Knutschen für Koks
Interview mit der Stuttgarter Comic-Künstlerin Naomi Fearn

von Marko Schacher


Dass Stuttgart eine respektable Comic-Szene aufzuweisen hat, ist spätestens, seit Erscheinen des kostenlosen Comicmagazins "MogaMobo" bekannt. Die wenigsten Talente schaffen es jedoch, ihre Werke bei einem großen Verlag unterzubringen. Die 24jährige Comic-Künstlerin Naomi Fearn hat das geschafft, was vielen ihrer KollegInnen versagt bleibt: Der Noch-Stuttgarter Comicverlag Ehapa veröffentlichte vor drei Wochen ihr Debüt-Comic "Zuckerfisch" in der respektablen Auflage von 3 000 Exemplaren. Marko Schacher unterhielt sich mit dem Nachwuchstalent.

Du studierst seit zwei Jahren Freie Grafik an der Kunstakademie. Gehen die dort entstehenden Werke auch in die Richtung Comic?

Nun, ich mußte jetzt den Comic als Semesterarbeit abgeben, weil ich sonst nichts gemacht habe. Ansonsten mache ich aber ganz normale Kunst mit Bleistift und Pinsel. Eigentlich fühle ich mich an der Akademie und in Stuttgart ganz wohl. Es ist so kuschelig hier. Stuttgart ist gerade groß genug, dass es eine richtige Stadt ist, aber klein genug, dass Du über den Schlossplatz laufen kannst und das Gefühl hast, das ist dein Wohnzimmer.

Wie hast Du es geschafft, dass Ehapa deinen Comic in sein Programm aufgenommen hat?

Das war an sich gar nicht so schwer. Ich hatte die ersten 16 Seiten in schwarz-weiss gezeichnet, zwei Probeseiten in Farbe gemacht und die an Eichborn, Carlsen und Ehapa geschickt. Ich wollte gleich zu einem großen Verlag. Mein Comic ist kein spezieller Spartencomic, sondern für eine breite Masse gemacht, weil ich möglichst viele Leute ansprechen will. Die ersten beiden Verlage haben mir das Ding einfach zurückgeschickt. Bei "Ehapa" bin ich nach einem Telefongespräch kurzerhand selbst hingefahren, um meinen Comic zu präsentieren. Der Redakteur für Trendthemen, Georg F.W. Tempel, hat sich das angeschaut, meinte "Joa, ist ja ganz nett", sagte dann aber, mein Comic sei zu unentschieden, kein richtiger Manga, kein Funny. Einen Monat später wollte der Verlag dann aber etwas im Independent-Bereich machen und junge Künstler fördern. Ich bekam dann einen Anruf mit der Bitte, 48 Seiten zu produzieren, und zwar vollständig in Farbe und innerhalb von vier Monaten.

Fällt es nicht schwer, unter solch einem Druck Geschichten zu produzieren?

Von den Ideen her war das kein Problem. Das Zeichnen ging auch. Nur für das Kolorieren hab ich ewig gebraucht. Ich mache das zwar mit dem Computer, doch dass das mit Grafikprogrammen schneller geht, ist ein Trugschluss. Man verhaspelt sich eher angesichts der zahlreichen Möglichkeiten.

Wie würdest Du deine Zielgruppe definieren?

Nun, der Comic ist ja offensichtlich biographisch. Ursprünglich habe ich den Comic für meine Freunde gezeichnet, um bestimmte Erlebnisse zu verewigen und noch einmal Revue passieren zu lassen. Somit würde ich als Zielgruppe die 16- bis 35-Jährigen bezeichnen. Die Jüngeren werden viele Anspielungen auf Filme nicht verstehen. Es wird zwar nie etwas Fieses gesagt, aber auf dem T-Shirt einer Figur steht zum Beispiel "Ich knutsch für Koks". Andererseits wollte ich auch keinen Comic nur für Erwachsene - wie zum Beispiel Moers "Kleines Arschloch". Ich hatte mir vorgenommen, so etwas wie "Calvin and Hobbes" auf deutsch hinzubekommen.

Ist "Calvin and Hobbes" einr deiner Lieblingscomics?

Ja, auf jeden Fall. Da ich aber halb Amerikanerin bin und in Amerika aufgewachsen bin, habe ich viele amerikanische Zeitungscomics gelesen.

Hat dich der Verlag in irgendeiner Weise beeinflußt?

Nein, überhaupt nicht. Es gab keinerlei Vorgaben. Die fanden meinen Stil okay und haben gesagt "Mach weiter". Der Comic läuft ja auf der Independent-Schiene und soll der Nachwuchsförderung dienen. Der Verlag weiß also von vornherein: Die Auflage ist nicht so groß, der Absatz wahrscheinlich auch nicht, aber wir tun etwas zur Nachwuchsförderung. Die ersten Seiten, die ich hatte, wurden aber von Ehapa ins Internet gestellt - zusammen mit der Frage "Wie findet ihr den?". Die Leute konnten Antworten ankreuzen, von "Find ich dufte" bis "Ich lese lieber ,Spawn'". 67 Prozent haben für mich gestimmt.

