Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?
Reaktionen auf die Symposiumskritik vom letzten Newsletter

von Marko Schacher


Marko Schachers im letzten Newsletter unter dem Titel "Viele Monologe, aber kein Dialog" erscheinende Kritik am  ifa/Solitude-Symposium "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" hat - über die Mailingliste von betacity geschickt - erfreulicherweise mehr Diskussionen ausgelöst, als das ganze Symposium selbst. Den ursprünlichen Artikel gibt es hier. Die Reaktionen sahen so aus:


Von: infozone <infozone@ensba.fr>
An: "'betacity@egroups.com'" <betacity@egroups.com>
Empfangen: 07.11.2000  22:36
Betreff: [betacity] Arbeiten Künstler an Institutionen vorbei?

Hallo Marko und betacity,

Grundsätzlich sehe ich das Problem der Offenheit bei Veranstaltungen die von Institutionen wie ifa/solitude organisiert werden. In der Regel geht es doch nur um reine Repräsentation und einen gelenkten Diskurs. Da ist es auch ganz normal, dass die sogenannte Off-Kultur diese Veranstaltungen meidet, außer sie werden mediens-strategisch für eine Aktion genutzt.

Vielleicht gibt es in Stuttgart auch schon gar keine Künstler mehr und alle sind abgewandert nach Berlin und dem Rest geht es anscheinend sehr gut sonst würde er sich bei solchen Veranstaltungen zu Wort melden.

Sollte man in diesem Zusammenhang nach der viel zitierten "Politikverdrossenheit" von einer neuen "Kulturverdrossenheit" im Südwesten sprechen ? ("Hoch lebe die deutsche Leitkultur...www.cdu.de")

Gruss Jens

http://www.hawaiitoast.de

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Von: Stefan Beck <stefan@thing-frankfurt.de>
An: betacity@egroups.com
Empfangen: 08.11.2000  22:42
Betreff: [betacity] Arbeiten Künstler an Institutionen vorbei?

Wenn ich aus Frankfurter sicht etwas zu dieser interessanten fragestellung beitragen darf, so moechte ich feststellen, dass hier zumindestens aus teilen der off-spaces szene schon seit jahren bewusst oder unbewusst an den institutionen vorbeigearbeitet wurde.(s.a. kuerzlich erschienenes interview in betacity)

Darueber hinaus duerfte es auch kaum ueberraschen, dass auch kuenstlerinnen institutionen regelrecht zuarbeiten. Die vorliebe von herrn ammann, (noch) direktor des museums fuer moderne kunst, fuer sex, gewalt und viel nacktem fleisch hat deutlich sichtbare spuren hinterlassen.

Die ueberhoehung der institution, so wie sie etwa Boris Groys in 'Logik der Sammlung' beschreibt, hat dazu gefuehrt, dass viele kuenstlerinnen die einzige moeglichkeit sich different zu zeigen, sich selbst und/oder ihr 'projekt' zur institution erklaeren und damit zu bestehenden institutionen inkompatibel werden. Es waere zu untersuchen, in wieweit einzelne institutionen darauf reagieren und sich selbst oder ihre vorgehensweise zu kunst erklaeren. Tendenzen sehe ich dazu beim Frankfurter Kunstverein, der sich konsequent von einer agentur 'stylen' laesst und dieser agentur wiederum einen platz bei den jahresgaben einraeumt.

>Vielleicht gibt es in Stuttgart auch schon gar keine
>Künstler mehr und alle sind abgewandert nach Berlin und
>dem Rest geht es anscheinend sehr gut sonst würde er sich
>bei solchen Veranstaltungen zu Wort melden.  

Das koennte in Frankfurt durchaus auch der fall sein. Die abwanderung findet auf alle faelle statt. Nur, was machen sie dann in Berlin?

Stefan Beck

..

