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If anybody should be
paid for my vote, it´s me!
Interview mit übermorgen.com über die Wahlplattform voteauction.com
von Karin Hinterleitner
Für große Aufmerksamkeit in den US- und mittlerweile auch in den europäischen
Medien sorgt die Wahlplattform voteauction.com.
Dort konnten ganz unverblümt Wählerstimmen für den aktuellen Präsidentschaftswahlkampf
zum An- und Verkauf angeboten werden. Die Plattform entwickelte James
Baumgartner, ein Kurstudent in N.Y, als Diplomarbeit. Nach juristischen
Problemen verkaufte Baumgartner die Domain im August an ubermorgen.com.
Die Transformation eines künstlerischen Projekts in ein Business-Modell
ist ein klarer Fall von Borderline-Marketing - darauf ist die vor einem
Jahr gegründete Agentur ubermorgen.com, bestehend aus Hans und LIZVLX,
spezialisiert. Karin Hinterleitner traf die beiden in Berlin.
Das Gespräch mit Hans und LIZVLX fand an ihrem
derzeitigen Büroplatz bei Mikro.org in Berlin statt. Aktuelle IP: http://62.116.31.68/.
Was steckt hinter der Idee, im Internet Wählerstimmen
zu versteigern? Euer Slogan "bringing capitalism and democracy closer
together" klingt ironisch...
Hans:
Die Grundidee, die ubermorgen.com mit dem Projekt voteauction.com verfolgt,
ist die Schaffung eines perfekten Marktplatzes im volkswirtschaftlichen
Sinn. Es wird darin mit immateriellen Gütern im Netz gehandelt, mit Stimmen.
Die wichtige Rahmenbedingung eines freien Marktes ist der freie Zugang
- zeitgleich für alle zu allen Informationen. Die erwünschte Konsequenz
eines "perfekten" Marktes sind Preise, die stimmen. In Europa haben wir
eine sogenannte Soziale Marktwirtschaft, in den USA haben wir eine durchregulierte
Marktwirtschaft. Wir versuchen nun, die Prinzipien der Demokratie und
der Marktwirtschaft zu vereinen.

LIZVLX:
Voraussetzung sind viele kleine Marktteilnehmer. Es dürfen nicht in bestimmten
Marktsegmenten Monopole oder Oligopole herrschen - so wie momentan etwa
einige Media-Players mit wenigen Campagne-Funds den Wahlkampfmarkt in
den USA unter sich aufteilen. Die Aufgabe der Plattform ist es, für jeden
offen zu sein und den zeitgleichen Zugang zu gewährleisten. Ich habe dazu
auch einige interessante Feedbacks aus der theoretischen Richtung. Die
Kombination von kapitalistischen Methoden des freien Marktes und Wahlvorgängen
wurde derart wohl noch gar nicht in Betracht gezogen. Aber die Frage stellt
sich: Warum sollte bei einer demokratischen Wahl in einer kapitalistischen
Gesellschaft nicht ebenso das Wahlprozedere nach Marktgesetzten strukturiert
werden?
Ihr habt vor etwa fünf Wochen einen Hinweis über die Betacity-Mailingliste
gepostet. Ehrlich gestanden fand ich das ganze höchst plausibel. Die einzige
Frage, die sich mir stellte, war die, ob es sich um einen Link auf ein
Businessmodell handelt, auf das ihr aufmerksam machen wollt - und das
alles bisherige toppt - oder ob ihr auf ein eigenes Projekt aufmerksam
machen wollt. Nach einem kurzen Blick kam ich zu dem Ergebnis - damals
war das Layout noch etwas anders - es handle sich hier um eine reale US-
Business-Seite!
Hans:
Ubermorgen.com ist genau auf solche Grenzfälle spezialisiert. Auch bei
Etoy
habe ich als Sprecher und Kommunikationsstratege diese Taktik gepflegt.
Wie funktioniert dieser Mechanismus? Es geht im Falle von voteauction.com
darum, zu 99 Prozent die Sicherheit zu vermitteln, dass es sich um ein
ganz normales legitimes Businessmodell handelt, das Profis knallhart durchziehen.
Aber ein Prozent Unsicherheit ist dabei. Dieses eine Prozent ist unser
Spezialgebiet. Der umgekehrte Fall ist eher die Etoy-Methode: 99 Prozent
Spiel und 1 Prozent Business.
Ja, das war die pubertäre, bezehungsweise die jugendkulturelle
Variante!
