Lange Nacht der Museen
Die Vermischung von E- und U-Kunst
von Marko Schacher
Es soll Zeitgenossen geben, die einen von Ehrfurcht und Passivität
geprägten Ausstellungsbesuch als die einzig adäquate Annäherung
an die Kunst ansehen. Diese Menschen werden am 31.März zur Langen
Nacht der Museen sicherlich zu Hause bleiben. Alle anderen werden
an der vierten Bus-Tour zu Kunst, Kultur und Parties und der dortigen
Vermischung von E-Kunst und U-Kunst ihre helle Freude haben. Marko Schacher
wagt einen Rückblick auf das Stuttgarter Kunstgeschehen des letzten
halben Jahres und gibt drei Routen-Tipps für die lange Museumsnacht.
Blöde Event-Kultur, schreien die einen, Abbau von
Berührungsängsten, frohlocken die anderen. Auch an der
vierten Langen Nacht der Museen werden sich die Geister scheiden.
Wenn sich DJ-Sounds, Gemälde und Knoblauch-Baguette zum Gesamtkunstwerk
vermischen, werden die einen pikiert an ihrem Sektglas nippen, die anderen
werden die lockere Atmosphäre zu einem unbeschwerteren Kunst-Zugang
nutzen.
Unter der Federführung des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT
zeigen 41 Museen, Kulturinstitutionen und Galerien von 19 Uhr bis 2 Uhr
morgens ihre Ausstellungen, veranstalten Sonderführungen, Performances,
Konzerte und Künstlergespräche. Neu dabei sind unter anderem
das Hauptstaatsarchiv, die Stadtbücherei, die Stiftskirche und die
Kunstakademie. Damit man wenigstens ansatzweise eine Chance hat, alle
Stationen zu besuchen, pendeln in kurzen Abständen Shuttle-Busse
auf drei Routen zwischen den Locations. Das Ticket für 20 Mark gilt
als Einladungskarte in alle Häuser und als Busfahrschein.
Rückblick
Ein Jahr ist es her, seitdem die letzte Lange Nacht der Museen
Stuttgarts Kulturlandschaft in Bewegung gesetzt hat. Seitdem ist viel
passiert. Angetan vom Erfolg der Veranstaltungsreihe und der daraus resultierenden
Vernetzung der hiesigen Kulturinstitutionen haben sich im vergangenen
September 24 Stuttgarter Galerien zusammengeschlossen, um den vor sich
hin dümpelnden Galeriensamstag auf Vordermann zu bringen.
Das Resultat hieß art alarm. Per Shuttle
wurden die Interessenten zu den einzelnen Stationen gefahren, an denen
die ausstellenden Künstler mit Kaffee und Kuchen warteten. So ganz
optimistisch waren die beteiligten Galeristen aber nicht, sonst hätten
sie zum Shuttle-Service mehr als drei Taxis mit je sechs Sitzplätzen
eingesetzt. Egal: Abgebaute Vorurteile und entspannte Galeriegespräche
sind wichtiger als abgelaufene Schuhe.
Am Lobenswertesten war, dass sich der Gemeinderat erstmalig durchgerungen
hatte, den Galeriensamstag finanziell zu unterstützen. Mit ausschlaggebend
für dieses Umdenken im Rathaus war sicherlich die von angehenden
Kunsthistorikern der Universität Stuttgart unter Leitung von Beat
Wyss angefertigte Kunststudie Kunststadt
Stuttgart. Die mangelnde Vernetzung der hiesigen Kunstszene
und die zurückhaltende Unterstützung von Seiten der Stadt wurden
als Problemfelder erkannt und auf öffentlichen und nichtöffentlichen
Veranstaltungen diskutiert.
Um die nötigen nächsten Schritte einzuläuten, hat Pfarrer
und Hospitalhof-Leiter Helmut A. Müller letzten Monat zum Symposium
in den Hospitalhof geladen. Dort haben unter anderem Kunstaka-Professorin
Marianne Eigenheer, Galerist Michael Sturm und Andreas Jürgensen,
neuer Leiter des Württembergischen Kunstvereins, auf die Frage Was
Stuttgart tun muss, um sich als Kunststadt zu profilieren reagiert.
Einen Schritt in die richtige Richtung haben die Organisatoren des Rahmenprogramms
zur Joan-Jonas-Ausstellung in der Städtischen Galerie getan. Zahlreiche
Workshops, Aufführungen und Vorträge in der Gedok-Galerie, der
14-1-Galerie, der Städtischen Galerie beim Bund Bildender Künstlerinnen
und im Zapata haben die Aufmerksamkeit auf eine bisher kaum wahrgenommene
Nische innerhalb der Stuttgarter Kunstszene gelenkt: die Performance-Kunst.
Die Darbietungen reichten vom inszeniertem Small-Talk auf der Schaukel
(Katharina Weishäupl), über surreale lebende Bilder (Peter Haury)
bis zur blutigen Haarwäsche (Hyun-Joo Min). Wer erlebt hat, wie sich
im Zapata vor und zwischen den Aufführungen Discobesucher mit Kunstfans
durchmischt haben, hat einen kleinen Vorgeschmack auf die Lange Nacht
der Museen bekommen.
