"Knochenarbeit und kein Geld, dafür aber viel Erfahrung"
Interview mit dem Wim-Wenders-Assistent Jörg Ihle

von Marko Schacher

Jahrelang hat sich Jörg Ihle bei allen deutschen Filmhochschulen beworben - und wurde abgelehnt. Trotzdem hat sich der gebürtige Böblinger, Jahrgang 74, nicht einschüchtern lassen und eine Videocassette mit seiner Theaterproduktion "Dracula" und seinem MTV-Trailer "Bombastic" an das renommierte American Film Institute in Los Angeles eingeschickt - wohlwissend, dass für die 25 Regie-Ausbildungsplätze über 1000 Bewerbungen eingehen. Doch Ihle hatte Glück und durfte seine Koffer packen. 1998 wurde er von Marcus Nispel für den Schwarzenegger-Film "End Of Days" engagiert, ein Jahr später erhielt Ihle durch die Vermittlung einer Hollywood-Reporterin einen Anruf von Wim Wenders und wurde Regieassistent bei "The Million Dollar Hotel". Jetzt hat Jörg Ihle (Lieblingsfilme: Der weiße Hai, Der schmale Grat und alle Filme von David Lynch) seine eigene Produktionsfirma "Überproductions" gegründet und arbeitet an seinem ersten eigenen Kinofilm "Secrets", der die Geschichte eines Schauspielers erzählt, der auf der Suche nach seinen Wurzeln in die irische Heimat zurückkehrt. Marko Schacher führte mit dem Exilschwaben ein Gespräch über Wendepunkte, Wenders und die Unterschiede zwischen Hollywood und der Heimat.

Wann hast Du Dich entschlossen, Filmregisseur zu werden? Gab es einen bestimmten Auslöser für diesen Berufswunsch?

Ich erinnere mich noch genau. Ich war zwölf Jahre alt, seiner Zeit in Amerika, und sah das "Making of Indiana Jones" im Fernsehen. Spielberg und Lucas bei der Arbeit zu beobachten, war total faszinierend. Die waren wie Kinder, bloß mit größerem Spielzeug. Daraufhin beschloß ich, Regisseur zu werden.

Wie sahen Deine ersten Gehversuche im Filmgeschäft aus?

Man fängt meist als Praktikant oder Produktionsassistent an. Das habe ich auch an einigen Film- und Werbeproduktionen in Deutschland gemacht - zum Beispiel in den Hildrizhausener Dewe-Studios. Das bedeutete Knochenarbeit und kein Geld, dafür aber viel Erfahrung.

Du hast Dich bei allen Filmhochschulen in Deutschland beworben, wurdest jedoch nicht genommen. Wie erklärst Du Dir diese Absagen?

Ich war denen vielleicht zu amerikanisch. Vielleicht war es auch einfach nur Schicksal. Everything happens for a reason. Ich wollte immer nach Hollywood. Durch die Absagen in Deutschland bin ich diesem Ziel viel schneller nähergekommen, denn das hat mich motiviert, mich am American Film Institute in Los Angeles zu bewerben. Ich hätte auch in keine deutsche Filmschule gepaßt. Immer wenn ich meine Freunde auf den Filmhochschulen in Potsdam, München oder Ludwigsburg besuche, bin ich heilfroh, da nicht vier Jahre meines Lebens verbracht zu haben. Die sind alle ziemlich frustriert, auf den Schulen herrscht kein sehr gutes Klima.

Wie kamst Du zum American Film Institute? Hast Du mit einem Studienplatz gerechnet?

In das AFI aufgenommen zu werden, ist sehr schwer. Nachdem mich schon alle Schulen in Deutschland abgelehnt hatten, habe ich auch nicht mit dem AFI gerechnet. Die Zusage kam also total überraschend. Die Amerikaner konnten was mit meiner Art, Filme zu machen, anfangen, konnten sich besser mit meinen Ideen identifizieren.

Welche Erfahrungen hast Du am American Film Institute und mit dem "American Way of Life" gemacht? Arbeiten die amerikanischen Regisseure/Produzenten anders als die deutschen?

Die Filmindustrie in Amerika hat mehr Geld, das heißt Regisseure und Produzenten haben mehr Freiheiten. Dies beeinflußt natürlich das Arbeiten und die Auswahl der Stoffe. In Hollywood schmückt man sich damit, dass alles möglich ist. Diese Einstellung öffnet natürlich Türen.

