Zwischen Aktionismus und Leerlauf
Literaturhaus Stuttgart: kurz vor dem Ziel

von Holger Wölfle


Alles in allem überwiegen die guten Nachrichten, die in den letzten drei Jahren in Zusammenhang mit dem geplanten Literatur- und Medienhaus Stuttgart zu hören waren. Im kommenden Frühjahr soll dieser neue Literatur- und Szenetreffpunkt eröffnet werden. Seit Oktober ist der erste Programmleiter im Amt. Die Konturen des Projekts sind jedoch nach wie vor auffällig schwammig. Viel ist von (fehlendem) Geld die Rede, wenig von Inhalten. Woran liegt das?

Was macht eigentlich das Stuttgarter Literaturhaus? Über drei Jahre ist es her, dass im Sommer 1997 der "Förderverein Literatur- und Medienhaus Stuttgart" gegründet wurde. Manch einer erinnert sich vielleicht noch an die Erfolgsmeldung vom Sommer 1999: der Gemeinderat gab grünes Licht für 5 Mio. DM, um die Grundfinanzierung der Immobilie Literaturhaus im Bosch-Areal zu ermöglichen, außerdem verpflichtete er sich zu einer jährlichen Unterstützung von 200.000 DM. Im Oktober, hieß es damals optimistisch, solle es losgehen. Kurz zuvor hatte der Verein bereits mit einem kleinen, attraktiven Programm erste Zuhörer in das ehemalige Bosch-Verwaltungsgebäude gelockt, über 200 Interessierte hatten zwei improvisierte Lesungen und eine Diskussion besucht.

Nach dem Startsignal folgte ein langes Schweigen. Im April dieses Jahres fand schließlich eine weitere Pressekonferenz statt, bei der über die Immobilie sowie u. a. über das Programm für dieses Jahr informiert wurde. Weiteres Thema: eine Literaturhaus-Aktie sollte 2000 spendable Stuttgarter dazu bringen, mit je 500 DM die klaffende Finanzierungslücke zu schließen; nicht weniger als eine Million Mark hätte auf diesem Weg zusammenkommen sollen.

Mit sechs Veranstaltungen für dieses Jahr hatte eine Gruppe von Literaturhaus-Aktivisten ein Programm unter dem etwas allgemein gehaltenen Titel "Literarische Grenzüberschreitungen" entworfen, die Deutsche Bank gab das nötige Geld (50.000 DM). Im Sommer dann Unruhe über der Stuttgarter Literaturszene: wer würde zum ersten Programmleiter bzw. zur ersten Programmleiterin ernannt werden? Erst Anfang Oktober stand die Entscheidung fest, eine Überraschung: mit Florian Höllerer hatte die Sichtungsgruppe des Vereinsvorstands einen jungen Germanisten gekürt, den in Stuttgart niemand auf seiner Kandidatenliste hatte.

Vor kurzem fand die letzte der sechs "Grenzüberschreitungs"-Veranstaltungen statt. Zwei Autoren diskutierten mit Redakteuren über die Möglichkeiten von Literatur im Internet. Nun herrscht wieder Schweigen.

Das Bild, das der Literaturhaus-Verein in der Öffentlichkeit bietet, stellt sich merkwürdig blass dar. Außer dem Anliegen, dass man dringend Geld benötige, vermitteln die Initiatoren - nichts. Kein wirkliches Konzept, über das sich diskutieren liesse, keine originellen Programmideen, keinen inhaltlichen Anspruch. Die Idee eines Literaturhauses ist längst zu einer reinen Finanzierungsfrage verkommen. Man mag das in Stuttgart zwar als normal ansehen, dabei mutiert das Haus aber immer mehr zu einem Trojanischen Pferd, bei dem niemand weiß, was man sich schließlich damit einhandeln wird.

Stillschweigend hat man bereits einige der in den ersten Jahren zentralen, ein ums andere Mal stereotyp wiederholten Zielsetzungen in der Versenkung verschwinden lassen: Man wolle "den Industrie- und Medienstandort zusammenführen", das "große Potenzial technischer und kaufmännischer Intelligenz" der Region bündeln, einen "Szenenknotenpunkt für Medienschaffende" errichten, in dem sich verschiedene "kreative Milieus" treffen könnten. Im Frühjahr 1999 gab Michael Klett, spiritus rector des ganzen Unterfangens, fast schon resigniert zu Protokoll, wie "wahnsinnig schwer" es sei, "unsere Konzeption zu vermitteln".

Möglicherweise gibt es dafür auch handfeste Gründe. Zum Beispiel den, dass das Konzept nie über Gemeinplätze hinaus gelangt war. Der Tiefpunkt lässt sich mit einem Papier markieren, das bei der Pressekonferenz im April verteilt wurde: "Nehmen wir uns Zeit für uns selbst... Tun wir etwas für unser Menschsein, unsere Gefühlswelt, unsere Seele und unsere Beziehungen. Nehmen wir uns Zeit für Literatur." Und immer so weiter. Vielleicht spricht man so die mäzenatische Ader von zu Geld gekommenen Kleinbürgern an, womöglich vertreibt man damit aber auch potenzielle Förderer, die anderswo ihr Geld berechenbarer aufgehoben wissen.

