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Harmonie und Alltag
Podiumsdiskussion zum Medienstandort Stuttgart
von Karin Hinterleitner
In Stuttgart ist die Gegenwartsbewältigung in vollem Gange: Nach
der "Kunststadt" wurde nun die "Medienstadt" zum Thema
einer vom Presseamt der Stadt Stuttgart veranstalteten Podiumsdiskussion.
Vor dem im Café Künstlerbund zahlreich erschienenen Fachpublikum
übte sich das Podium - Marianne Gassner, Florian Höllerer, Joachim
E. Fischer, Dr. Hans-Joachim Petersen, Bettina Klett und Moderatorin Frau
Susanne Wetterich - in einer optimistischen Sichtweise des Medienstandorts.
Karin Hinterleitner gibt einen Kommentar aus der Sicht Medienschaffender.
Wir Medienschaffenden wissen, was wir an Stuttgart schätzen:
prosperierende ökonomische Verhältnisse, eine gute Infrastruktur,
einen starken Mittelstand und stabile Lebenszusammenhänge. Die Old
Economy sorgt für eine Auftragslage, um die wir bundesweit beneidet
werden. Und die kurzen Wege in der Stadt sind freizeit- und familienfreundlich.
Abgesehen von den hohen Mieten ist die Stadt ein guter Produktionsstandort.
Nun prädestinieren solche Eigenschaften, wie gerne betont wird, einen
Standort zum Tüftlerparadies - weniger zum kosmopolitischen Marktplatz
für Lifestyle und Meinungsbildung.
Die Aufgabe des Abends im Künstlercafé bestand darin, sich
in einem positiven Blick auf die eigene Stadt zu üben und die zuwenig
kommunizierten Vorteile der Stadt aufzuzählen. Einmal "nichts
Schlechtes" über Stuttgart sagen - das war der erste Teil.
Beim zweiten Teil durften die Gäste etwas deutlicher werden und ihre
Wünsche formulieren. Was uns fehle, bezeichnete Marianne Gassner,
Film Commission, als Ideenkultur und Joachim E. Fischer, Melle_Pufe, als
sexy spirit und Bettina Klett, Wirtschaftsförderung Region
Stuttgart, als offenes Ohr beim Establishment für Leute
mit neuen Ideen. Joachim E. Fischer bemerkte, dass an anderen Standorten
die Medienlandschaft häufig aus einer Industriebrache heraus entstanden
und als notwendige Umstrukturierungsmaßnahme politisch gefördert
worden sei. Hierzulande ließen sich viele Politiker von der stabilen
ökonomischen Lage dazu verleiten, keinen Handlungsbedarf in dieser
Richtung zu sehen und würden infolgedessen auch nicht für die
notwendige Ausstrahlungskraft der Region sorgen. Er verwies auf die Erfolge
von Edmund Stoiber und Wolfgang Clement in Sachen Standortwerbung. Ebenso
forderte Marianne Gassner in Zusammenhang mit den bekannt gewordenen Plänen
des SWR, seine Produktion an eine externe GmbH (Maran Film GmbH) abzugeben,
mehr politischen Rückhalt für mittelständische Produktionsfirmen
in der Region.
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Beiträge aus dem Publikum bescheinigten dem Podium
eine zu harmonisierende Vorstellung. Arne Braun, Lift,
wies auf Versäumnisse der jüngsten und jüngeren Vergangenheit
hin, die noch nicht aufgearbeitet seien (Kleine Tierschau, Filmhaus).
Dr. Michael Kienlze, Stadtrat,
beklagte ebenfalls, dass wichtige politische Diskussionen in eine Imagedebatte
abgesunken seien. Ein Vertreter von bigFM
verglich die aktuelle Imagedebatte mit der Expo 2000, die von den ortsansässigen
Medien "totgeschrieben" worden sei. Er sehe das Problem ebenfalls
darin, dass die Stadt ihre Vorteile nicht positioniere und die Kooperation
zwischen den Medien zu wenig stattfände.
Schade, dass die Gelegenheit zum offenen Meinungsaustausch
mit dem Fachpublikum von Seiten der Stadt nicht wahrgenommen wurde. Ein
Hearing statt einer ritualisierten Podiumsdiskussion wäre angesichts
der versammelten Kompetenz produktiver gewesen. Der Appel von Bettina
Klett und Marianne Gassner, die Stadt solle ihre kreativen und eigenwilligen
Köpfe, "die Leute, die für wenig Geld viel tun", mehr
lieben und wertschätzen, ging in die richtige Richtung.
Die ganze verkorkste Imagedebatte zeigt, dass das saturierte Stuttgart
seine Defizite an sogenannten "soft values" nicht mehr unter
den Teppich kehren kann: Es fehlen Neugierde, Unvoreingenommenheit und
Wandlungsfähigkeit. Es kommt zwar inzwischen vor, dass sich Repräsentanten
dieser Stadt im Ruhme der HipHopper sonnen, seitdem sich einige der ungeliebten
Wandverschmierer als "Cultural Entrepreneurs" etablieren konnten.
Bei solchen Reden entsteht jedoch der Eindruck, dass die von Medienberatern
verordnete Zielgruppenaffinität vom Patienten noch nicht "gelebt"
wird. Eine Weisheit aus der neuen Wirtschaft gibt dem Patienten Hoffnung:
Schein ist der erste Schritt zum Sein - First fake, then make!
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