1998 hast Du als Assistent des Regisseurs Marcus Nispel beim Schwarzenegger-Film "End of Days" mitgearbeitet. Hast Du Schwarzenegger persönlich kennengelernt? Welche Erfahrungen hast Du während des Drehs gemacht?

Ich habe Arnold gut kennengelernt und wir haben auch öfters Szenen für den Film besprochen. Zum Drehen kam es dann leider nicht, weil Marcus das Projekt kurz vor Drehbeginn verlassen hatte. Ich habe "End of Days" schon ein paar Tage vor ihm verlassen - Studiopolitik und Budget waren die Gründe. Drei Wochen vor Drehbeginn wurde uns mitgeteilt, dass wir 20 Millionen Dollar weniger zum Drehen hätten. Das hat uns den Teppich unter den Füßen weggezogen.

Wie kam der Kontakt zu Wim Wenders zustande? Hast Du dich bei ihm beworben?

Ich hatte mich nach "End of Days" von Marcus Nispel getrennt, weil ich mich auf meinen Abschlußfilm konzentrieren wollte. Die Hollywood-Reporterin Francis Schönberger hatte Wim von mir erzählt, und er suchte zu dieser Zeit nach einem neuen Assistenten. Daraufhin hat er mich angerufen und ich bin seither bei ihm.

Bist Du Wim Wenders zuvor bereits begegnet? Bist Du Wim Wenders-Fan?

Nein, ich kannte Wim nicht. Ich kannte einige seiner Film und war natürlich ein Fan von "Himmel über Berlin". Ein Wenders-Fan war ich aber nicht. Meine Idole waren überwiegend amerikanische Filmemacher. Das hat sich aber geändert. Heute bin ich ein absoluter Wenders-Fan!

Was ist das für ein Gefühl, wenn plötzlich Wim Wenders am Telefon ist?

Ich war sehr überrascht, und wir haben uns dann ja auch gleich getroffen. Wim saß im Schneideraum und arbeitete gerade an "Buena Vista Social Club". Als er mir von "The Million Dollar Hotel" erzählte, war ich total begeistert und wollte auf jeden Fall an dem Film mitarbeiten. Schließlich waren da meine Helden Mel Gibson und Bono von U2 dabei.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Wenders? Hast Du "freie Hand"?

Wim lässt jedem freie Hand, das ist eines seiner Markenzeichen. Er vertraut Menschen und will ihnen dann nicht dreinreden. Er holt somit das Beste aus einem heraus.

Was hat Dich an Wenders Arbeitsweise verblüfft? Ist er ein feinfühliger Regisseur oder eher oberflächlich - wie es vielen amerikanischen Regisseuren nachgesagt wird?

Ich denke Wims Filme sprechen da für sich. So feinfühlig und einfühlsam wie seine Charaktere sind, ist auch er - vor allem wenn er eine Einstellung komponiert. Seine Liebe zum Detail steckt in jedem seiner Bilder.

Wie bewertest Du das Ergebnis "The Million Dollar Hotel"? Was hättest Du im Nachhinein anders gemacht?

Wir müssen ganz ehrlich sein: Wir hatten uns einen größeren Erfolg von dem Film versprochen. Schließlich hatte das Projekt ja große Namen wie Wenders, Mel Gibson und Bono von U2. Der Film hat bisher große Probleme, in den USA einen guten Start zu bekommen, und auch in Deutschland hat ihn kaum jemand gesehen. Ich weiß nicht, ob man viel hätte anders machen können. Kinogänger sehen halt lieber Tom Cruise als Superspion als Jeremy Davies mit Herzschmerz. Ich denke, die Zuschauer, die "The Million Dollar Hotel" gesehen haben, hat er auch berührt. Das ist eben Qualität und nicht Quantität - etwas sehr Unpopuläres hier in Hollywood.

Bist Du immer noch in Kontakt zu Wenders? Werdet ihr weiter gemeinsam arbeiten?

Ich bin immer noch bei Wim und werde auch solange bei der Firma "Wim Wenders Productions" arbeiten, bis mein eigener Film losgeht. Im Moment bereiten wir bereits seinen nächsten Film vor.

Wie sieht dein heutiger Arbeitsalltag aus? Arbeitest Du derzeit an einem eigenen Film - wenn ja, um was geht es darin, wie kamst Du auf das Thema und wann wird der Film in die Kinos kommen?

