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Megaknaller oder Martyrium?
Ein E-Mail-Wechsel zum Phänomen Britney Spears
von Marko Schacher und Holger Wölfle
Am 20. Oktober besuchten zwei Drittel von medienkultur-stuttgart.de
- quasi als Betriebausflug - das Stuttgarter Gastspiel von Britney Spears.
Ihre Erfahrungen und Einsichten in die Teenie-Kultur hielten Marko Schacher
und Holger Wölfle in einem E-Mail-Wechsel fest.
Hallo Holger
Ich hab eben MTV geklotzt, und mußte herzlich lachen. Eine junge, leicht
bekleidete Dame, die genau so aussah wie Britney Spears (beziehungsweise
so gestylt worden war), sang in der gleichen Art wie Britney (versuchte
es zumindest) und tanzte auch exakt so wie Britney - war aber nicht Britney,
sondern eines dieser billigen Imitate, die momentan den Musikmarkt überschwemmen.
Ich glaube ihr Künstlername war "Junia" - oder so ähnlich. Natürlich mußte
ich da an unser gemeinsam erlebtes Britney-Konzert in der Schleyerhalle
denken. Na ja, "Konzert" ist der falsche Ausdruck, sagen wir "Auftritt"
oder "Show", oder besser "Performance". Ich habe mir ja seit langem angewöhnt,
schlechte Vorträge oder Konzerte als künstlerische "Performance" anzusehen,
um sie besser zu ertragen und hinterher nicht in Depressionen zu verfallen.
Auch schlechte Erfahrungen sind Erfahrungen! Und die Britney-Performance
war definitiv eine schlechte Erfahrung. Okay, okay, gleichzeitig tanzen
und singen, ohne aus der Puste zu kommen, ist keine leichte Angelegenheit,
aber Michael Jackson und die Backstreet Boys haben das auch hingekriegt.
Warum also sang Fräulein Spears nicht live? Außer mir hat das aber kaum
jemanden gestört. Die anwesenden Teenies brauchten eh nur neuen Gesprächsstoff
für den Schulhof. In Zeiten, in denen das Bekenntnis für Britney Spears
oder Christina Aguilera über die Aufnahme in eine Mädchen-Gang und die
Hierarchie in der Klasse entscheidet, müssen handfeste Beweise für das
Fan-Sein her. Erinnerst Du dich noch an das entsetzte Gesicht dieses etwa
achtjährigen Jungen, der mich ganz böse angeschaut hat, als ich nach dem
Auftritt über das angebliche Konzert gelästert habe?
Hallo Marko
Ich glaube die Kiddies wissen gar nicht mehr, dass es früher einmal so
etwas wie Live-Konzerte gab, bzw. glaubst Du wirklich, dass sie den Unterschied
zwischen live, unplugged und Playback kennen? Die Zielgruppe will das
Video live sehen, nicht die Musik. Das Produkt, also die Musik an sich,
interessiert heute doch nicht mehr. Heute wird ein Image verkauft, die
Musik selbst spielt dabei keine Rolle, ebenso wie im amerikanischen Wahlkampf
die Politik oder in der Werbung das Produkt keine Rolle mehr spielt. Verwundert
haben mich die Fans. Da waren die Kiddies zwischen acht und fünfzehn,
das hatte ich erwartet, doch warum waren all die 25-35jährigen da? Weil
sie die Musik gut finden? Kannst Du Dir vorstellen, dass Menschen die
mit Sting, Bruce Springsteen oder U2 aufgewachsen sind heute zu Britney
ins Konzert gehen? Oder sind das eher diejenigen, welche wir früher auf
dem Schulhof verkloppt haben, weil sie Chris-de-Burgh-Aufkleber auf ihren
hellblauen Plastikkoffern hatten?
Lieber Holger
Tja, ähem, ist Dir aufgefallen, dass wir auch zwischen 25 und 35 sind
und dort waren? Nun, warum also waren wir dort. Gut, wir hatten Pressekarten
und haben es uns nach einigen wenigspannenden Minuten inmitten des Fußvolks
auf der VIP-Tribühne gemütlich gemacht. Doch warum haben wir dieses Martyrium
generell auf uns genommen? Ich muß zugeben, dass mich vor allem das Phänomen
Britney interessiert. Nach einigen wenigen 80er-Jahre-Girlies wie Debbie
Gibson, Vanessa Paradis und Kylie Minogue sind seither doch nur noch alte
Schachteln wie Tina Turner und Cher ans Mikro gewankt. Britney Spears
ist - das mußt auch Du zugeben - zumindest eine optische Augenweide! Das
Interessante an ihr ist der Widerspruch zwischen sexy Erscheinung und
angeblich jungfräulichem Innenleben. Stimmts?
Hallo Marko,
hat Britney nicht zu Beginn ihrer Tournee in Deutschland kundgetan, dass
sie noch unberührt ist? Hat Sie nicht Anfang des Jahres ihre Brüste vergrößern
lassen? Verzeih mir den Vergleich, aber das wirkt so glaubwürdig wie ein
Vegetarier der eine Metzgereikette betreibt. Oder liegt das grundsätzlich
an dem gestörten Verhältnis zur Sexualität das die Amerikaner an den Tag
legen? Überall Titten, aber wehe, wenn sich der Präsident von seiner Praktikantin
einen blasen läßt!
Ts, ts, ts,
Holger, jetzt wirst Du aber primitiv - beinahe so primitiv wie die Vermarktung
des Phänomens Britney. Armen kleinen Teenies, die vier Monate ihr Taschengeld
sparen mußten, um sich eine Eintrittskarte für sage und schreibe 78 Mark
kaufen zu können, 125 Mark für einen rosa Platik-Cowboyhut abzuknöpfen,
tut mir in der Seele weh. Weitaus interessanter als das Britney-Konzert
fand ich ja unsere Begegnung mit Jasmin Wagner, alias "Blümchen". Ich
mußte mich ja stark beherrschen, ihr nicht den alten Ingo Appelt-Witz
"Blümchen, bück Dich, ich pflück dich" ins Ohr zu flüstern. Eigentlich
war sie ja ganz nett. Schade, dass Du einen Rückzieher gemacht hast, was
die weitere Abendgestaltung betroffen hat...
Hallo Marko,
ja, das war das eigentliche Highlight des Abends! Ich hatte Blümchen zuerst
gar nicht erkannt obwohl ich genau neben ihr saß. Ja, ganz nett war sie,
nur war ich nicht mehr in Stimmung mit Blümchen durch Stuttgart zu ziehen,
außerdem hatte ich latent Angst um mein Image. Wir sind ja auf ihr nächstes
Konzert in Stuttgart eingeladen...dann läßt sich sicher noch etwas machen!
An ihrem Image scheint sie gerade zu arbeiten, oder kannst Du Dir erklären
warum Sie vor mir quer auf dem Tisch lag und Tonnen von Popcorn über die
Pressetribüne warf? Rockerimage - oder was soll das werden?
Tja, Holger,
steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Rocker?! Klar gehen wir zum
Stuttgarter Konzert von Blümchen im Februar nächsten Jahres - aus rein
beruflichen Gründen natürlich, um unseren Leser davon zu berichten. Du
kannst ja bereits deine Baldrian-Pillen hinrichten und dein Hörgerät uptunen
lassen. Wir sehen, hören und lesen uns!
Marko
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