The Thing Frankfurt http://www.thing-frankfurt.de

Thing Mailinglist: thing-frankfurt-subscribe@egroups.com

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Von: Karin Hinterleitner <khl@onlinehome.de>
An: Stefan Beck <stefan@thing-frankfurt.de>
Cc: Medienkultur-Stuttgart@egroups.com, info@i-lab.org
Empfangen: 09.11.2000  00:39
Betreff: [betacity] Arbeiten Künstler an Institutionen vorbei?

Mensch Stefan,

da hab ich einen Bock geschossen:
im Auftrag vom Marko postete ich seinen Text, jedoch verdrehte ich das subject:
eigentlich sollte es: "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" heissen.

Aber da das sowieso eine rhetorische Frage ist, wie "wir" bereits wissen, ist diese Verquerwendung auch ein reeller Aspekt, wie deine Antwort aufzeigt!!!!

Danke

G/Karin

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Von: Stefan Beck <stefan@thing-frankfurt.de>
An: betacity-list <betacity@egroups.com>
Empfangen: 09.11.2000  19:28
Betreff: [betacity] Arbeiten Künstler an Institutionen vorbei?

Liebe Karin,

auch so herum ist es nicht schlecht; die antwort heisst bedingt, denn die institutionen suchen sich ja kuenstler aus, die ihnen entsprechen. Die frage ist natuerlich auch, was "vorbeiarbeiten" heisst. Im allgemeinsten heisst das, dass kuenstler nicht beruecksichtigt werden, und das aus den unterschiedlichsten gruenden. Es gibt maler, die nicht ausgestellt werden, obwohl malerei an sich zur institution kompatibel waere, und es gibt leute, viel weniger bestimmt, die von ihrem ansatz nicht mit der institution kompatibel sind. Und dann gibt es noch leute, wie die initiative von schmidl&haas gezeigt hat, die sich die institution ganz anders wuenschen.

Was ich aber noch bemerken wollte, dass sicher das groessere problem die galerien darstellen; waehrend die institution ja irgendwie abgesichert ist,also nicht vom verkauf der arbeiten leben muss, liegt das bei galerien ganz anders. Von der hiesigen off-space szene wurde das ein oder andere schon im rahmen von institutionen wie dem 1822forum, dem kunstverein oder dem museum fuer angewandte kunst beruecksichtigt, aber keine galerie hier hat je von diesem phaenomen notiz genommen.

Gruesse

Stefan

--

The Thing Frankfurt http://www.thing-frankfurt.de

Thing Mailinglist: thing-frankfurt-subscribe@egroups.com

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Von: Stefan Beck <stefan@thing-frankfurt.de>
An: betacity@egroups.com
Empfangen: 12.11.2000  19:04
Betreff: [betacity] kuenstler & institutionen

Ich bin erstaunt, dass das thema hier so gar keine resonanz erfaehrt; mich jedenfalls laesst es nicht los. Mag vielleicht daran liegen, dass hier in frankfurt institutionen die einzigen agenten des kunstbetriebs sind, galerien machen sich hier so gut wie gar nicht bemerkbar.

"Vorbeiarbeiten" finde ich nicht so gluecklich gewaehlt, es muesste eher heissen: ' sind institutionen ueberhaupt in der lage, die bandbreite kuenstlerischer produktion zu repraesentieren?'

Was frankfurt betrifft, so muss ich das mit einem ganz klaren 'nein' beantworten. Ich meine, das liegt vor allem daran, dass institutionen immer noch an einem recht engen begriff von 'ausstellung' als einer art von visuellem display haengen. Die besucher sind rezipienten optischer erzeugnisse, die sie immer schlechter verstehen, weswegen ein verstaerktes beiprogramm an fuehrungen, vortraegen oder symposien angeboten wird, die aber die schieflage nicht gaenzlich beseitigen koennen. Letztlich hat sich aber die kuenstlerische produktion, zumindestens in einem teil der hiesigen off-space szene, auf eine art von vollzug verlagert; kunst entsteht durchs mitmachen. Die rezipienten sind zu mitarbeitern geworden. Das ist ja fast schon ein alter hut, dass ich mich schaeme das vor dieser liste, die ja ein ebensolches beispiel fuer den vollzug ist (und sich daher auch nicht ausstellen und musealisieren laesst), noch einmal zu resuemieren.

