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0711 Büro & More von Nathalie Karanfilovic
Nachdem sie schon zuvor jahrelang in der HipHop-Szene als Künstler und Veranstalter aktiv gewesen waren, riefen die beiden Freunde Jean-Christophe Ritter und Johannes Strachwitz das 0711 Büro ins Leben. Ihr Ziel war dabei, die Stuttgarter HipHop-Family, die sogenannte "Kolchose"-Community, besser vertreten zu können. In kurzer Zeit entwickelte sich daraus jedoch weit mehr, als die beiden erwartet hatten. Schnell wurde die Agentur die Schaltzentrale der Stuttgarter HipHop-Szene. Nach unerwarteten Erfolgen von Acts wie Massive Töne, Afrob oder Freundeskreis ist die Agentur kontinuierlich expandiert. Neben dem 0711-Club und der angeschlossenen Booking- and Merchandising-Agentur hat das Büro in letzter Zeit zusätzlich ein HipHop-Magazin, ein neues Label, sowie eine wöchentliche Radiosendung - die "Kopfnicker-Radio-Show" auf Big FM - ins Leben gerufen. Dazu kam am 15. Juli 2000 das Event des Jahres: Die zum ersten Mal veranstalten "Hip-Hop-Open" waren ein überwältigender Erfolg. Trotz dieser makellosen Erfolgsstory behalten beide Gründer des 0711 Büros die Bodenhaftung. Sie bleiben der HipHop-Szene treu und bewahren sich auch eine gesunde Portion Idealismus. "0711 Büro - The trusted name of Hip Hop since 1996" steht auf der Homepage ihrer "Office". Warum heißt eure Agentur 0711 Büro? Ist dieser Name aus reinem Lokalpatriotismus entstanden? Schowi und ich hatten seit Anfang der 90er HipHop-Events organisiert. Der Club Prag hat uns angeboten, dort regelmäßig freitags eine Veranstaltung zu machen. Da damals das Prag nicht den besten Ruf hatte - weil es nicht so gut lief - wollten wir den Leuten einen "Club im Club" anbieten und ihm deswegen einen anderen Namen geben. Der ist natürlich auch aus lokalem Patriotismus entstanden, weil HipHop immer patriotisch ist. Jede Szene repräsentiert ihre eigene Stadt. So kam die Idee von 0711 zustande. Bedeutet das, daß Ihr Euch ausschließlich auf Stuttgart bezieht? Nein, das ist auch einer der Gründe, warum wir unser Plattenlabel "Kopfnicker" und nicht "0711" genannt haben. Wir möchten zeigen, dass wir uns nicht auf Stuttgart beschränken und einfach gute Musik produzieren wollen. Einen guten Rapper aus Kiel nehmen wir auch unter Vertrag, selbst wenn wir hauptsächlich für Stuttgart arbeiten.
Was unterscheidet die Stuttgarter Szene von denen anderer Städte? Früher war Stuttgart vom Sound her mehr laid-back und chilliger, teilweise politischer, was die Texte anbelangt. Hamburg repräsentierte mehr die Spass-Fraktion, wenn man das so sagen kann. Mittlerweile vermischen sich die Schwerpunkte ein bisschen. Vielfältige stilistische Facetten sind aus den verschiedenen Städten entstanden. Deswegen kann man das nicht so einfach pauschalisieren. Ihr habt das 0711 Büro 1996 gegründet. Während der letzten vier Jahre ist euer Unternehmen kontinuierlich und auch ziemlich schnell expandiert. Neben dem Club, der Booking- and Merchandising-Agentur habt ihr in letzter Zeit zusätzlich ein HipHop-Magazin, ein Label, und eine wöchentliche Radio-Sendung ins Leben gerufen. Desweiteren habt ihr im Juli ein sehr erfolgreiches HipHop-Festival organisiert. Das hat was von einer makellosen Erfolgsstory. Wie erklärst du Dir diesen Erfolg? Wir möchten uns nicht selber loben. Aber es haben verschiedene Faktoren darauf Einfluss gehabt. Der Erfolg wurde dadurch begünstigt, dass unsere Homies sehr talentiert waren und erfolgreich wurden - wie Thomilla, Freundeskreis, Afrob, Massive Töne. Ich hätte nie gedacht, dass HipHop so "large" wird in Deutschland. Keiner von uns hätte sich das erträumt. Wir haben immer für HipHop gearbeitet und selbst wenn es niemand interessiert hätte, hätten wir trotzdem weitergemacht. Da es glücklicherweise viele interessiert, waren wir auch rechtzeitig am Ball. Damals war uns aber klar, wenn HipHop Erfolg haben sollte - und