Sprechstunde bei Dr. Dart
Klaus Heid und die Kunst der Handlung

von Karin Hinterleitner


Klaus Heid zeigt noch bis 14. Januar 2001 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe seine Arbeit "Khuza. Ein Mythos aus Sibirien", die diesen Sommer als künstlerischer Beitrag in der umstrittenen Großausstellung "Sieben Hügel" eine Medien-Debatte auslöste. Die gesammelten Artikel und Kommentare mit spannenden Stellungnahmen zur Rolle der Gegenwartskunst wurden zur Ausstellung in einem Reader veröffentlicht. Diese Debatte war ganz im Sinnen Klaus Heids, dessen Projekte die Wirkungsweise von aktueller Kunst thematisieren. Karin Hinterleitner berichtet von Heids Projekten.

Auf Klaus Heid wurde ich erstmals durch sein Internetprojekt "artvictims.de", der ersten Selbsthilfegruppe im Internet für Kunstgeschädigte, im Frühjahr 2000 aufmerksam. Auffallend war, dass dieses Forum als Langzeitprojekt im Netz angelegt war und schnell rege Beteiligung fand - und immer noch findet. Es handelte sich also nicht um die Simulation von Partizipation, wie diese häufig im Ausstellungs- und Eventbetrieb stattfindet, sondern um ein Angebot, sich via Internet unverkrampft, ironisch und informell über Selbsterfahrungen mit Kunst auszutauschen. Es gibt für registrierte Benutzer zu unterschiedlichen Symptomen private Foren: wie z.B. Artomanie, Autismus und dem Vincent-Symptom. Öffentlich zugänglich ist das ArtVictims-Forum, auf dem die meisten Beiträge liegen.

Die meisten Beiträge im ArtVictims-Forum kommen von Kunstschaffenden selbst und erinnern an typische Kunstakademie- und Ateliergespräche, in denen akute Symptome einer selbstquälerischen Ausübung von Kunst mal mehr mal weniger selbstironisch beschrieben werden. Es geht um praktische Fragen und um den - so scheint es manchmal - unfreiwilligen, schmerzvollen und ernüchternden Abschied von einem transzendenten universalistischen Kunstbegriff. Statt selbstreferenzielle Kunst zu produzieren und zu rezipieren, können sich KünstlerInnen und Kunstinteressierte auf dieser Plattform endlich ohne Vorwand über das unterhalten, was Sie am meisten interessiert: sich selbst und ihre persönlichen Krisen. Beim näheren Hinsehen einiger "Outings" stellt sich mir die Frage: Kennen "artvictims" nicht die Rede von der "Dekonstruktion des Künstlersubjekts", wie sie in kulturtheorethischen Zeitschriften wie z.B. "Texte zur Kunst" bereits seit 10 Jahren geführt wird. Trotz des weltweiten Fortschreitens der poststrukturalistischen Aufklärung im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts treten im im artvictims-forum noch einige Fälle auf, bei denen der persönliche Zweifel am bürgerlichen Idyll "autonomens Kunstwerk" im Kurzschluss zu kulturpessimistischen Zwangvorstellungen führen. Es lohnt sich also, einen tieferen Einblick in die Foren zu vorzunehmen. Wer sich registireren lässt, kann selbst mitreden. Neuerdings bietet Dr. Dart auf der Eingangsseite auch eine persönliche Beratung an.

In seiner Publikation "Heilkunst - Risiken und Nebenwirkungen des Kunstbetriebs" diagnostiziert der ausgebildete Mediziner Klaus Heid die Pathologien des Betriebssystems Kunst und kommt dabei u.a. zu der Schlussfolgerung: "Die Kunst entlässt sich aus der selbst auferlegten Zweckfreiheit und mischt bei der Formatierung gesellschaftlicher Spielregeln mit." Soziale Intervention soll aus dem Ghetto der Selbstreferenzialität des Betriebssystem Kunst befreien. Was darf konkret unter der Heid´schen Kunst der Intervention verstanden werden? Dr. Dart persönlich, alias Klaus Heid, gab mir dazu bei einem Treffen in Berlin, wohin er zu einem Vortrag über sein Buch "Heilkunst" bei Medicine Worldwide eingeladen wurde, noch einige Auskünfte.