Institutionen muessten mal einsehen, dass sie aehnlich virtuell werden muessten. Stattdessen muehen sie sich ab haeuser zu bespielen oder betten zu belegen, wie herr joly auf solitude. Als effekt wird weiterhin eine altertuemliche kunst, weitgehend haengeware, honoriert. Mein tip: die haeuser, die sich ja zumeist in teuerer innenstadtlage befinden vermieten und aus den einnahmen in projekte wie betacity, the thing u.a. mobilitaeten investieren.

Stefan Beck

The Thing Frankfurt http://www.thing-frankfurt.de

Thing Mailinglist: thing-frankfurt-subscribe@egroups.com

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AN DIESER STELLE SOLLTE EIGENTLICH JEAN-BAPTISTE JOLYS FEEDBACK STEHEN, WELCHES MIT DEM BETREFF "rote Karte" AM 28.11. AN DEN AUTOR PERSÖNLICH GEMAILT WURDE. DA DER TEXT JEDOCH BIS ZUM ERSCHEINUNGSDATUM DES NEWSLETTERS NICHT AUTORISIERT WURDE (AUFGRUND DER KURZFRISTIGEN ANFRAGE NICHT AUTORISIERT WERDEN KONNTE?) , WIRD HIER NUR MARKO SCHACHERS REAKTION AUF DIE KURZE SOLITUDE-MAIL VERÖFFENTLICHT.

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Sehr geehrter Herr Joly

Ich muss mich doch sehr über Ihre Mail vom 28.11. wundern (auf die ich aus Zeitmangel leider erst jetzt antworten kann) Sowohl das Niveau, als auch der Inhalt haben mich sehr enttäuscht. Ich weiss nicht, was Sie mit "So sehen Sie also aus, wenn Sie die Hose runterlassen" meinen? Wenn Sie dieses Bild als Synonym für "ehrlich sein" gemeint haben, stehe ich gerne dazu, meine "Hosen" in der Öffentlichkeit "runterzulassen"

Was Sie aber mit "Alles sehr schmutzig, stilistisch wie inhaltlich. Es kann weder als Kritik noch als Journalismus gelten" meinen, ist mir schleierhaft. Was soll an meinen Zeilen "schmutzig" sein " vor allem "stilistisch wie inhaltlich"??? Ich habe es nicht nötig, "schmutzige" Wäsche zu waschen. Ich hege keinerlei Argwohn gegen Sie und auch nicht gegen Ihre Institution. Im Gegenteil: Ich hätte wohl kaum in der LIFT-Redaktion vorgeschlagen, ein ganzseitiges Portrait über Sie zu schreiben, wenn ich Sie nicht respektieren würde/respektiert hätte.

Den Stil und den Inhalt meines Artikel finde ich völlig okay. Die Sprachwahl ist auf lesbarem Feuilleton-Niveau, ich begründe meine Statements mit Beobachtungen und Zitaten und ziehe ähnliche Veranstaltungen zum Vergleich heran. Auch meine KollegInnen bei "medienkultur-stuttgart.de" (deren Seiten Sie im übrigen nicht "zufällig" besuchen sollten, sondern als am Internet interessierter Institutionsleiter abonnieren sollten!) hatten an meinem Artikel ebenfalls nichts auszusetzen und haben es auch heute nicht.