das war nur eine Wunschvorstellung - würden wir von Anfang an daran teilnehmen, weil wir wussten, dass Stuttgarter Hip Hop deutschlandweit einen hohen Qualitätsstandard geniessen würde. Und wie erklärst Du es Dir, daß Stuttgart auch insgesamt ein wichtiger Medienstandort geworden ist? Worin liegt das Besondere des "Stuttgarter Erfolgsmodells"? Was den Hip Hop angeht, sitzen wir relativ gut aufeinander. Stuttgart hat nicht eine solche Anonymität wie andere grosse Städte wie zum Beispiel Berlin. In Berlin gibt es auch aktive Szenen, aber niemand kennt sich richtig. Jeder arbeitet ein bisschen gegen den anderen. Wir haben uns alle von Anfang an aus Jugendhäusern oder aus der Schule gekannt und deshalb auch früh zusammen gearbeitet. Eine Schwabenmentalität gibt es schon auch. Ich habe durch ein Interview erfahren, dass das 0711 Büro als HipHop-Infrastruktur-Vorbild für Deutschland gilt. Wir haben tatsächlich konsequent unsere eigenen Veranstaltungen organisiert, dann unsere Management-, Merchandising- und Booking-Agentur und Plattenfirma gegründet. Vielleicht liegt das kulturell im Wesen der Schwaben. Es ist also durchaus begründet, wenn man Stuttgart als das "HipHop-Mekka" Deutschlands bezeichnet? Das möchte ich gerne relativieren, weil Hamburg und Berlin genau so produktiv sind. Es ist für Stuttgarts Größe sehr eindrucksvoll, was hier entstanden ist. Im Vergleich zu anderen Städten ist die Produktion proportional schon unglaublich hoch. Allerdings wurde unser Erfolg von den Medien hoch gebauscht. Ihr rühmt euch, eine autarke Position in der Agentur-Landschaft geschaffen zu haben. War das eine bewusste Entscheidung oder eine unfreiwillige Wahl? Das war schon bewusst. Anfangs war unser Ziel eigentlich, das kulturelle Angebot im Hip Hop-Bereich zu verbessern. Alle Konzerte sind immer an Stuttgart vorbeigezogen. Stuttgart lag einfach nicht auf der Landkarte der Tourneeveranstalter. Es galt, dies zu ändern, und es ist uns ziemlich gut gelungen. Stuttgart ist mittlerweile die Stadt mit dem höchsten Angebot was Hip Hop-Veranstaltungen angeht. Vergleichbares gibt es in anderen Städten komischerweise nicht. Aus den Veranstaltungen sind immer mehr Sachen entstanden. Wir hatten immer den Gedanken "Wir machen alles selber" - von der Grafik bis zur Veranstaltung, über Management, Merchandising, Verlagsrechte bis zur Plattenproduktion. Aufgrund dessen haben sich alle diese Bereiche entwickelt und deswegen ist alles so eigenständig. Wir wollten von Anfang an autark sein. Der Höhepunkt dieses Jahres für das Büro war das HipHop-Festival am 15. Juli, die "Hip Hop Open", das grösste eintägige Hip Hop-Openair-Festival Deutschlands. Es gab damals in verschiedenen Medien und auch von eurer Seite einige ironische Kommentare in bezug auf die Organisation, die nicht ganz glatt verlaufen sein soll. Warum seid ihr euch mit den Entscheidungsträgern der Stadt nicht einig geworden? Warum haben sich der SWR3 und das Staatsministerium aus diesem Projekt zurückgezogen? Die unheimlich liebe und positiv hervorzuhebende Bettina Klett von Region Stuttgart hat dabei die Vermittlerrolle gespielt. Sie wollte die HipHop-Kultur-Aktiven mit dem Staatsministerium an einem Tisch zusammenbringen. Der Impuls ging vom Land aus, dem es leid tat, was mit den Fantas passiert war, die damals den Schlossplatz nicht bekommen haben. [Für das Konzert anlässlich des 10. Geburstags der Fantastischen Vier hat die Stadt Stuttgart die Auftrittsgenehmigung auf dem Schlossplatz verweigert; d.Verf.] Die Stadt bot uns daher an: "Wir würden euch gerne unsere gute Stube bieten" - sprich: den Schlossplatz. Wir hätten auch finanzielle Unterstützung bekommen sollen. Dann lief es aber im Endeffekt doch anders ab. Erstens wollten wir den Schlossplatz nicht, da einfach irgendwie Kirmes-Atmosphäre rübergekommen wäre. Das zweite war, dass wir ungern in zu enger Kooperation mit dem SWR arbeiten wollten. Wir wollten nicht, dass sie als konzeptionelle Partner mitwirken. Es wurde uns jedoch Folgendes mitgeteilt: "Entweder gibt es diese Veranstaltung zusammen mit dem SWR oder gar nicht". Daraufhin haben wir unser Ding gemacht. Four Artist und 0711 haben letztendlich zusammen das Festival gemacht. Das Problem war, dass - wenn es ganz gescheitert wäre - wir fast bankrott gewesen wären. Und wenn ich dann mitkriege, dass die Stuttgarter Philharmoniker als Beispiel anscheinend für ein Konzert im Gustav-Siegle-Haus 300 000.