 

Ausgangspunkt seines Wirkens ist nicht, einen neuen visuellen Stil kreieren zu wollen, sondern Kunst gezielt als soziales Aktionsfeld und als freies Feld für interdisziplinäre Forschung zu nutzen. Ein bezeichnendes Projekt dafür ist sein diesjähriger Beitrag für die Zukunftsausstellung "Work Out" in der Städtischen Galerie Böblingen. In Zusammenarbeit mit Studierenden des IGMA (Institut Grundlagen moderner Architektur und Gestalten) der Universität Stuttgart wurden architektonische Konzepte und Modelle für die Folgenutzung von Kunsteinrichtungen erarbeitet. Der Kunst würde in Konkurrenz zu anderen Lifestyle-Angeboten zukünftig weniger Publikumsinteresse entgegengebracht werden. Der Projekttitel "CCW - Centrum für Communikation und Wellness" zeigt deutlich in welche Richtung die Umnutzung von Museumsburgen und -würfel von Klaus Heid angedacht wurde. Die Zusammenarbeit geschah im Rahmen des von Ulrich Pantle geleiteten Seminars "Kunst und Architektur".

Klaus Heid sucht den direkten Austausch mit dem Publikum. Seine Vorträge unterscheiden sich von klassischer Wissensvermittlung; er begreift sie als Performance und gibt ihnen eine rhetorische Dramaturgie, die seine Behauptungen schrittweise dekonstruierbar macht. Seine Vorträge zur Heilkunst-Publikation oder zum Khuza-Mythos finden teilweise in Nichtkunst-Institutionen statt, die u.a. esoterisch orientiertes Publikum anlocken. Diese werden - fiktionaler Mythen als Kunstform häufig nicht geläufig - in ihrem Wahrheitsempfinden empfindlich verwirrt. Klaus Heid schätzt den Credit, den ihn das Auditorium entgegenbringt und lässt niemanden auflaufen, sondern versucht solche offenen Situationen konstruktiv im Gespräch zu nutzen und dabei ein hartes Stück Kunstvermittlung zu leisten. Dies gelingt ihm auf charmante Weise.

Der Vorwurf, er sei zu didaktisch, mag er so nicht stehen lassen, da er eben nicht an die unmittelbare "Wirkung" von Kunst glaubt, strukturiert er methodisch seinen Vortrag und verzichtet auf Privatsprachen und Fachjargon. Er passt sich der Semantik seines Publikums an und folgt somit den Prinzipien einer exoterischen Kultur, die sich durch den gewollten Wissenszugang für alle und eine Kommunikation beruht, die auf Einschluss und weniger auf Elitenbildung abzielt. Diesem Grundsatz entsprechend sind auf seiner Khuza-Site auch Details und Hintergrundinformationen eingestellt, die den fiktionalen Charakter des Projekts einem halbwegs kritischen Publikum transparent machen. So ist Klaus Heid auch immer noch schwer begreiflich, wie Martin Urban, der den vermeintlichen "Khuza-Skandal" ins Rollen brachte, ihm angesichts des Kontexts, den seine Website vermittelt, betrügerische Absichten unterstellen konnte.

In den kommenden Jahren möchte Klaus Heid sich therapeutisches Handwerkszeug aneignen. Besonders interessiert ihn die systemische Therapie, mit der er bereits Erfahrungen sammeln konnte. Bereits vor zwei Jahren zur "Kampagne 3000" engagierte er einen Coach für die Aktivisten der Kampagne, um in Diskussionen und Gesprächen zielgerichteter handeln zu können. Die Wirkung blieb nicht aus.

 

www.klaus-heid.de
www.martin-schmitz-verlag.de/

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