Ich arbeite immer an mehreren Projekten, teilweise auch als Produzent. Der Irlandfilm "Secrets" soll aber mein Regie-Debüt werden und ist das Projekt, das mir am meisten am Herzen liegt. Die Idee dazu kam aus meinen persönlichen Erfahrungen, die ich machte, als ich Deutschland verließ und nach Amerika ging. Ferner hat mich dann auch die irische Musik inspiriert, die ja oft vom In-die-Ferne-Ziehen erzählt. Beide Ideen zusammengeführt ergeben den Irlandfilm. Irgendwie hat mich schon immer die grüne Insel begeistert.Allein der Gedanke an Irland ist schon romantisch. Bis der Film in die Kinos kommt, das kann noch dauern. Das hängt von vielen Faktoren ab, auf die man oft keinen Einfluß hat.

Du hast die Produktionsfirma "Überproductions" gegründet? Wie kam es zum Namen? Welche Ziele verfolgst Du mit der Firma?

Die Firma habe ich mit meiner Produzentin Macarena Bianchi gegründet. Ich wollte einen deutschen Namen für die Firma haben und so sind wir auf das Wort "Über" gestoßen. In Amerika bedeutet "über" soviel wie super und klingt auch toll deutsch. Alle Projekte in dieser Firma werden von mir geprüft, somit habe ich direkten Einfluß auf die Themen und Umsetzung. Es gibt gewisse Dinge, die ich von einem Film erwarte und mit "Überproductions" möchte ich diesen Standart gewähren.

Bleibst Du in Amerika? Glaubst Du, dass Du jemals zurückkommen wirst - oder zumindest einmal länger in Deutschland arbeiten wirst?

Ich bleibe zuerst mal in Amerika. Ich glaube auch nicht, dass es viel Arbeit für mich in Deutschland gäbe. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, wieder in Europa zu leben. Wenn ich ehrlich bin, dann muß ich gestehen, dass ich mich ein wenig in die Stadt Dublin verliebt habe.

Hast Du deinen "Kollegen", den Exil-Schwaben Roland Emmerich kennengelernt?

Ich habe Herrn Emmerich nie kennengelernt, würde ihn aber gerne mal kennenlernen.

Was sagst Du zum Thema "Medienstandort Baden-Württemberg"?

Ein Potential hat Baden-Württemberg auf jeden Fall. Es gibt dort viele interessante und kreative Leute. Ich denke aber, die Konkurrenz ist zu gross und Berlin wird innerhalb der nächsten zehn Jahren wieder zum Hauptmedienstandort Deutschlands.

Vermißt Du Böblingen/Stuttgart? Was vermisst Du? Hast Du noch regelmäßig Kontakt zu deinen ehemaligen Freunden? Ist dir dieser Kontakt wichtig?

Mir fehlt Europa im Allgemeinen. An Böblingen vermisse ich natürlich meine Familie, meine Freunde und die wenigen schönen Stellen die es zu bieten hat: den Bärensee, den Alten Friedhof, den Sindelfinger Götterberg - alles Stellen, an denen ich schon gedreht habe. Ich habe noch viel Kontakt zu meinen Freunden und werde auch regelmäßig in L.A. besucht.

Bekommst Du überhaupt etwas vom deutschen Filmgeschehen mit (Tom Tykwer, Dany Levi, Detlev Buck, etc.).

Wenig. Ich sehe auch selten einen deutschen Film, weil die in Amerika nie gezeigt werden. Ich habe aber "Lola rennt" gesehen und fand den klasse. Von Dany Levi habe ich erst kürzlich das Drehbuch zu seinem nächsten Film gelesen, hat mir sehr gut gefallen.

Welches sind die größten Unterschiede zwischen dem Filmedrehen in Amerika und dem Filmedrehen in Deutschland?

Das Geld. In Amerika hat man Geld zum Drehen und sicherlich die besten und schnellsten Filmcrews. Hier ist alles möglich, in Hollywood findet man ohne großen Aufwand einen Spezialisten für jede Herausforderung.

Hast Du eine eigene Internetseite, auf der Du Deine Arbeit und Pläne präsentierst?

Ich habe noch keine Webseite, habe aber bei der Gestaltung von www.wim-wenders.com mitgearbeitet - eine tolle Seite für alle Wenders-Fans und welche, die es gerne werden wollen.

Welches sind deine persönlichen Lieblings-Webpages im Bereich Film?

www.imdb.com (Alle Daten auf Knopfdruck),www.amazon.com (Ich kaufe dort immer viel zu viele DVDs), und natürlich www.wim-wenders.com.

 

 

www.wim-wenders.com
www.milliondollarhotel.com

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