-DM bekommen - und an diesem Sonntag waren 52 Leute da und davon 27 zahlende... Die Philharmoniker sind natürlich ein wichtiger kultureller Beitrag. Aber wir machen ein Festival mit 15 000 Leuten, die aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Stuttgart kommen, mit einer Fernseh-Live-Übertragung, was nicht einmal Rock am Ring oder Rock im Park bekommt. Deutschland guckt das ganze Wochenende nach Stuttgart. Wir haben ein super Medien-Feedback und kriegen keine müde Mark. Wir hätten bankrott gehen können. Doch wir haben es trotzdem gemacht, weil wir einfach wollten, dass das in Stuttgart stattfindet - aus lokalpatriotischen Gründen. Es kommt also wenig zurück von der Stadt. Ich bin mal gespannt, ob sich das ändert. Stimmt es, daß ihr das Festival organisiert habt mit dem Ziel einer professionellen Plattform für die HipHop-Branche Deutschlands? Also gewissermaßen eine Art von "HipHop-Pendant" zur Popkomm zu schaffen? Wie sieht es aus mit diesem Projekt? Wir wollten auf lange Frist eine Messe machen, in der Form die es in Köln mit der Popkomm gibt. Die mittlerweile grösste Musikmesse der Welt, die auch nur deshalb entstanden ist, weil sie von der Sparkasse Köln sehr subventioniert und unterstützt wurde. Da die Popkomm heute schon zu allgemein und verwässert ist, kam uns der Gedanke, die erste internationale HipHop-Messe in Stuttgart aufzubauen. Der Messegedanke selbst ist hervorragend, und die Politiker und Stadtleute sind von der Idee begeistert. Das Problem ist bloss: Jeder will, dass wir es machen, aber wir trauen es uns bisher noch nicht. Ganz einfach wegen den Erfahrungswerten, die wir bis jetzt haben. Die Unterstützung, die wir bisher erfahren haben reicht einfach nicht. Und momentan ist das Projekt eingefroren. Letzes Jahr fand das Jazz Festival The Rhythm of Sound in Stuttgart statt. Dieses Jahr gab es die HipHop-Open, und aus ganz Deutschland sind HipHop-Kids nach Stuttgart gepilgert. Im Endeffekt hatten die Politiker damit doch was sie wollten, ohne irgendwie einen Finger dafür gekrümmt zu haben. In der Zukunft muss sicher ein bisschen mehr von der Seite der Politiker kommen. Am 29. November hat der Minister Christoph Palmer eine Vielzahl von Vertretern der Musikwirtschaft zu einer Auftaktveranstaltung eingeladen. Aus der Sicht des Ministers besitzt Baden-Württemberg ein hohes Potential an "jungen Kreativen", das bislang vielfach unterschätzt wurde. Aus diesem Grund wird in den kommenden Monaten eine Arbeitsgruppe gemeinsam mit Experten und Vertretern der Musikbranche eingerichtet. Du warst bei dieser Veranstaltung dabei. Wie hast du angesichts dieses doch recht plötzlich entstandenen Interesses an "Jugendkultur" - wenn man eure Arbeit in einem solchen Kontext verstehen darf - reagiert? Was erwartest du von diesem Kooperationsangebot? Prinzipiell bin ich froh, dass jetzt überhaupt etwas kommt. Für uns ist es natürlich ein bisschen spät. Die richtige Unterstützung hätten wir in den Anfangstagen gebraucht. Da war niemand für uns da. Aber ich finde es sehr toll, dass sich überhaupt etwas bewegt. Wenn es für uns nicht mehr so wichtig ist, dann doch für die, die nach uns kommen. Ich finde es auf jeden Fall bewundernswert. Der Herr Dr. Palmer gilt als sehr zielstrebig, und ich erwarte schon, das einiges passieren wird. Ich finde es sehr wichtig, dass die HipHop-Kultur mittlerweile anerkannt wird, und ich möchte diese