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Visuelle Wissenschaftlichkeit
von Marko Schacher Kunsthistoriker sind langweilig, weltfremd, durchwühlen Archive und stehen den Neuen Medien grundsätzlich ablehnend gegenüber. Achtung, Klischee! Zwar zeichnet sich die Lehre am Kunsthistorischen Institut der Universität Stuttgart wahrlich nicht durch eine mutige Integration des Computers aus, trotzdem nahm hier ein interdisziplinäres, multimediales Projekt seinen Anfang, das Seinesgleichen sucht. Auf den ersten Blick ist der 1519 datierte "Herrenberger
Altar" von Jerg Ratgeb, der ursprünglich für die Herrenberger Stiftskirche
entstand und seit 1924 in der Alten Staatsgalerie steht, sicher nicht
der geeignete Gegenstand eines CD-Rom-Projekts. Doch Ingrid Burgbacher-Krupka,
die zusammen mit ihrem Mann die Sindelfinger Aus einer vollgekritzelten Packpapier-Rolle, die Anfang 1996 im Kunsthistorischen Institut vor Kunsthistorikern und Architekten ausgerollt wurde, ist ein Kunstprojekt entstanden, das die Kunstgeschichte mit heutigem Kommunikationsverhalten zusammenführt. Die letzten vier Jahre haben über 30 Künstler, Architekten, Kunsthistoriker, Historiker und Informatiker beim Projekt mitgearbeitet. Sylvia Schedel, eine der beteiligten Kunsthistorikerinnen, erinnert sich: "Unsere Herausforderung bestand darin, mit einer Bildersprache statt einem Text kunsthistorische Inhalte zu vermitteln. Wir mußten eine visuelle Wisschenschafftlichkeit entwickeln." 1996 und 1997 hat das Institut für Architekturgeschichte das Seminar "Der Herrenberger Altar im virtuellen Raum" angeboten und die digitale Umsetzung der Altartafeln erprobt. An der Fachhochschule für Druck und Medien wurden Erzählstrukturen für einen interaktiven Ratgeb-Film entwickelt. Das Vaihinger Fraunhofer Institut hat Nachhilfe in Sachen Programmierung gegeben. Seit wenigen Wochen ist die CD-Rom "In den Wirren des Bauernkriegs - Jerg Ratgeb und der Herrenberger Altar" fertig und wird am 12. Dezember erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Beteiligten können stolz auf sich sein. Gegliedert in die Rubriken Stiftskirche, Chorraum, Chorgestühl, Altar, Brüder, Bauernkrieg bietet die CD-Rom interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte des "Herrenberger Altars", einen Vergleich mit Bildwerken aus dem regionalen Umfeld und vergleichbaren Altären und zahlreiche Hintergrundsinformationen zum Bauernkrieg, der Jerg Ratgeb das Leben kostete. Unterhaltende Anekdoten treffen auf wissenschaftliche Texte, verspielte Animationen auf trockene Fakten. Durch akustisch wahrnehmbare Vorträge zum ehemaligen Raumkonzept des Herrenberger Chorraums und durch animierte Kameraschwenks durch das heutige Kircheninnere, werden alle Sinne des Users stimuliert. Leider variiert die Qualität der Tonaufnahmen stark und die Menüführung ist gewöhnungsbedürftig. Schade auch, dass die Länge der Einspielungen nie angegeben ist. Dennoch: Das "experimentelle Spiel von Kunst, Wissenschaft und Technologie" (so der Einführungstext) ist aufgegangen. Während andere Künstler-CD-Roms lediglich einem digitalem Katalog gleichen, nutzen diese Silberscheiben die Möglichkeiten des Mediums voll aus. Am Schluß der CD-Rom-Erkundung muß der Benutzer der Kunsthistorikerin Renate Wagner zustimmen: "An sich war der damalige Chorraum auch ein multimedialer Raum. Es gab Gesang, Bewegung, Bilder. Von daher ist Jerg Ratgeb von einem Multimediakünstler wie Bill Viola gar nicht so weit entfernt."
Dieser Text basiert auf meinem Artikel in LIFT 12/00
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