Gab es von Ehapa bereits ein Feedback was den Verkauf angeht?

Ein offizielles Feedback von Ehapa hab ich noch nicht bekommen. Immerhin hat bisher noch niemand meiner Freunde gesagt, dass der Comic ihm explizit nicht gefällt - das ist doch immerhin schon mal was. Von anderen Comiczeichnern mußte ich mir allerdings schon anhören, dass der Comic zeichnerisch zu wünschen übrig ließe. Auf der Webpage
www.comicforum.de haben meine vorab ins Netz gestellten Seiten eine Diskussion zum Thema Mädchencomic ausgelöst.

Werden Comic-ZeichnerInnen von den Verlagen auf Promotion-Tournee geschickt - wie das in der Filmbranche die Regel ist?

Der Verlag hat mich immerhin mit auf die Frankfurter Buchmesse zum Comic-Special mitgenommen. Dort habe ich dann auf weiße Blätter signiert, weil der Comic ja noch gar nicht erschienen war. In den letzten Wochen hatte ich ein paar Signierstunden, zum Beispiel in Heinzelmännchen Bücherstube in Stuttgart.

Ist es dein Ziel, vom Comiczeichnen leben zu können?

Da wäre ziemlich hochgesteckt. Selbst bekannte Zeichner wie Peter Puck können von ihren Comics allein nicht leben. Toll wäre es natürlich. Ich will aber auf jeden Fall noch weitere Comics machen. Ehapa hat auch schon angedeutet, dass ich eventuell einen zweiten Band machen könnte, wenn sich der Comic verkauft. Es wäre schon toll, wenn ich die Geschichte weiterspinnen könnte - mit sich entwickelnden Charakteren.

Womit verdienst Du momentan deinen Lebensunterhalt?

Ich arbeite in der "Filmgalerie 451". Ab und zu modelle ich auch für T-Shirt- oder Möbel-Kataloge oder mach einen kleinen Grafik-Auftrag.

Eine Frage, die Dir wahrscheinlich öfters gestellt wird: Was ist eigentlich ein "Zuckerfisch"?

Ich fand das Wort einfach cool. Wenn jemand süß und nett ist, sagt man ja "Der/die ist Zucker". "Fisch" ist ja kein so netter Ausdruck für eine weibliche Person. "Zuckerfisch" ist eindeutig autobiographisch.

Könntest Du dir vorstellen, auch unbiographisch zu arbeiten?

Schon. Wenn mir allerdings selbst etwas für ein ganzen Album einfallen muss, bietet sich die autobiographische Herangehensweise an. Ich hab mir schon anfangs überlegt, ob ich die Charaktere abändern soll, aber erstens würde mir das wahrscheinlich nicht so gut gelingen, zweitens würde dann eh jeder fragen, ob das autobiographisch ist, und ich müsste dann erklären, welche Elemente autobiograhisch sind, und welche nicht.

Könntest Du dir vorstellen, als Auftragarbeit Superhelden-Comics zu zeichnen?

Anderer Leute Sachen zeichnen, könnte ich nicht. Ich bin ja schon froh, wenn ich mein eigenes Zeug hinbekomme. Wenn ich einen Superhelden zeichnen müsste, wäre dass kein "X-Men", sondern eine Figur wie "The Tick", so eine Art Veralberung. Probieren würde ich es aber schon.

Was ist das Charakteristische deines Comics?

"Zuckerfisch" ist nett mit einem Touch Independent. Er ist nicht zu süß, zu kindermäßig, aber auch nicht zu "evil", zu "hardcore". WG-Bewohner sollen ihre Mitbewohner wiedererkennen, sich eine Seite rauskopieren und demjenigen an die Tür hängen.

Könntest Du dir vorstellen, deine Comics ins Internet zu stellen, oder einen Comic ausschließlich fürs Internet zu gestalten?

Ins Internet stellen auf jeden Fall. Besser finde ich aber, wenn die Webpage eine Ergänzung des Comics ist. Unter der Adresse www.blattidae.com, die im Comic von einer Kakerlaken-Armee propagiert wird, kann man demnächst die "Kakerlake des Monats" wählen und die Pläne einsehen, die zur Weltschaft der Kakerlaken führen sollen. Ich bin gerade noch dabei Flash zu lernen. An der Kunstakademie steht das leider nicht im Studienangebot der "Freien Graphik".

Anmerkung: Naomi Fearm gestaltete die aktuelle Weihnachtskarte von medienkultur-stuttgart.de - unter
www.medienkultur-stuttgart.de/news3/pic_news3/mks_naomi-card.jpg downloadbar, oder kostenlos zu bestellen unter info@medienkultur-stuttgart.de

Ein Auszug aus diesem Interview erschien in den "Stuttgarter Nachrichten" vom 8.12.00

 

www.naomi-fearn.de
http://ehapa.funonline.de/neuigkeiten/novitaeten/img/november2000/zuckerf_b01_6.gif
www.blattidae.com

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