Initiative deswegen unterstützen. Ich weiss nicht, ob es uns, also dem 0711 Büro, konkret etwas bringen wird. Wir persönlich werden wahrscheinlich daraus keine Vorteile ziehen, aber sicher die Kulturszene und der Nachwuchs. Dann bin ich auch froh, wenn ich meinen Beitrag dazu leisten kann. Du weißt, daß seit einiger Zeit Gespräche über die Gründung einer Popakademie in Baden Württemberg geführt werden. Was hältst du davon? Ich finde das gut. Am Anfang habe ich es ein bißchen kritisch betrachtet. Die Popkultur - ich verstehe darunter verschiedene Bewegungen wie Techno, Rock, Hip Hop - ist einfach eine sehr wichtige Kultur, die auch das Land repräsentiert. Das Problem, dass ich in bezug auf Baden Württemberg sehe, ist die Tatsache, dass man hier keine qualifizierten Lehrkräfte findet. Es ist jedoch ebenso schwer, Leute aus anderen Städten zu rekrutieren. Erklär mal jemandem, der aus einer "Weltstadt" wie Berlin oder Hamburg kommt, dass er nach Stuttgart ziehen soll. Das ist so eine Sache... Zum anderen finde ich es eigentlich nicht schlecht, wenn die Leute neben dem musikalischen Können ebenso ein fundiertes Businesswissen mitbekommen. Hättest du an dieser Akademie einen Abschluss gemacht, wenn sie beispielsweise schon vor 5 Jahren eingerichtet worden wäre? Ich bin immer der Meinung: Das beste ist einfach "Learning by doing". Bei uns war das immer eine Mischung von Können, Wissen, schneller Auffassungsgabe und viel Glück. Du kannst alle Eigenschaften haben, aber wenn das Glück fehlt... Ich bin aber glücklich darüber, dass ich das alles so selbständig gelernt habe. Es ist lustiger. Wie steht ihr - jetzt, wo euch die Institutionen ihre Hände entgegenstrecken - zur Stadt Stuttgart, bzw. Baden-Württemberg? Seid ihr bereit, die euch angebotene "Gelegenheit" zu ergreifen? Ja schon, wir warten darauf. Stört es euch, daß Four Music - was HipHop angeht - immer noch als Vorzeigeschild Stuttgarts dargestellt wird? Gestört hat es uns nie. In der HipHop-Szene waren wir immer das Aushängeschild und im Mainstream ist es Four Music. Aber das ist cool, es relativiert sich in vielen Bereichen. Welche Bedeutung hat Four Music heute für euch. Sind sie Vorbilder, Konkurrenten oder Partner? Partner. Wir arbeiten in vielen Bereichen auch zusammen. Wir haben das Festival zusammen organisiert. Vorbilder waren sie noch nie. Four Music kann man tatsächlich schlecht mit uns vergleichen, weil wir viel näher an der HipHop-Szene dran sind. Four Music ist nicht unbedingt ein reines HipHop-Label, sie wollen sich nicht ganz auf Hip Hop beschränken. Auf professioneller Ebene sind sie schon vorbildlich für uns. Ich sehe Four Music eher als Partner oder Impulse gebenden Konkurrenten. Zwischen uns besteht ein freundliches, gesundes Konkurrenzverhältnis. Seitdem Underground-Rapper wie Massive Töne oder Freundeskreis in die Charts gestürmt sind, ist die Frage nach der "realness" fragwürdig geworden. Lassen sich ein Kolchose-Ideal und eine HipHop-Philosophie, also eine Philosophie des Authentischen, mit wirtschaftsbedingten, "kapitalistischen" Strukturen vereinbaren? Wir hatten uns am Anfang entschieden, ob wir das Ganze professioneller oder weiter hobbymässig machen. Ich fand es immer wichtig, dass HipHop nach Möglichkeit von Beginn an und so lange wie möglich in den Händen der Leute bleibt, die aus dem HipHop kommen. Wenn du gross wirst, trägst du automatisch ein Stück weit zu einer Art von "Sell-out" bei. Aber zumindest können die Leute, die aus dem HipHop kommen, das Ganze in eine halbwegs gesunde Richtung steuern. In seinem Buch, "20 Jahre HipHop in Deutschland", zitiert Sascha Verlan DJ Mike MD "HipHop ist keine Berufung mehr, HipHop ist Beruf" geworden. Ja, ich merke das schon...