Warum sollte ich Ihnen keine E-Mail-Einladung in meine Maichinger Galerie schicken "als wäre nichts gewesen"? Was meinen Sie mit "gehört wahrscheinlich auch zum Stil oder?"??? So bedeutend fand ich meinen Beitrag zur Stuttgarter Kulturszene auch nicht, als dass man daraus persönliche oder gar politische Rückschlüsse ziehen müsste.

Das "Beste" aber ist Ihr letzter Satz "Sie erhalten heute eine rote Karte und müssen als Kritiker für die drei nächsten Solitude-Veranstaltungen aussetzen." Davon abgesehen, dass ich mir bereits seit einiger Zeit keine Ausstellungen an der Solitude mehr anschaue, weil mich (und nicht nur mich!) die letzten gesehenen Ausstellungen sehr enttäuscht haben (von der "Solitude im Museum"-Ausstellung will ich lieber erst gar nicht reden - ich sag nur "verpasste Chance"), finde ich es sehr erhellend, dass Sie sich offensichtlich als Schiedsrichter sehen und nach eigenem Ermessen offensichtlich die Macht haben/haben möchten, Journalisten "die rote Karte" zu zeigen.

Schade, dass sie offenbar jemandem den Mund verbieten wollen, der in durchaus mutiger Weise seine Ansicht zum Stuttgarter Kulturgeschehen äußert... Glauben Sie nicht, dass es dieser Stadt manchmal gut tun würde, wenn einige Damen und Herren öfters ihre ehrliche Meinung sagen/schreiben würden?

Ganz davon abgesehen kritisiert mein Artikel ja nicht nur Sie (als Moderator und evtl. Organisator), sondern alle Kulturinteressierten Stuttgarts, die leider nicht zum Symposium erschienen sind. Wären die richtigen Leute da gewesen wären, hätten Publikumsstatements einige genannten Mankos sicherlich ausgleichen können.

Im Übrigen will ich nur darauf hinweisen, dass mein Artikel, von dem ich einen Auszug zwei Tage vor seinem Erscheinen auf www-medienkultur-stuttgart.de über die Mailingliste von www.betacity.de geschickt habe, dort mehr Diskussionen und Feedback ausgelöst hat, als das gesamte ifa-Symposium. Damit Sie Einblick in die entstandene Diskussion nehmen können, habe ich Ihnen die bisherigen Reaktionen zusammengestellt und an meinen Brief angehängt.

Ich hoffe zudem, dass sich noch weitere Kulturinteressierten zu Wort melden werden. Denn ich habe vor, sämtliche Reaktionen auf meinen Artikel im nächsten, übermorgen (9.12.) erscheinenden medienkultur-stuttgart-Newsletter zu veröffentlichen. Ihre Mail an mich würde ich gerne auch mit aufnehmen, ich nehme aber stark an, dass Sie damit nicht einverstanden sind/wären (die Mail war an meine private Adresse geschickt worden)  Falls Sie aber zu Ihrem Wort und hinter Ihrer Meinung stehen und einem Abdruck im Zusammenhang mit den anderen Reaktionen zustimmen, würde mich das natürlich freuen.

Ansonsten möchte ich Sie hiermit auffordern, mir möglichst noch am heutigen Donnerstag eine andere Reaktion zuzumailen, die ich online veröffentlichen darf. Bitte geben Sie mir per Mail schnellstmöglichst ein Feedback.

Wie Sie allein der Länge dieser Mail und dem dahinter stehendem Zeitaufwand ansehen, liegt mir die Sache sehr am Herzen.

Mit freundlichen Grüßles vom Spielplatz-Rand

Marko Schacher

schacher@medienkultur-stuttgart.de

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FORTSETZUNG FOLGT !

 

Artikel in der letzten Ausgabe, auf den sich obiger bezieht:
http://www.medienkultur-stuttgart.de/news2/mks_2_00_ifa.htm

Symposium_Programm_http://www.ifa.de/i/dikunst.htm

http://www.betacity.de
betacity.de-Mailingliste
http://www.thing-frankfurt.de

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