|
Bunte Bits, poppige Bytes
Web-Art made in Stuttgart
von Marko Schacher
Während sich einige Zeitgenossen immer noch darüber streiten,
ob Stuttgart nun das Mekka des HipHops oder nicht vielmehr das aktuelle
Zentrum der Performance-Art ist, wissen es Kunst-Insider längst:
Stuttgart ist die Wiege der Web-Art. Jedenfalls mischen Stuttgarter Künstler
bei der Netz-Kunst an vorderster Front mit. Marko Schacher präsentiert
Net-Art made im Ländle.
|

|
2. Frieder Rusmann
Dank Spiegel, der ihm unter der Überschrift Karaoke
fürs Auge einen großen Artikel widmete, hat es
Frieder Rusmann, alias Johannes Auer, zu überregionalem Ruhm
gebracht. Rusmann gehörte bis vor kurzem zur Stuttgart-Berliner
Künstlergruppe Das deutsche Handwerk, hat die Künstlergruppe
derletzt aber großzügig seinen beiden Kollegen vermacht
|
die zugehörige Webpage www.das-deutsche-handwerk.de
jedoch behalten. Auf Rusmanns Seiten kann man ein Stuttgarter Rössle
veräppeln, ein Gedicht löchern (Kill the Poem)
oder das Ohr von Nora Fuchs abschneiden (Noras Ohr) und
sich dazu erklären lassen Warum Van Gogh sein Ohr verlor.
Unter der Webadresse www.fabrik-ver-kauf.de
kann der User adrette Damen und Herren begutachten, die Rusmanns art-wear
vorführen: T-Shirts, die mit pop-artigen Mädels und hintergründigen
(Un)sinnsprüchen wie Avantgarde is wurscht' und unst:
K' bedruckt sind und für 130 bis 170 Mark käuflich
zu erworben sind. Die Käufer werden automatisch Bestandteil der
Walking Exhibition und können ihre Ausstellungsdaten,
sprich die Zeitpunkte ihrer öffentlichen T-Shirt-Präsentation
vermelden und Fotos ins Netz stellen. Ganz im Sinne von Andy Warhol
sind die T-Shirt-Träger zwar keine fünfzehn Minuten, aber
zumindest die Zeitspanne zwischen zwei Mausklicks berühmt. |
|

|
3. Felicia Zeller, Marion Pfaus
Mit bis zu 18 000 Besuchern monatlich ist die virtuelle Landessexklinik
www.landessexklinik.de
von Felicia Zeller und Marion Pfaus völlig ausgebucht. Kein
Wunder: Die zusammen mit Programmierer Frank Amos erstellten Inhalte
verzaubern durch ihre versaute Lieblichkeit und werden monatlich
ge-updated. Nach der Begrüßung durch eine schwäbelnde Telefonistin
führen
|
Doktor Zeller und Doktor Pfaus, die beiden einzig anerkannten Ärztinnen
der Landessexklinik, eindeitig zweideutige Körperbewegungen vor, die
auf eine Paarungsbereitschaft des Gesprächspartners verweisen. Zudem
warnen sie vor falschen Ärzten, die man per Mausklick entlarvt, indem
man sie anklickt und so sieht, ob die angeblichen Halbgötter in weiß
nicht vielmehr exhibitionistisch veranlagte Halbperverse sind. Wer
auf das Fragezeichen-Symbol klickt erfährt, wie und wo Ficken, beziehungsweise
Hartmut W. Ficken, geht. Herzstück der Landessexklinik ist aber der
"Ficksimulator", mit dessen Hilfe der User seine Bewegungseffektivität
(BEFF) berechnen lassen kann. Wer den Cursor-Tasten richtig einheizt,
kann die Brunnen sprudeln sehen. Die Aktion "Beim Filmen gefickt"
und einfühlsame Stellungstipps ("Reite den Kosaken") runden das Angebot
ab. |
|

|
4. Eva Koberstein, Oliver Wetterauer
Soll noch einer sagen, aus Bits und Bytes bestehende Kunstwerke
seien kühl und ohne Seele. Wer innerhalb der Onlinepräsenz
der Galerie Naumann die Seiten von Eva Koberstein www.galerie-naumann.de/kuenstler/koberstein
besucht und dort den Fernsehschirm anklickt, bekommt deren Flash-Animation
Schule des Lebens zu sehen, die nicht ohne Grund sogar
in den offiziellen Wettbewerb des
|
letzten Filmwinters gelangt war. Wer nach
dem liebevollem Intro noch nicht vor Lachen zum Taschentuch gegriffen
hat, wird es spätestens bei der präsentierten Parabel Nummer
2 tun. Hier versucht eine frustrierte Hausfrau, ihren Mann durchs
Fenster zu stürzen, muss aber einsehen, dass dieser zu dick ist.
Das von der Ex-Stuttgarterin und Neu-Berlinerin geschaffene Kleinod
besticht durch seine krakeligen Linien und seinen subtilen Humor
da wollen sogar davon absehen, dass hier Interaktivität keine
Rolle spielt.
Auch Oliver Wetterauers skurrilen Micromovies, unter
www.aussenstelle.de/media.html
zu finden, bringen den User höchstens aktiv zum Lachen (sofern
man auf überfahrene Micky Mäuse und von Pflanzen verschlungen
werdende Superhelden steht), sind aber höchst klickenswert. |
Fortsetzung folgt!
Der Text basiert auf Artikeln in LIFT 2/00 und 2/01
> top
> Artikel-Übersicht
medienkultur-stuttgart.de
|| 2001 || home
|