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"Keiner will in
Stuttgart bleiben."
Interview mit dem Regisseur Zoran Bihac
von Nathalie Karanfilovic
Die deutsche Popszene erlebt seit ein paar Jahren
eine unerwartete Wiederbelebung. Im Zeitalter des Musikfernsehens liegt
ihr Erfolg nicht zuletzt in der kreativen und werbeträchtigen Verbildlichung
ihrer Musik begründet. Zoran Bihac ist einer der kreativsten und
begehrtesten Clipregisseure Deutschlands, der es jungen Acts ermöglicht,
sich auf Musiksendern wie MTV oder Viva zu verkaufen. Nathalie
Karanfilovic hat ihn zu seinem Standpunkt gegenüber dem "Medienstandort"
Stuttgart befragt.

Nach seinem Studium der Bildenden Künste und einem Aufbaustudium
an der Filmakademie Ludwigsburg beginnt Zoran Bihac 1996 seine Karriere
im Musikvideo-Business als Trickfilmzeichner für das Video des Dance-Projekts
E-rotic.
Seitdem dreht er Videoclips für chartorientierte Bands - von der
Münchner Heavy-Metal-Formation Die
Schweisser bis hin zu den kalifornischen Rappern Pharcyde
- und hat sich besonders als Clip-Zauberer für Freundeskreis
und Die
Fantastischen Vier in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Aus
seiner Werkstatt kommen Low-Budget-Werke, die nichtsdestoweniger in hohem
Maß ästhetisch und gleichzeitig schräg und sexy sind.
Nachdem sich Zoran Bihac nun auch in der Werbebranche etabliert hat
mit Werbespots
für Manhattan Cosmetics, Nike u.a. hat sich der Filmemacher
serbischen Ursprungs jetzt entschieden, seine Karriere in Barcelona fortzusetzen.
Auch wenn es ihm schwerfällt, zuzugeben, dass er Stuttgart teilweise
- zumindest phsysisch - verlassen hat, erklärt uns der Mittdreissiger
warum und wie er jetzt zum Medienstandort Stuttgart steht.
Wann und warum hast du Stuttgart verlassen?
Ich habe Stuttgart noch nicht verlassen, ich bin einfach die meiste Zeit
nicht da. Meistens bin ich in Barcelona. Ab März werde ich auch noch
eine Wohnung dort haben und wahrscheinlich, eigentlich eher sicher, werde
ich dort auch richtig hinziehen.
Ist Stuttgart für dich zu provinziell geworden?
Stuttgart ist ziemlich provinziell, aber das ist ja auch seine Stärke.
Aus welchen Gründen ist deine Wahl auf die katalanische
Hauptstadt gefallen? Warum hast du dich nicht - was doch eigentlich fast
schon selbstverständlich gewesen wäre - in Richtung Berlin oder
Hamburg orientiert?
Ich werde von einer Filmproduktion in Barcelona vertreten. Hier gelte
ich schon als spanischer Regisseur, obwohl ich noch kein Spanisch spreche,
aber das kommt noch. Fast wäre ich nach Berlin gegangen. Ich hatte
sogar schon eine Wohnung dort, aber Barcelona ist doch viel besser - einfach
ein anderes Lebensgefühl. Berlin finde ich zu berlinerisch. Die Stadt
geht mir irgendwie auf die Nerven, oder ist vielleicht einfach nur ein
bisschen zu penetrant - na ja, okay. Sind ja auch ganz nett die Berliner,
bzw. all die Hinzugezogenen, die dort leben. Alle gehen dorthin, warum
sollte ich das auch tun? Ich wollte eh immer eine Extrawurscht sein. Es
liegt aber auch an der Qualität der Jobs. Die Leute hier sind mutiger.
Man kann die spanischen und die deutschen Agenturen eigentlich gar nicht
vergleichen. Die Deutschen sind ein bisschen unlockerer. Über Stuttgart
kann ich nicht soviel sagen, da hatte ich es nur mit einer Agentur zu
tun. Der Sektor Werbefilm ist dort eigentlich nicht existent.
Ist es damit zu deinem und auch zum Ziel deiner Produktionsfirma
"Flaming Star" geworden, den europäischen - oder sogar
den Weltmarkt zu "erobern"?
Flaming Star ist ein reines Prestige-Projekt. Ich mache das nur, um coole
Sachen zu machen. Mit dieser Firma, oder besser mit Musikvideos kann man
keinen Profit machen. Also mache ich Musikvideos aus Überzeugung,
und auch um zu experimentieren, oder mal durchzudrehen oder mich zu fordern,
oder weil es einfach Spass macht. Ich will damit nichts erobern. Leider
ist die Musik, die wirklich cool ist, meistens nicht aus Deutschland.
Da gibt es nur ein paar interessante Projekte, und dann ist auch schon
Schluss. Deshalb wäre es schon super, englische oder amerikanische
oder französische Projekte zu bekommen, aber das ist utopisch. Deutsche
Produktions-Firmen werden niemals im Ausland akzeptiert. Man bekommt dort
nur Jobs, wenn man mit einer englischen oder amerikanischen Produktionsfirma
arbeitet. Also muss man sich von denen vertreten lassen. Flaming Star
ist wie ein kleines Spezialitäten-Restaurant, mit ein paar Tischen
und einer ziemlich guten Küche. Und dieses Restaurant ist nun mal
in Deutschland.
Trotz alledem bleibt festzuhalten, dass Stuttgart
in den letzen Jahren ein immer wichtigerer Medienstandort geworden ist.