Hans:
Es ist eine ästhetische und teilweise eine strategische Entscheidung,
wie man ein Projekt gewichtet. Ich finde es jedoch weitaus spannender,
den einprozentigen Unsicherheitsfaktor zu erzeugen, denn damit trifft
man den Punkt, an dem die Nerven, die Emotionen, die Moral bündeln
- also alle Instanzen, die ein Mensch zur Verfügung hat, um Informationen
zu bearbeiten. Dort kann man spielen.
Welche Wirkung wollt Ihr erziehlen? Ich fand strategisch
gesehen die Etoy-Kampagnen
äußerst gewitzt. Jedoch kam - insbesondere von Frauen - folgender Kommentar:
Einem kleinen Spielzeughändler kurz vor dem Börsen-Crash im Februar 2000
Probleme zu bereiten, ist nicht so schwierig. Wozu die martialische Terminologie?
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Hans:
Nun, es ist supercool, als Etoy-Agent so etwas in diesem Kontext zu hören!
Gerade auch deshalb, da ich während des Toy-Wars nur ganz im Hintergrund
operiert habe. Ich habe mir damals eine Auszeit von 1998 bis Anfang dieses
Jahres genommen. Ich war in dieser Zeit nur als Investor beteiligt. Die
pubertären Grundlagen - wie du richtig sagst - wurden selbstverständlich
vorher mit meiner Mitarbeit gelegt. Ich habe diese Auszeit genommen, um
mit LIZVLX ubermorgen.com aufzubauen. Wir haben zusammen eine reale Firma
aufgebaut und den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Wir betreuen Kunden
und wollen damit soviel verdienen, um für längerfristige Projekte wie
voteauction.com von kurzfristig operierenden Investoren unabhängig zu
sein. Würden wir im aktuellen Stadium des Projekts bereits versuchen,
Umsätze und Gewinn zu erzielen, würden wir uns selbst diskreditieren.
Längerfristig wollt ihr also nicht nur auf metaphorischer
Ebene arbeiten, sondern ein reales Business starten?
Hans:
Ja genau. Wir gehen mit voteauction.com ein sehr hohes Risiko ein. Das
ist der große Unterschied zur Strategie, wie sie Etoy zur Zeit fährt.
Mit ihren neuen Kunstaktien
bedienen Sie ganz konservativ den klassischen Kunstmarkt. Unser voteacution.com
Projekt setzt andere Maßstäbe inhaltlicher Art. Als Businessleute investieren
wir in gute Ideen, in technische, juristische, sozialpolitische und Businessbase-Ideen.
Der amerikanische Markt ist durch seine Härte und Schnelligkeit für unser
Pilotprojekt ein Geschenk. Wir optimieren bereits ständig die Plattform
"on-the-fly". Wir versprechen uns von der Auswertung des Projekts nach
der Wahl wichtige Resultate und möchten daraus weitere Investitionsmodelle
entwickeln.
LIZVLX:
Insofern ist uns momentan das Feedback äußerst wichtig, die Begründung
der User, warum Sie an unserer Auktion teilnehmen wollen. Es geht also
auf der Site noch nicht darum, Stimmen konkret zu versteigern. Wir wollen
den Leuten, die sich mit diesem Thema auseinander setzen wollen, vielmehr
eine Plattform bieten. Uns interessiert eine Community, in der eine ehrliche
Auseinandersetzung stattfinden kann, die nicht so selbstgerecht dogmatisch
à la Achziger Jahre geführt wird. Ich sehe, dass die Leute im Umgang mit
dem Medium und mit sich selbst seither gewachsen sind. Wir lesen das auch
daran ab, dass die aggressiven Feedback-Mails einen sehr kleinen Prozentsatz
ausmachen. Der Tenor vieler Begründungen ist: Meine Meinung interessiert
niemanden. Ich habe jedoch gelernt: Sobald es um Geld geht in unserer
Gesellschaft, wird es interessant.
Welche Leute bieten Geld für die Wählerstimmen, welche
Firmen und Personen haben sich als Käufer registrieren lassen?
Hans:
Unter der Sektion "Corporate" kommen 50 Prozent der Angebote
über E-Mail. Die anderen bevorzugen aus Vorsicht Telefon und Fax. Zum
Teil geben die Geldbieter auch keine Begründung an. Wir gehen davon aus,
dass es sich bei 50 bis 70 Prozent um Strohmänner handelt, und dass einige
Government-Agencies mitbieten - aus welchen Gründen auch immer. Ich wundere
mich, warum die staatlichen Institutionen in den USA so überreagieren
und juristisch gegen uns vorgehen - unsere Seiten sind gespickt mit Anspielungen.