- man ist da teilweise in so ein Ding reingeschlittert. Es hängt in der Zwischenzeit einfach viel mehr Verantwortung drin. Verantwortung gegenüber Künstlern, Verantwortung gegenüber Angestellten, Fans und so weiter. Es gehen da schon irgendwo ein paar Dinge verloren. Aber eigentlich ist das ja auch ganz klar. Angenommen du sagst dir, du machst jetzt einfach dein Ding, du hast keine Verantwortung - dann ist das etwas Anderes, als wenn du dir sagst, ich muß jetzt endlich mal ein neues Album aufnehmen. Und zwar mußt du das einmal aus dem Grund, daß du bei einer Plattenfirma einen Vertrag unterschrieben hast - und die erwarten das von dir - zweitens mußt du davon leben. Ohne eine neue Platte verschwindest du von der Bildfläche. Vielleicht kannst du plötzlich weder dich, noch Kind, Freundin oder Frau ernähren. Sprich: Du bist natürlich gewissen Mechanismen unterworfen. Logisch kannst du immer noch sagen, ich mach jetzt einfach das, worauf ich gerade Bock habe. Aber dann mußt du die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen und zum Beispiel nebenher bei Mercedes arbeiten. Du mußt dir ganz einfach die Frage beantworten: "Was mache ich lieber?" Es stimmt schon, das Ganze ist auf jeden Fall mehr Beruf als Berufung geworden. Und es geraten manche der schönen Aspekte von HipHop vielleicht gerade ein bißchen ins Hintertreffen... Worin besteht die neue "Mission" eures Büros? Unsere nächste Mission ist, dass wir zwei Länder, Sprachen, Kulturen ein bisschen miteinander verbinden wollen. Da ist mein grosses Ziel, Frankreich und Deutschland, bzw. deutsch- und französischsprachigen HipHop einander näher zu bringen. Wir sind Nachbarländer, und trotzdem haben bisher beide Länder ein wenig autark voneinander gearbeitet. Es gab zwar immer einen Austausch zwischen Graffiti- oder Breakdance-Künstlern, aber im Bereich Musik hat sich bisher wenig getan. Mit unserem neuen Projekt, dem Album "French Connection", wollen wir das Ganze ändern. Unser Ziel ist es, alle grossen und bekannten deutschen und französischen Protagonisten zusammenzubringen und gemischtsprachige Stücke zusammen aufzunehmen. Das Album kommt dann in Kanada, Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und in der Schweiz raus. Dazu kommt ein Sonderheft von "Backspin", dem wichtigsten Hip Hop-Magazin Deutschlands, das die HipHop-Bewegung und -Geschichte beider Länder beleuchten wird. Wir wollen eine Art von kulturellem Austausch zwischen beiden Ländern fördern. Ihr arbeitet schon seit ein paar Jahren mit vielen sehr bekannten internationalen, besonders französischen DJs und Rappern. Wie und warum seid ihr dazu gekommen? Sind die Franzosen für euch Vorbilder? Die HipHop-Produktion ist dort zehn mal grösser. Nehmen wir zum Beispiel IAM's letzes Album - das hat sich ein-, zwei Millionen mal verkauft. Kann oder will das 0711 Büro von einer solchen Entwicklung vielleicht nur träumen? Da mache ich mir nie so richtig Gedanken, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, dass wir in Deutschland soviele Platten verkaufen könnten. Das geht in Frankreich auch aus dem Grund, dass es einen anderen sozialen Hintergrund hat, und dass die Rapper einiges mehr zu sagen haben. Frankreich ist auch dadurch begünstigt, dass es dieses Gesetz gibt, das von Radiosendern fordert, dass die Hälfte der Musik französischen ist. Auf der anderen Seite hätte ich vor drei, vier Jahren nie gedacht, dass deutscher Hip Hop einen solchen Stellenwert kriegen würde wie heute. Mich wundert gar nichts mehr, aber davon träumen - das tue ich nicht. Logisch träume ich davon, möglichst lange und auch gut vom HipHop leben zu können. Habt ihr keine Angst, dass durch diese Zusammenarbeiten ein Stück eurer Lokal-Identität verloren geht? Wir haben nicht die Motivation, uns auf Stuttgart zu beschränken. Sprich: Bei unserem "French Connection"-Projekt wollen wir auch die anderen Rapper aus Deutschland davon profitieren lassen. In bestimmten Bereichen geht sie bestimmt irgendwie verloren, auch bewusst... Wir wollen aber weiterhin für die Stadt Stuttgart arbeiten.
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