Worin liegt für dich das Besondere des
"Stuttgarter Erfolgsmodells"?
Ehrlich gesagt hab ich mich mit dem Medienstandort-Modell nie so richtig
befaßt. Das klingt arrogant, so meine ich es aber nicht. Bis jetzt
hab ich soviel im Ausland gedreht, oder überall, nur meistens nicht
in Stuttgart. Meistens habe ich auch die Postproduktion auswärts
gehabt. Das liegt aber an rein logistischen Gründen. Also ist es
für mich noch nicht so wichtig, dass es den Medienstandort Stuttgart
gibt. Das wird sich natürlich ändern, wenn ich andere Projekte
machen werde - Langfilme zum Beispiel. Für einige meiner Freunde
ist es sehr gut, das sich Stuttgart so entwickelt hat. Es freut mich für
sie, wenn ihre Projekte verwirklicht werden. Aber eines ist sicher: Keiner
will in Stuttgart bleiben, denn man kann von hier aus nicht den großen
Sprung schaffen - nur den Absprung. Ich rede jetzt nicht von finanziellen
Möglichkeiten, sondern von rein künstlerischen. Man kann machen
was man will, es ist eine Art Sackgasse. Man muss lernen, groß zu
denken, und das ist im großen Ambiente leichter. Die Stärke
von Stuttgart liegt in der Konzentration.Und das ist auch die Schwäche.
Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich zurückkomme. Mein Stuttgarter
Medienerfolgsmodell liegt eigentlich darin, das ich Freunde in der Stadt
habe, deren Meinung mir sehr wichtig ist, und die mich mitprägt.
Du hast deine Karriere im Schwabenland gestartet.
Glaubst du, dass das ein Vorteil war? Oder erkennst du darin vielleicht
auch Nachteile?
Meine Karriere habe ich natürlich Stuttgart zu verdanken. Ich habe
sie meinen ganzen Freunden zu verdanken, meinen Eltern und auch meinen
Lehrern, den Ladenbesitzern, den Kinos und den Schnellimbissen, den Cafes,
Clubs und den unzähligen Bands, die in Stuttgart gespielt haben.
Das alles ist Stuttgart für mich. In Stuttgart bin ich aufgewachsen,
und das alles nehme ich mit. Damit bin ich auch glücklich. Stell
dir mal vor, ich wäre in Los Angeles aufgewachsen und hätte
dort den Status eines Werbe- und Musikvideo-Regisseurs, den ich hier habe...
Wenn man das übertragen würde, gäbe es in der Filmgalerie
bestimmt schon ein paar Videohüllen mit meinem Namen vorne drauf.
Aber vielleicht wäre ich auch zufällig abgeknallt worden, oder
beim Surfen ertrunken - wer weiß das schon...
Du hast dich in der Öffentlichkeit vor allem
als Clip-Regisseur bekannt gemacht - besonders durch deine Arbeiten für
die Stuttgarter HipHop-Szene. Wie beurteilst du heute die Musik-Szene
Stuttgarts, besonders vor dem Hintergrund deines neugewonnenen Abstands?
Oh je, was soll ich über HipHop schon sagen? Während der Punk
und New-Wave-Zeit meiner Jugend war Stuttgart die absolute Provinz. Keiner
hat es jemals ernst genommen. Jetzt schauen alle hierher. Durch die Fantas
und die 0711er hat sich Stuttgart seinen "Respekt" geholt. Mir
hat es ziemlich Spaß gemacht, und mir macht es immer noch Spaß,
mit Leuten zu arbeiten, die ihr Ding leben und ihre Kunst ernst nehmen,
die für ihre Kunst leben. Mittlerweile ist das aber ein bisschen
anders geworden. Wenn mir schon wieder einer erzählen will, dass
er nen größeren und credibileren Schwanz hat als die anderen,
dann langweilt mich das, und ich brauch mir das nicht reinzuziehen - auch
wenn es tolle Reime sind. Letztendlich wollen sie sich dann doch nur selber
im Fernsehen sehen, und ich werde dann nur zum Erfüllungsgehilfen.
Das lohnt sich nicht, vor allem nicht für die Kohle. Zum Glück
gibt es aber auch Projekte, die mir gefallen, und die filme ich auch.
Sehen deine momentanen Zukunftsplänet, nachdem
du dich in einer europäischen Hauptstadt angesiedelt hast, umfangreicher
aus? Näherst du dich damit auch deinem Traum, einmal einen Spielfilm
zu drehen?
Alles ist offen, und das ist gut. Träume können wahr werden.
Auf jeden fall arbeite ich daran, dass es in der Stuttgarter Filmgalerie
451 ein paar Videohüllen mit meinem Namen vorne drauf geben wird.
Kannst du dir vorstellen, deine Karriere auch langfristig
außerhalb Europas fortzusetzen?
Jeder, dem diese Frage gestellt wird, würde lügen, wenn er sie
verneinen würde. Leider ist das noch so: Um Amiland kommt man einfach
nicht drumrum. Das liegt nicht nur an den Amis, die nur ihr Zeugs konsumieren
können und wollen, es liegt auch an den Deutschen, die finden die
Amifilme ja auch besser. und das Verflucht-Schlimmste ist, sie sind auch
besser - sei es Spielfilm, Werbung, oder Musikvideos. Woran kann das liegen?
Keine Sorge, da ist Stuttgart bestimmt nicht schuld daran,. Es ist eher
eine deutsche Angelegenheit. Na, mal sehen, was so passieren wird...
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