Architektur mit Leuchtkraft?
Galerie der Stadt Stuttgart und Kleiner Schloßplatz kurz vor Baubeginn

von T. Bock


Nach jahrzehntelangem Reifungsprozess ist man endlich so weit und versucht sich an der Bereinigung der architektonischen Nachkriegssünde par excellence. Switzerland und Pauls Boutique sind dann nicht mehr. Im Zentrum steht die Galerie der Stadt Stuttgart - ob als Treibhaus, Kunsttempel oder “Lichtarchitektur” steht noch nicht ganz fest. Die Kunstszene fürchtet sich schon mal vor Touristen-Ausstellungen. Derweilen sucht man im Rathaus noch einen Investor und übersieht vor lauter Sparsucht großartige Möglichkeiten. T. Bock berichtet von Chancen in letzter Sekunde und gemischten Aussichten.

Abb.1 Galerie der Stadt Stuttgart und Kleiner Schloßplatz, © Hascher & Jehle

Um 1990 beschloß der damalige OB Manfred Rommel, den Bau der Galerie der Stadt Stuttgart wegen der Kosten der Deutschen Wiedervereinigung auszusetzen. Gut 10 Jahre später muß nun der Neubau zügig realisiert werden, bevor die Konjunktur vielleicht abflaut. Doch erst vor ein paar Wochen hat sich der Investor Stilwerk, der am östlichen Rande des kleinen Schloßplatzes ein Gebäude (auf Abb.2 markiert) errichten wollte, nach unergiebigen Verhandlungen mit Stadt und Post entschlossen, lieber das Postareal hinter dem Königsbau zu erwerben. Anstelle den Bedingungen von Stadt und Post weiter ausgesetzt zu sein, diktiert Stilwerk diese nun dem zukünftigen Investor und der Stadt.

Abb. 2 Grundriss Kleiner Schlossplatz

Ein Teil der Planung ist somit wieder offen und müsste nochmals überdacht werden - würde man die neuerliche Verzögerung nutzen und auf das Beste, und nicht nur auf das Kostengünstige und Schnellst-Machbare sinnen. Auf dem wieder freigewordenen Bauplatz könnte man noch offen stehende Projekte vereinigen: die neue Stadtbücherei mit weiteren Teilbibliotheken (die bisher unzugänglichen Bände der GdSS und des Württembergischen Kunstvereins, die Design-Bibliothek aus dem Haus der Wirtschaft, eine Architektur- und Kunstbibliothek), eine Filmothek, Filmbüros, den viel diskutierten Mediaspace... - insgesamt eine großartige Chance, die Medienszene zu fördern.

Bisher lässt sich OB Schuster auf ein erneutes Überdenken nicht ein, denn er will durch den Verkauf des Bauplatzes 30 Millionen erlösen. Zudem ist der Neubau der Stadtbücherei - übrigens ein weiterer Glaswürfel - schon auf dem Gelände von Stuttgart 21 an wenig besucherfreundlicher Stelle, statt in Nähe zu Landes-bibliothek, Universitätsbibliothek und dem Zentrum, geplant und soll dort als Frequenzbringer missbraucht werden.

Nachdem der Kleine Schloßplatz jahrzehntelang dahinsiechte, entdeckten die Macher von Pauls Boutique und dem Switzerland erst vor drei Jahren die architektonische Wüste des Kleinen Schloßplatzes - mit seiner desolaten Budenarchitektur und dem maroden und brutalen Charme einer konsumweltfreien Bergstation im Stadtzentrum - als Chance für die Club-Culture und ziehen seitdem mit ihren Events und DJs im Sommer täglich Tausende an. Dass sie bei der Neuplanung nicht weiter berücksichtigt werden, frappiert. Der Sterilität einer Galerie, eines Kaufhauses und einer Bank wird es nicht gelingen, dort wieder Leben erstehen zu lassen. Die Diagnose lautet daher: Beim jetzigen Planungsstand besteht akut die Gefahr, zwischen GdSS und BW Bank einen toten Platz zu erschaffen - hochrangige Architekturjurys hin oder her. Womit man in gewisser Weise wieder beim Zustand von vor drei Jahren angelangen könnte, den man zu beheben sich anschickte. Keiner der beteiligten Bauherren scheint bisher Gedanken daran zu verschwenden.

