Bunte Bits, poppige Bytes
Web-Art made in Stuttgart

von Marko Schacher


Während sich einige Zeitgenossen immer noch darüber streiten, ob Stuttgart nun das Mekka des HipHops oder nicht vielmehr das aktuelle Zentrum der Performance-Art ist, wissen es Kunst-Insider längst: Stuttgart ist die Wiege der Web-Art. Jedenfalls mischen Stuttgarter Künstler bei der Netz-Kunst an vorderster Front mit. Marko Schacher präsentiert Net-Art made im Ländle.



1. Jens Gebhart

Einer der ersten Stuttgarter Künstler, die den Computer nicht nur als digitalen Videoprojektor benutzt haben, sondern das Medium Internet als Bestandteil ihrer Arbeiten ansehen, ist Jens Gebhart, der seine Projekte inzwischen unter
www.hawaiitoast.de zusammengefasst hat. 1998 hat er zusammen mit einer Freundin, diverse Pariser Nobel-Hotel unter die Lupe genommen und die

Testergebnisse unter www.sweetsuite.de veröffentlicht. Neben dem optischen Erscheinungsbild der Bars und dem Lampendesign wird auch der Text der Hotelbroschüren linguistisch bewertet. Per Maus kann man sich der durch diverse Zimmer klicken. Ein weiteres Projekt des Stuttgarter Künstlers versammelt unter www.shiftculture.de arabische Erste-Hilfe-Tips, ägyptische Postkarten und animierte Sicherheitshinweise der British Airways.
In den letzten Wochen hat Jens Gebhart sein Internetportal um drei neue Webprojekte ergänzt, die sich mit der Dokumentation von Medienkunst und - in Form von zu ästhetischen Objekten geschrumpften Flaggen - mit dem Auslaufmodell Staat beschäftigen. Wer dem ehemaligen Kunstaka-Studenten und Kosuth-Schüler unter www.staatsgalerie.com seinen Lieblingsstil verrät und seine Webpage- und Mail-Konfigurationen eingibt, erhält die Ansicht seiner Webpage im Stil seiner Lieblingsepoche - mit der Option, diese als Gemälde in Auftrag zu geben.

 

 

2. Frieder Rusmann

Dank “Spiegel”, der ihm unter der Überschrift “Karaoke fürs Auge” einen großen Artikel widmete, hat es Frieder Rusmann, alias Johannes Auer, zu überregionalem Ruhm gebracht. Rusmann gehörte bis vor kurzem zur Stuttgart-Berliner Künstlergruppe “Das deutsche Handwerk”, hat die Künstlergruppe derletzt aber großzügig seinen beiden Kollegen vermacht –

die zugehörige Webpage www.das-deutsche-handwerk.de jedoch behalten. Auf Rusmanns Seiten kann man ein Stuttgarter Rössle veräppeln, ein Gedicht löchern (“Kill the Poem”) oder das Ohr von Nora Fuchs abschneiden (“Noras Ohr”) und sich dazu erklären lassen “Warum Van Gogh sein Ohr verlor”. Unter der Webadresse www.fabrik-ver-kauf.de kann der User adrette Damen und Herren begutachten, die Rusmanns “art-wear” vorführen: T-Shirts, die mit pop-artigen Mädels und hintergründigen (Un)sinnsprüchen wie “Avantgarde is wurscht'” und “unst: K'” bedruckt sind und für 130 bis 170 Mark käuflich zu erworben sind. Die Käufer werden automatisch Bestandteil der “Walking Exhibition” und können ihre Ausstellungsdaten, sprich die Zeitpunkte ihrer öffentlichen T-Shirt-Präsentation vermelden und Fotos ins Netz stellen. Ganz im Sinne von Andy Warhol sind die T-Shirt-Träger zwar keine fünfzehn Minuten, aber zumindest die Zeitspanne zwischen zwei Mausklicks berühmt.




 

3. Felicia Zeller, Marion Pfaus

Mit bis zu 18 000 Besuchern monatlich ist die virtuelle Landessexklinik
www.landessexklinik.de von Felicia Zeller und Marion Pfaus völlig ausgebucht. Kein Wunder: Die zusammen mit Programmierer Frank Amos erstellten Inhalte verzaubern durch ihre versaute Lieblichkeit und werden monatlich ge-updated. Nach der Begrüßung durch eine schwäbelnde Telefonistin führen


Doktor Zeller und Doktor Pfaus, die beiden einzig anerkannten Ärztinnen der Landessexklinik, eindeitig zweideutige Körperbewegungen vor, die auf eine Paarungsbereitschaft des Gesprächspartners verweisen. Zudem warnen sie vor falschen Ärzten, die man per Mausklick entlarvt, indem man sie anklickt und so sieht, ob die angeblichen Halbgötter in weiß nicht vielmehr exhibitionistisch veranlagte Halbperverse sind. Wer auf das Fragezeichen-Symbol klickt erfährt, wie und wo Ficken, beziehungsweise Hartmut W. Ficken, geht. Herzstück der Landessexklinik ist aber der "Ficksimulator", mit dessen Hilfe der User seine Bewegungseffektivität (BEFF) berechnen lassen kann. Wer den Cursor-Tasten richtig einheizt, kann die Brunnen sprudeln sehen. Die Aktion "Beim Filmen gefickt" und einfühlsame Stellungstipps ("Reite den Kosaken") runden das Angebot ab.



 

4. Eva Koberstein, Oliver Wetterauer

Soll noch einer sagen, aus Bits und Bytes bestehende Kunstwerke seien kühl und ohne Seele. Wer innerhalb der Onlinepräsenz der Galerie Naumann die Seiten von Eva Koberstein www.galerie-naumann.de/kuenstler/koberstein besucht und dort den Fernsehschirm anklickt, bekommt deren Flash-Animation “Schule des Lebens” zu sehen, die nicht ohne Grund sogar in den offiziellen Wettbewerb des

letzten Filmwinters gelangt war. Wer nach dem liebevollem Intro noch nicht vor Lachen zum Taschentuch gegriffen hat, wird es spätestens bei der präsentierten Parabel Nummer 2 tun. Hier versucht eine frustrierte Hausfrau, ihren Mann durchs Fenster zu stürzen, muss aber einsehen, dass dieser zu dick ist. Das von der Ex-Stuttgarterin und Neu-Berlinerin geschaffene Kleinod besticht durch seine krakeligen Linien und seinen subtilen Humor – da wollen sogar davon absehen, dass hier Interaktivität keine Rolle spielt.
Auch Oliver Wetterauers skurrilen “Micromovies”, unter
www.aussenstelle.de/media.html zu finden, bringen den User höchstens aktiv zum Lachen (sofern man auf überfahrene Micky Mäuse und von Pflanzen verschlungen werdende Superhelden steht), sind aber höchst klickenswert.



Fortsetzung folgt!

Der Text basiert auf Artikeln in LIFT 2/00 und 2/01


Weitere Webpages mit Kunst made in Stuttgart:

www.bodenstaendig.de (Alvar Freude)
www.klaus-heid.de (Klaus Heid)
www.dells.de (Katja Dell)
www.pimui.de (Alexander Györfi)
www.seins-form.de (Ralph Künzler)
www.bildbar.de (Tomas Kurth)
www.mattiebe.de (Bernd Mattiebe)
www.mewes.net (Michael Eyssele)

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