Der Erfolg des bisherigen Sponsorings und der Werbeaktivitäten für neue Mitglieder dürfte selbst von Wohlmeinenden bestenfalls als mässig bezeichnet werden. Etwa 200 Mitglieder zählt der Verein heute - zum Vergleich: In Köln waren es bei Eröffnung des Literaturhauses bereits 500. Von den "Aktien" wurde etwa die gleiche Anzahl verkauft. Je nach Perspektive kann auch das so oder so gewertet werden: als eine herbe Enttäuschung, gerade einmal 10% des selbst gesteckten Ziels wurden erreicht, oder als stolze Leistung, 200 Begeisterte dafür gewonnen zu haben, 500 DM für bislang nicht mehr als eine schöne Idee auszugeben.

Dass das Literaturhaus ein neues städtisches Highlight werde, davon sind nicht wenige Stuttgarter unverändert überzeugt. Nüchtern betrachtet spricht nichts dafür, freilich auch nichts Fundamentales dagegen. Umso wichtiger wäre es, dass der seit zwei Monaten amtierende Leiter etwas von seinem Konzept erkennen ließe. Die auf der Homepage des Literaturhauses abgedruckte Absichtserklärung ist so fabulös unkonkret (offene Türen und offene Ohren für alle...) wie alle bisherigen Konzeptpapiere des Vorstands.

Doch wie soll sich der neue Literaturhaus-Chef präsentieren? Bis heute hielt es niemand im Verein für angebracht, die Mitglieder über diese ja nicht unwichtige Personalie auch nur zu informieren. Überhaupt darf in der fehlenden Öffentlichkeitsarbeit des Vereins eine Ursache für die insgesamt bescheidene Resonanz gesehen werden. Irritierte man jahrelang die Mitglieder durch die regelmäßige Zusendung von allzu detailierten Vorstandsprotokollen, so lässt man sie heute uninformiert. Dass eine bloße Idee sorgfältiger und werbender zu vermitteln sei als ein späteres konkretes Programm. Dass man in der Stadt prominent und kontinuierlich Flagge zeigen müsste, da alle anderen Literaturveranstalter ihr Programm unverändert fortsetzen, ja, wenn die Beobachtung nicht trügt, sogar intensivieren, dass man ein Literaturhaus-Fieber erzeugen müsste, um das Projekt mit Nachdruck über die letzten Hürden zu bringen - von all dem scheint bei den Verantwortlichen niemand etwas wissen zu wollen, geschweige denn eine Vorstellung davon zu besitzen, wie sich dies erreichen liesse. So erinnert das ganze an die Startprobleme eines klassischen Fahrschülers: Er gibt zu wenig oder zu viel Gas, die Feinabstimmung fehlt noch vollkommen.

Und das liebe Geld? Nach wie vor steht es um eine tragfähige Finanzierung des Ganzen nicht zum Besten. Davon zeugt auch der Anfang Oktober nervös via Medien ausgetragene Streit, ob sich das Land nicht doch zu einer jährlichen Finanzierung des Hauses entschliessen könne. Dabei war längst bekannt, dass das Land definitiv entschieden hatte, kein Geld als jährliche Förderung beisteuern zu können, aber großzügig konkrete Programmvorschläge prüfen zu wollen. Eigentlich kein schlechtes Angebot, es bedeutet freilich, endlich Programmideen vorlegen zu müssen.

Der erstellte Wirtschaftsplan zeigt, dass die etwa für Personal und für Veranstaltungen vorgesehenen Mittel in keiner Weise ausreichen dürften. Bei einer einzigen zusätzlichen ganzen Mitarbeiterstelle wird der Programmleiter über kurz oder lang nicht mehr wissen, wo ihm zwischen Kopierer, Telefon und dem allabendlichen Abschliessen des Raums nach einer Veranstaltung der Kopf stehen mag. Wann nur soll er auch noch lesen? Vielleicht könnte ihn in der Not der dürftige Veranstaltungsetat retten; mit 200.000 DM im Jahr sind keine großen Sprünge möglich, wenn nicht zusätzliche Mittel fließen. Gut möglich, daß Florian Höllerer zur Zeit darüber brütet, wie dieser Knoten zu entwirren sei. Auch im Gemeinderat scheint man bereits zu grübeln...

Womöglich erweist es sich nun als folgenschwerer Fehler, dass man auf Inhalte bislang keinen Wert legte - Motto: Wir wollen eine Idee verkaufen und dafür müssen wir erst einmal Geld zusammenbekommen. Welche Idee aber soll das sein, wenn nicht die, Inhalte transportieren zu wollen?

Seit über drei Jahren arbeitet der Vorstand und ein erweiterter Kreis von Literaturengagierten nun an dem Projekt Literaturhaus. Bis auf vage Wünsche sind dabei keine programmatischen Ideen herausgekommen. Sollte die Unterstützung künftig zu bröckeln beginnen, wäre das die zynische Pointe der Geschichte. Es geschähe just zu dem Zeitpunkt, wo der Realisierung zum ersten Mal eine reelle Chance einzuräumen wäre. Zu hoffen bleibt dennoch, dass das Literatur- und Medienhaus kommt. Ein Lehrbeispiel dafür, wie bloße Sponsorensuche noch längst kein inhaltliches Konzept und persönlicher Einsatz keine professionelle Öffentlichkeitsarbeit ersetzen, ist der Fall freilich schon heute.

www.literaturhaus-stuttgart.de

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