Dem Entwurf von Hascher & Jehle für den Neubau der GdSS wurden von der Jury vornehmlich städtebauliche Qualitäten attestiert. Der Neubau gliedert sich in den sichtbaren Glaskubus (Abb.1) auf dem Kleinen Schloßplatz, in dem die Wechselausstellungen stattfinden werden, und einen unterirdischen Teil im Tunnel, in dessen kleinteiligen Kabinetten die ständige Sammlung präsentiert wird. Der Raum zwischen Innenkern und Glashülle des Kubus, welcher ringsum der Erschließung durch Treppen dient, wirkt laut den Architekten Hascher & Jehle "wie ein riesiges Schaufenster der Kunst" und "hat enorme Außenwirkung für die Galerie und die Stadt"(1). Ihrer Ansicht zufolge soll auf den Außenseiten des massiven Innenkerns Kunst nach außen gezeigt werden. Doch dieser Zwischenraum ist nicht sonderlich attraktiv dafür. Es verbietet sich aus konservatorischer Hinsicht in den meisten Fällen, Kunst an so stark von der Sonne beschienenen und erhitzten Flächen zu präsentieren. Die Exposition von Kunst an solcher Stelle wirkt als Fassadendekoration und setzt sich in Konkurrenz zu Fassaden wie derjenigen der Kaufhof-Sportarena und ähnlichen Fassaden. Kunst wirkt an dieser Stelle sehr plakativ, der Ort kann daher nur von solcher Kunst bespielt werden, die dergleichen Effekte als Kalkül integriert. Als Weihnachtsdeko ist diese Art der russischen Hängung bestimmt sehr schön.

Abb.3 Dachgeschoss der GdSS

Die Erschließung zwischen Innenkern und Glashülle bietet sicherlich interessante Aussichtspunkte auf den Schloßplatz. Das Gebäude ist daher für Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Museen oder Silvesterfeste bestens geeignet. Nie hatte man so herrlich viele verglaste Balkone mit Ausblick - auf den Schloßplatz. In dieser Hinsicht wird die GdSS der Renner. Das Dachgeschoß, das die Architekten der Präsentation von Skulpturen oder der Gastronomie zueignen, ist für ersteres aufgrund von Schattenwürfen und Gegenlichtsituationen (Abb.3) wenig geeignet. Bleibt letzteres - sicherlich auch ein Renner. Dieses Konzept der Erschließung ist für Museumszwecke aus funktionellen und ästhetischen Aspekten wenig geeignet. Die zuletzt erfolgte Anordnung vom Baurechtsamt, um kürzerer Fluchtwege willen eine Erschließung im Innenkern bereitzustellen, stellt dieses Konzept fast ganz in Frage.

Abb. 4 Kleiner Schloßplatz zwischen GdSS und BW Bank



Die GdSS mutet teils an wie eine ernüchternde Synthese vom Kunstbau beim Lenbachhaus in München (Abb. 7) und Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz (Abb.5 u. 6). Entgegen der Selbsteinschätzung von Hascher & Jehle erreicht ihr Galerieneubau in Stuttgart weder die Eleganz des Kunstbaus, der sich unprätentiös in einen stillgelegten U-Bahn Schacht einfügt und darin minimalistisch Architektur installiert, noch das Puristische und Überirdische der Lichtarchitektur von Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz. Die geplante Freitreppe, welche die Galerie umfließen wird und den Raumfluß nach Norden sanft gestaltet, komplettiert das architektonische Arrangement als eine Art schwäbische Stäffeles-Landschaft. Um mehr als 15 Meter von der Königstraße zurückgesetzt, ist kein Kontakt mehr zum Passantenstrom gegeben. Die geplante Freitreppe ist eine bloße Reminiszenz an die jetzige.

Abb. 5 Kunsthaus Bregenz, von Seeseite gesehen
 
Abb. 6 Kunsthaus Bregenz
 
Abb. 7 Kunstbau beim Lenbachhaus München

Durch die extrem exponierte Lage am Schloßplatz und dem "riesigen Schaufenster der Kunst" erfährt man von außen ständig - wie auf einem Überwachungsbildschirm - wie viele oder wenige die Ausstellungen besuchen. Diese übersteigerte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit lastet somit schwer auf der GdSS und erhöht den politischen Druck auf die Galerieleitung. Sollte das 120 Millionen teure Haus keinen Publikumserfolg ernten, wird man im Rathaus ein wenig besuchtes Haus kaum tolerieren können. Zuletzt war Stuttgart mit seiner unsäglichen “Let's Putz”-Aktion ja schon wenig Fortune vergönnt - trotz bester Intentionen. Ganz zu schweigen von der Wir-können-alles-ausser-Hochdeutsch-Werbekampagne. Im Rathaus wird man künftig weiteren Gesichtsverlusten wohl vehementer zu begegnen suchen, und im Zweifelsfalle sehr schnell nach publikumswirksameren Ausstellungen rufen, die ein breiteres Publikum anlocken.