Wichtig ist, dass wir am Ende des Registrierungsformulars nach einer Begründung
fragen. Die Medien verstehen es; sie spielen nur die Entrüstung, weil
sie wissen, dass dieser Tabubruch eine total gute Story ist. Es kam soweit,
dass CNN
in der Lunchprimetime die zwanzigminütige Sendung, burdon
of proof voteauction.com widmete. Das entspricht dem Medienolymp!
Es geht darum, mit diesem Ruhm etwas Sinnvolles anzufangen.
Voteauction.com ist also noch ein Non-Profit-Projekt,
das sich dem System Kunst zuordnen lässt. Sicherlich stützt das eure Glaubwürdigkeit,
und ihr werdet nicht einfach so kriminalisiert...
Hans:
In der CNN-Sendung "burdon of proof" wurde von Stuart Biegel aus Harvard
unser Fall ganz klar als eine Frage der "Free Speach" definiert. Die Antwort
von William Wood von der kalifornischen Regierung war: "zero tolerance!".
Wir sind in diesem Zusammenhang sehr froh, dass unser Geschäftssitz innerhalb
der Grenzen der EU liegt, denn wir wissen, das wir uns hier mit unserem
Geschäftsmodell zumindest auf einen gesetzlichen Rahmen berufen können,
der die Freiheit der Kunst garantiert. Hingegen wären wir in den USA massiven
Repressalien ausgesetzt - wie ich sie während des Etoy-Projekts erlebt
habe. Da steht ganz schnell ein FBI-Mann vor deiner Tür.
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LIZVLX:
Es wurde uns die Frage gestellt: Warum kreiert ihr eine Election-Industry?.
Die Antwort ist eindeutig: Diese Industrie gibt es bereits. Unser Ansatz
ist weniger idealistisch als realistisch, indem wir diesen bereits existierenden
Markt fast "klassisch" ins Internet bringen, das heißt, wir schalten
die Mittelsmänner aus und bringen dem Enduser mehr Profit, mehr Transparenz
- so wie man es eben kennt aus dem Internetbusiness. In der momentanen
Phase stellt sich nicht wirklich die Frage, ob es nun Kunst oder ein kommerzielles
Projekt ist. Wenn wir es schaffen, dass das Projekt innerhalb der "legal
boundaries" funktioniert, dann bin ich überhaupt nicht abgeneigt und habe
kein moralisches Problem, es zukünftig kommerziell aufzuziehen.
Welche konkreten Schritte wurden bereits gegen euch eingeleitet?
Hans:
Auf amerikanischer Seite werden eventuell von Staatsanwälten nach amerikanischem
Recht Klagen erhoben - respektive werden wir bereits zivilrechtlich vom
Chicago Board of Election verklagt. Nicht nur ich als natürliche Person,
sondern auch unser Provider "SilverServer" in Österreich wird verklagt
und auch die US-amerikanische Domainbank, bei der wir uns mit voteauction.com
registieren ließen. Der Register wurde durch eine einstweilige Verfügung
gezwungen, unsere Domain abzuschalten. Wir kauften daraufhin in Deutschland
die voteauction.com-Domain. Jetzt warten wir, wie lange es braucht, bis
die US-Behörden auch diese Domain ausschalten können - wenn Sie es überhaupt
können. Dann würden wir weiter ziehen: voteacution.ru oder voteauction.whatever
- einfach ausserhalb die amerikanische Hoheit. Dadurch wird der Fall politisch,
und auf der Ebene des internationalen Rechts interessant.
[Anmerkung der Redaktion: die Domain wurde inzwischen illegal ausgeschaltet,
deshalb ist die Website inzwischen nur noch unter der IP-Adresse: http://62.116.31.68/
erreichbar]
Ihr fordert mit eurem Projekt die Hegemonie US-amerikanischer
Rechtsvorstellungen im Internet heraus. Welche Rechtsfragen wirft der
Streit um voteaction.com auf?
