenn zu vermuten ist, dass der Mottowähler, Winfried Scheuermann, das substantiiertere Substantiv „Sein“ meint, macht er uns mit der Verwendung des Hilfsverbs klar, dass er versucht, mehr zu sein, als nur Schein. Na, wenn das kein unterstützenswertes Ziel ist!


Wie schnell wird auf E-Mail-Anfragen seitens (a) der Parteizentrale und (b) des Direktkandidaten reagiert?

Der meistgenutzte Internetdienst sollte von den Wahlkämpfern auf Grund seiner hinlänglich bekannten Vorteile intensiv genutzt werden. Davon ausgehend, sandten wir je eine E-Mail mit Fragen an die fünf Parteien und an fünf Direktkandidaten. Die Parteien sollten beantworten die Fragen, wer der Direktkandidat eines zufällig ausgewählten Kreises ist, wann dessen kommende Wahlkampfauftritte sind und woher das Wahlprogramm zu beziehen ist. Die Kandidaten baten wir um eine Beschreibung der Parteiposition zum Bereich Neue Medien/IT und die Nennung der nächsten eigenen öffentlichen Auftritte.

Alle Parteien haben geantwortet. Die FDP sogar innerhalb von einer halben Stunde. Nach drei Tagen waren auch die letzten Antworten da. Bei den Direktkandidaten, die alle für den gleichen Kreis nominiert sind, sieht es ganz anders aus. Enttäuschend das Bild von den Grünen, „Republikanern“ und Sozialdemokraten. Bis zum Redaktionsschluss, zwei Wochen nach der Anfrage, warteten wir vergeblich auf Antwort. Positiv hebt sich der Kandidat der CDU hervor, der noch am gleichen Tag, abends, eine alle Fragen zur vollen Zufriedenheit beantwortende E-Mail versandt hat. Die Antwort der Kandidatin der FDP erreichte uns zwei Tage später.

Die Parteien sollten die Bedeutung und die Chancen der - wenn auch medial vermittelten, so doch direkten - Kommunikation mit dem Wähler nicht zu gering schätzen.


Das Fazit

Auch wenn keine der hier vorgestellten Parteien das Potential des Internets als zumindest additives Wahlkampfinstrument voll ausschöpft, lassen sich doch erhebliche Unterschiede in der Bedeutungszumessung feststellen.

Die SPD schneidet im Verhältnis am besten ab. Sie konnte unsere Anforderungen an das Informationsangebot im Webbereich vollumfänglich erfüllen. Ein bedeutender Kritikpunkt allerdings bleibt: Die lobend erwähnte hohe Verbreitung von E-Mail-Accounts bei den SPD-Kandidatinnen und -kandidaten vermag nicht so recht zu überzeugen, wenn auf E-Mails nicht reagiert wird. Was nützt einem eine hohe Penetration, wenn man trotzdem keine Antwort erhält?

Auf Platz zwei unseres Tests steht die FDP. Trotz der deutlich geringeren Mitgliederzahl und des sehr begrenzten Budgets hat sie es geschafft, in weiten Teilen mit „gut“ bis „sehr gut“ abzuschneiden.

Die CDU landete mit Platz drei im Mittelfeld. Da könnte man sich an den
beiden Vorgenannten orientieren und das eigene Anforderungsprofil für
den "Internetführerschein" etwas überarbeiten. Sonst läuft noch
irgendwann die Gültigkeit wegen Unzeitgemäßheit ab.

Die Grünen haben in der Untersuchung enttäuscht und landeten auf einem
schlechten Platz vier. Denn obwohl sich die Partei bisher ausgesprochen
positiv hervorgetan hat in Sachen Internet - erinnert sei an den unlängst
abgehaltenen pionierhaften Virtuellen Parteitag - wurde den hohen
Erwartungen an die Innovativität des sonstigen Auftritts nicht
entsprochen. Schade.

Weit abgeschlagen finden sich die „Republikaner“ auf dem letzten Platz wieder. Die Navigation gestaltet sich schwer. Der Seitenaufbau ist unübersichtlich und wenig intuitiv. Gerechtfertigt für den desaströsen Internetauftritt daher die versetzungsverhindernde Gesamtnote: „ungenügend“.


Die Sites der im Landtagswahlkampf B-W vertretenen Parteien:
www.cdu.de
www.gruene.de
www.fdp.de
www.oedp.de
www.rep.de
www.spd.de


Die SpitzenkandidatInnen der Landtagswahl B-W mit eigenen Sites:
www.doering01.de
www.erwin-teufel.de
www.ute-vogt.de

 

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