Vor etwa zwei Jahren stand es noch in der Diskussion, dem Galerieneubau eine veränderte Programmatik mit auf den Weg zu geben. Die Rede war von einem ZKM ähnlichen Museum für Medienkunst und von Götz Adriani als neuem Galerieleiter und seinen aus der Kunsthalle Tübingen bekannten - ach so erfolgreichen - Ausstellungen von Impressionismus bis Klassischer Moderne. In letzter Zeit ist es jedoch ruhig geworden um inhaltliche Konzepte. Man vergrößert sich, genießt den vorauseilenden Glanz des neuen Hauses und tätigt diskret seine Einkäufe. Die bisherigen Sammlungsschwerpunkte muten in ihrer Zusammensetzung etwas skurril an: Dix, Hölzel und sein Kreis, Fritz Winter, Dieter Roth, Kosuth - gemäß dem Leiter der GdSS, Dr. Schmidt" im einzelnen Sammlungspunkt so umfangreich, dass man mehr als nur repräsentative Querschnitte bieten kann". Die Kooperation mit den Sammlungen Stangl (klassische Moderne), Panza di Biumo (Joseph Kosuth, Daniel Buren, Jan Vercruysse, Bruce Naumann, Claes Oldenburg, Dennis Oppenheim, Thomas Schütte, Lawrence Carroll, Ettore Spaletti, Hubert Kiecol, Barry X Ball, Meg Webster, Peter Shelton u.a) und dem Baumeister-Archiv (klassische Moderne) kommen künftig hinzu. Weitere Ankäufe werden den Bereich der gegenwartsnahen Kunst betonen.

Bleibt zu hoffen, daß man in der GdSS verstärkt Kooperationen anstrebt, z.B. mit den Sammlungen DaimlerChrysler, LBBW und Fröhlich. Diese könnten es erlauben, den Ankaufsetat von 1,5 Millionen Mark/Jahr zu entlasten, und dafür den Ausstellungsetat von 480 000 Mark/Jahr beträchtlich zu erhöhen. Denn eine qualitativ wie auch immer geartete ständige Sammlung kennt man als Stuttgarter nach einer gewissen Zeit und interessiert sich folglich mehr für Wechselausstellungen. Überhaupt: Um die Atmosphäre der Kunst- und Medienszene in Stuttgart zu bereichern, bedarf es Ausstellungen gegenwartsnaher Kunst und darüber hinausgehender Veranstaltungen. Die Kooperation und Kommunikation mit anderen Institutionen und Galerien und Gastkuratoren sollte - um ein reichhaltigeren Programmes willen - stark ausgeweitet werden.

Wie exzellent man die Programme für Ausstellungen gegenwartsnaher Kunst machen kann, zeigte uns jüngst die Kuratorin Dr. Andrea Jahn von der GdSS mit der Joan Jonas Ausstellung. In einem umfangreichen Beiprogramm mit Performances, Lectures und Videos, unter Beteiligung ehemaliger Studenten von Joan Jonas, Ulrike Rosenbach und Marina Abramovic wurde der "Stuttgarter Kunstwinter" - in Zusammenarbeit mit hiesigen Galerien - sehr belebt und zum Leuchten gebracht. (In weiser Intendanz ließ Dr. Schmidt sie gewähren)

(1) zitiert wird aus: Hascher & Jehle; Planungsmappe Schloßplatz Stuttgart

 

 


Links und screenshots Link zum Wettbewerb + Preisgericht:
www.stuttgart.de/deutsch/planung/index.html


Kunstbau München:
www.lenbachhaus.de
www.lenbachhaus.de/2_inhalt/set_kba.htm
Kunsthaus Bregenz:
www.kunsthaus-bregenz.at


Pauls Musique:
www.paulsmusique.de

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