Die Lange Nacht
41 Museen, Galerien und Kulturinstitutionen in sieben Stunden? Das macht
laut Herrn Casio 10 Minuten pro Ausstellung. Diese Rechnung geht selbst
für die geübtesten Vernissagen-Hopper nicht auf. Es gilt, Prioritäten
zu setzen. Anbei ein paar Routen-Tipps:
Anna Ingerfurth
1. Der Lokalmatadoren-Trip
Wer bei ABR an sein Auto denkt, sollte schleunigst Nachhilfeunterricht
in Sachen Kunst aus Stuttgart für Stuttgart nehmen. Denn
die 1982 von René Straub und Harry Walter gegründete Künstlergruppe
ABR (= Archiv beider Richtungen) ist seit langem international bekannt.
In der Städtischen
Galerie [Haltestelle 1 aller Touren] zeigt die Gruppe unter dem Titel
Ornament und Versprechen Rauminstallationen mit tapezierten
Vitrinen. Parallel kann man sich über die Bedeutung von Otto Dix,
Oskar Schlemmer und Willi Baumeister für Stuttgart aufklären
lassen und deren Werke bewundern.
Nicht weit historisch und auch topographisch ist Max Ackermann entfernt,
dessen Gemälde, Pastelle, Zeichnungen und Druckgraphiken in der Galerie
Königsblau im Königsbau zu sehen sind. Der als Klassiker
der Moderne geltende Künstler hat sich seinerzeit Stuttgart als Wahlheimat
ausgesucht.
Wer das Stuttgarter Heroes-Ensemble nach dem Motto Wenn
schon, denn schon komplettieren möchte, sollte die Ausstellung
Das kleine Format mit Papierarbeiten von K.R.H.Sonderborg
in der Galerie Walter Bischoff [Tour 2, Haltestelle 5] aufsuchen. 25 Jahre
hat der Pionier der informellen Malerei an der Stuttgarter Kunstakademie
Künstler wie Stephan Jung unterrichtet. Ab 22 Uhr können einige
Grafiken ersteigert werden.
Wer sich für die aktuelle Stuttgarter Kunstszene interessiert, sollte
sich die erst seit kurzem in Stuttgart ansässige Galerie helm/reiswig
[Tour 2, Haltestelle 6] nicht entgehen lassen. Tilmann Eberwein weiht
mit einer Groteske des Machtbetriebs Kunst die neue Experimentierplattform
Labor der Galerie ein. Auf einem installiertem Balkon können
sich die Besucher in bedeutungsschweren Gesten üben. Parallel sind
surreale Pop-Welten von Anna Ingerfurth zu sehen.
40 Hausnummern weiter lockt die Oberwelt
mit einem Video-Kiosk - bestückt mit Videoarbeiten von
diversen Oberweltlern. Dazu werden Lutscher und Süßigkeiten
gereicht.
In der Ausstellung Halt im Alten Zahnradbahnhof [Tour 2, Haltestelle
8] bekommt man von der Künstlergruppe maximal
gleich sieben völlig unterschiedliche künstlerische Positionen
serviert von abstrakten Riesengemälden bis zu witzigen Holzskulpturen.
Die Arbeiten von Isa Dahl, Thomas Heger, Rolf Kilian, Bernd Mattiebe,
Rainer Schall, Daniel Wagenblast und Bernhard Walz hängen, parallel
zu den Schienen, freischwebend im Raum. Von 23 bis 4 Uhr (!) legt dort
DJ Nikos House und Black Music auf. Auch das Ungarische Kulturinstitut,
die Kunstakademie,
die Galerie
Insel und die Galerie
Naumann präsentieren junge Stuttgarter Künstler.
Einen wichtigen Sohn der Stadt präsentiert auch das Hegel-Haus in
der Eberhardstraße [Tour 3, Haltestelle 2]. Im Geburtshaus des Philosophen
Friedrich Hegel kann man einen Streifzug durch das Stuttgart zu Hegels
Zeiten unternehmen und Bücher, Manuskripte und Gedichte aus der Feder
des großen schwäbischen Philosophen bestaunen.
Max Ackermann
2. Der anspruchsvolle Trip
Nicht jedem steht der Kopf nach Party und Remmidemmi. Viele wollen die
Lange Nacht nutzen, um sich in unbekannte kunsthistorische
Gefilde zu begeben. Ein idealer Ausgangspunkt dafür ist die Stiftskirche
Stuttgart [Haltestelle 1 aller Touren]. Die älteste und größte
Kirche Stuttgarts wird derzeit renoviert. Dabei wurden Fundamente, Gräber
und Wandmalereien freigelegt. Ein Besuch in der Stiftskirche gewährt
zudem einen Einblick in tausend Jahre Baugeschichte: von der Romanik bis
zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im Stirling-Bau der Staatsgalerie
[Tour1 und Tour 2, Haltestelle 3] erhält man Einblicke in das geheimnisvolle
Bilderkosmos des Surrealisten Yves Tanguy und seiner Pariser Weggefährten.