LIZVLX:
Es gibt verschiedene Rechtsvorstellungen. Der klassische Ansatz hat wenig
mit Internet zu tun und besagt, dass eine Sache dort strafrechtlich verfolgt
wird, wo sie auch tatsächlich stattgefunden hat. Es wird nun versucht,
dieses Recht auf das Internet zu übertragen, indem man nach dem Land des
Zielpublikums fragt. In unserem Falle wären das die USA. Aber man kann
auch anders argumentieren und sagen, der Gerichtsort ist Österreich, da
die Leute freiwillig auf unseren Server kommen. Dieser Meinung schließen
sich Internet-Rechts-Experten an, die sich sehr genau die Frage stellen:
Ist das Internet eine Push- oder eine Pull-Technology. Wenn es eine Pull-Technology
ist, geht ein User freiwillig auf eine Domain und holt sich von dort Informationen
- in diesem Sinne kann man wirklich nicht sagen, dass das lokale Recht
des Users anzuwenden sei. Nach dieser Rechtsvorstellung müßte man
weltweit alle Rechtsvorschriften beachten - eine unmögliche Konsequenz.
Momentan stehen also noch Grundsatzfragen der Zuständigkeit zur Debatte.
Um wieder auf unseren Fall voteauction.com zurückzukommen: Es gibt noch
eine von konkreten Interessen gezeichnete Ebene, wie uns von dritter Seite
berichtet wurde. Der Election Board of Chicago, der die Wahlen in Chicago
bisher im Monopolauftrag abgehalten hat, klagt gegen uns, da wir mit unserem
Internetangebot eine klare Konkurrenz für diese privatwirtschaftliche
Institution darstellen. Auch die heftigen Reaktionen aus Kalifornien lassen
sich erklären, da dort bereits Internetwahlsysteme entwickelt werden.
Nach deren Ansicht diskreditieren wir mit unserer Plattform Internetwahlen
als solche. Das liegt zwar nicht in unserer Absicht, aber wir verschleiern
damit zusammenhängende Probleme nicht.
Auf eurer Seite fand ich einen Hinweis auf das Gesetz
von 1976 zur Regelung der Wahlkampagnen in den USA? Was kennzeichnet den
dortigen Wahlkampf und dessen Finanzierung?
LIZVLX:
Tendenziell werben die Kandidaten weniger mit ihrer politischen Position
und ihren Moralvorstellungen, sondern locken spezifische Wählergruppen
mit konkreten Finanzvorteilen an. Zum Beispiel gab es den Vorschlag, dass
Medikamente um zwei Dollar billiger werden, und dafür Sozialhilfeempfänger
statt zwölf nur noch zehn Monate Unterstützung beziehen sollen. In
zehn Minuten kann sich jeder in einem Kalkulationsprogramm selbst seinen
exakten Finanzvorteil ausrechnen.
Werden diese Wahlversprechen eingehalten?
LIZVLX:
Nun, wie wir alle wissen sind Wahlversprechen nicht einklagbar. Diese
Problematik trifft übrigens auch unser Projekt - bei der Frage, wie wir
garantieren können, dass die User, dann auch wirklich den Kandidaten wählen,
für den sie sich verpflichtet haben, zu stimmen. So handelt es sich in
unserem Modell ebenfalls um eine "relationship of trust". Es kommt darauf
an, wie moralisch konsequent ein User ist. Es läßt sich nicht
wegdiskutieren, dass es sowohl im Business, wie auch in der Demokratie
auf die Moral des Einzelnen ankommt.
Ohne Vertrauensvorschuß funktioniert also euer Modell
nicht?
LIZVLX:
Das ist klar. Wer unser Geschäft verwerflich findet, dem kann ich nur
entgegnen: Wenn du dich nicht verpflichtet fühlen würdest, kann ich dir
bei deiner Moral nicht behilflich sein. Die Alternative würde bedeuten,
die Moral des Einzelnen bemessen zu müssen. Konkrete Wahlversprechen,
die mit einem individuellen Finanzvorteil werben, sind Beeinflussung Einzelner
durch Geld. Dabei handelt es sich um genau das, was die US-amerikanischen
Gesetze eigentlich verbieten. Es mag damit früher sicher etwas anderes
gemeint gewesen sein, als es gegen die Bekämpfung von Wählerbestechung
vor dem Wahllokal ging. Jedoch sind wir mit der Demokratie gewachsen und
wissen alle genau, worum es geht. Ich war während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs
in den USA und empfand ihn als einen lachhafter Prozess. Wer sich auf
Demokratie verlassen möchte, empfindet diese Lächerlichkeit schmerzhaft.
Eine Version dieses Artikels erschien auf www.betacity.de
am 1.11.2000
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