Keinesfalls übersehen sollte man dabei das Kabinett mit den präsentierten
Cadavre equis-Falt-Spielchen. Als einzige Station in Europa
wagt die Staatsgalerie im Jahr seines hundertsten Geburtstages eine umfangreiche
Retrospektive des 1955 gestorbenen Künstlers.
Die Galeristin Angelika Harthan [Tour 2, Haltestelle 9] präsentiert
in ihren neubezogenen Räumen in der Gerbersstr.5c Arbeiten von Magdalena
Jetelová. Bekannt wurde die 1946 in der ehemaligen Tschechoslowakei
geborene Künstlerin durch ihre gewaltigen Stühle aus Holz. Bereits
diese Arbeiten zeigten vor dem Hintergrund der 1995 nach Deutschland erfolgten
Emigration deutlich die Verbindung von formaler Ästhetik und politischem
Inhalt. In der Galerie Angelika Harthan zeigt die Künstlerin ihr
Havana Projekt 1994/1995 bestehend aus Videoschleifen
einstürzender Gebäude und abstürzender Flugzeuge, lateinamerikanischen
Rhythmen und den Geräuschen der Stadt. Die allseits bekannten Klischees
der kubanischen Hauptstadt sucht man umsonst. Im Filmhaus
[Tour 1, Haltestelle 2] ist die Fotoausstellung Erinnerte Zeit
mit Stills aus den Filmen von Andrej Tarkowskijs, Fotos vom Set und aus
dem Familienalbum zu sehen. Obwohl Tarkowski nur acht Filme gedreht hat,
gehört er mit solch rätselhaften Filmen wie Solaris
(1972) und Stalker (1979) zu den ganz Großen der Filmgeschichte.
Zusätzlich im Filmhaus zu sehen: Das Programm des European
Media Art Festival Osnabrück zehn Arbeiten internationaler
Videokünstler. Ausklingen lassen kann man die Tour bei Galerist Klaus
Peter Goebel [Tour 1, Haltestelle 9], der unter anderem Editionen von
etablierten Künstlern wie Kathrin Kaps, Olaf Probst, Thomas Locher
und Peter Zimmermann zeigt.
Claudia Gehrke
3. Der Schmuddel-Trip
Der Schmuddel-Trip startet in der Stadtbücherei
im Wilhelmspalais [Tour 2, Haltestelle 2], die sich zur Langen
Nacht leicht verrucht gibt. Im Kunstraum im ersten Stock
stellt die Kunstakademie-Klasse Holger Bunk Arbeiten zum Thema Erotik
aus. In der Kinderbücherei wird unter dem Titel Es brummte
zart direkt an seinem Ohre nach Erotik in der Kinderliteratur geforscht.
Zu unregelmäßigen Zeitpunkten finden erotische Minutenlesungen
mit Eva Isa Büchel, Luisa Wunderlich, Gerald Friese und Michael Speer
statt. Um 20 und 20:30 Uhr lesen Ulrieke Ruwisch und Karlhans Frank aus
ihrer erotischen Anthologie Im Gewitter der Rosen. Um 22:30
wird im Foyer organisiert vom Tübinger Konkursbuch-Verlag
- Li(e)bidoliteratur von Sigrun Casper, Dagmar Fedderke und
Katrin Kremmler dargeboten. Um den Schmuddelfaktor zu erhöhen, läuft
man zur Galerie
Rainer Wehr [Tour 2, Haltesstelle 9] am besten zu Fuß
entlang am Sexshop neben dem Limelight. Die dortige Ausstellung Erotik
vereint heitere, spielerische und versteckte Aspekte der Erotik von 19
jungen und jungebliebenen Künstlern wie Milena Geier, deren nackte
Damen vor kurzem für Aufregung im Treffpunkt Rotebühl sorgten.
Auf dem Rückweg sollte Mann sich den Bauchtanz in der ifa-Galerie
am Charlottenplatz [Haltestelle 1 aller Touren] nicht entgehen lassen.
Die Frauen trösten sich mit der Fotoausstellung Mes Arabies
von Samer Mohdad. In der Musikinstrumentensammlung im Fruchtkasten [Haltestelle
1 aller Touren] am Schillerplatz mutiert die Lange Nacht dann
zur Liederlichen Nacht. Romy Haag, die Chansoneuse die früher
mal ein Mann war, stellt um 23 Uhr ihr Programm Huren und Engel
vor. Um 0:15 und 1 Uhr warnen Die Sirenen Nicht so schnell
meine Herren mit der Liebe. Wem nackt nicht nackt genug ist, der
sollte einen Abstecher ins Museum
am Löwentor [Tour 3, Haltestelle 5] machen. Die dortigen Saurier
haben nun wirklich jegliche Hülle abgeworfen. Die aktuelle Wechselausstellung
heißt Im Reich der Meerengel.
Die vorgestellten Routen-Tipps erschienen auch
ergänzt mit zwei weiteren Vorschlägen - im Stadtmagazin LIFT
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