Viele Monologe, aber kein Dialog
Das Symposium "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" im ifa


von Marko Schacher

Am 27.Oktober fand im Rahmen des Akademie-Solitude-Jubiläums im Vortragssaal des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen ein ursprünglich mit "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" betiteltes Symposium statt. Eingeladen waren die KünstlerInnen Christine Hill, Fabrizio Gallanti und Andree Korpys und die KuratorInnen Johannes Gachnang, Vasif Kortun, Benno Löning, Ute Meta Bauer, Catherine David und Ole Bauman. Die einzelnen Monologe verschmolzen jedoch zu keinem Dialog, und diejenigen Kunstinteressierten, die als Publikumsstimme etwas zur Diskussion hätten beitragen können, blieben der Veranstaltung - mal wieder - fern. Marko Schacher war dort.

1. Die Thematik

In der Broschüre zum zehnjährigen Jubiläum der Akademie Schloß Solitude wurde die Veranstaltung noch unter dem provokanten Titel "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" angekündigt. Auf den verschickten Presseinformationen und den ausliegenden Faltblättern war dann der harmlosere Titel "Über die Verhältnismäßigkeit von künstlerischer und institutioneller Praxis heute" zu lesen.

Die in der Broschüre angeschnittene Problematik ist - trotz ihrer unbeholfenen Wortwahl - durchaus nachvollziehbar und interessant: "Kulturinstitutionen, die mit Künstlerinnen und Künstlern arbeiten (...) werden mit einer einfachen Frage konfrontiert: In welchem Maße stimmt ihre Praxis mit der der Künstler von heute überein? Sind sie in der Lage, das wahrzunehmen, was die Künstler der jungen Generation beschäftigt, was sie produzieren und vermitteln wollen?" Leider griffen die eingeladenen Referenten diese Fragestellung gar nicht oder nur am Rande auf. Wie auch bei anderen Symposien immer wieder erlebbar, verschmolzen die einzelnen Monologe der Teilnehmer zu keinem Dialog.

2. Der Symposium-Ablauf

Die "Moderation" von Ursula Zeller und Jean-Baptiste Joly beschränkte sich darauf, die Referenten in einigen Sätzen anzukündigen. Die Idee, jeweils drei Referenten ohne jegliche Zwischenpause hintereinander reden zu lassen, war äußerst unglücklich. Dass Christine Hills Dia-Vortrag zu ihren Kunstprojekten nach einer dreiviertel Stunde und gerade an der spannendsten Stelle mit Blick auf die Armbanduhr in geradezu schwäbischer Manier durch Herrn Joly unterbrochen wurde, war unhöflich und zugleich dem Klassenziel höchst unzudienlich.

Wie inzwischen bei vielen Symposien üblich, wurde erst nach drei Vorträgen eine Diskussionsrunde - mit allen drei Referenten an einem Tisch - eröffnet. Während aber andernorts die Moderatoren durch gezieltes, provokantes Nachfragen die Thematik vertiefen und Unklarheiten beseitigen und versuchen, die verschiedenen Thesen miteinander zu konfrontieren oder zu kombinieren, hatten Ursula Zeller und Jean-Baptiste Joly wenig Erhellendes und sowieso sehr wenig Worte beizutragen. Das von Ute Zeller nach neun Vorträgen angebotene Fazit "Jetzt haben wir also festgestellt, dass nicht nur Künstler die Institutionen benutzen, sondern dass auch die Institutionen die Künstler benutzen", fiel doch etwas mager aus.

3. Der Einführungsvortrag

Eigentlich begann das Symposium ganz vielversprechend. Am Vorabend des Symposiums sorgte der Schweizer Künstler, Kurator ("Bilderstreit") und Verleger
Johannes Gachnang mit einer Mischung aus Vortrag und Performance für große Augen. Adorno-, Becket- und Kafka-Zitate ("Berichte für eine Akademie") wurden munter mit eigenen Erinnerungen an die Zeit als Solitude-Juror und Erfahrungen in der heutigen Kunstlandschaft durchmixt, mit kräftigen Schlücken aus der Whisky-Flasche überschüttet und - in Andenken an Dieter Roth - mit isländischer Musik des Elfen-Spezialisten Wolfgang Müller flambiert. Die These, dass in der Schweiz die psychiatrischen Kliniken die Aufgabe von Akademien erfüllen, traf auf die ebenso provokante These, dass die heutigen Ausstellungshallen zu "Dienstleistungszentralen" mutiert seien, und die Leiter ihre Verantwortung längst an die Sponsoren und Banken weitergegeben haben. Die chaotisch-charmante Darbietung endete in keiner These, war aber äußerst unterhaltsam.

4. Das Programm / die Referenten

Mit ihrem Dia-Vortrag "Volkboutique and other public art projects" bewies die documenta X-Teilnehmerin Christine Hill, dass man auch außerhalb der anerkannten Kulturinstitutionen kreativ arbeiten kann - etwa als Masseurin, als Mitglied der Musiktruppe "Bindemittel" oder als Betreiberin des Berliner Second-Hand-Ladens "Volksboutique". Leider wurde Hill keine Zeit mehr gegeben, ihre übrigen Projekte, wie die Touristen-Führungen in New York und die kürzlich unter dem Titel "Pilot" erfolgte Talkshow-Inszenierung ausführlicher zu erläutern.

Der italienische Architekt Fabrizio Gallanti, der sich selbst als "amateur in the artfield" bezeichnet, berichtete - in ziemlich trockener Aufzählung und ohne Bildmaterial - von einigen erfolgreichen Projekten der Künstlergruppe "gruppo A12", deren Tätigkeiten er als "always cynical" bezeichnete. Eines der Ziele sei es, grundsätzlich alle Möglichkeiten der jeweiligen Institution zu nutzen.

Weitaus interessanter und wirklich anarchistisch war der 60-minütige Film "Wodu" von Andree Korpys und Markus Löffler. Das Berliner/Bremer Künstlerduo hat Hans-Olaf Henkel, den Präsidenten des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) zwei Monate lang begleitet und die gefilmten Ausschnitte aus diversen öffentlichen Vorträgen und Talk-Show-Auftritten mit erhellenden privaten, pseudo-revoluzzerischen Äußerungen und den Aufnahmen eines einst von russischen Soldaten besetzten und nun heruntergekommenen Berliner Kasernengeländes konfrontiert. Kameraschwenks auf hochdotierte Kunstwerke und Möbelstücke zeigten, dass diese innerhalb der Machtarchitektur der BDI-Filialen zur Dekoration verkommen.

Der in Israel lebende Kurator und Dozent Vasif Kortun stellte anhand eines in Istanbul verwirklichten Studenten-Projekts ein außerhalb der staatlichen und städtischen Institutionen funktionierendes Projekt vor. Per Videofilm führte Kortun den auf White Cube getrimmten Wohnraum einer Studenten-WG vor, der von den Kindern aus der Nachbarschaft zur halböffentlichen Kuschel- und Spielecke instrumentalisiert wurde. Dass der "Kunst als Dienstleistung"-Charakter ein inzwischen wahrlich "alter Hut" ist, wurde nicht weiter erörtert.

Der seit Mai als Assistent von Martin Hentschel im Württembergischen Kunstverein arbeitende Benno Löning propagierte das Miteinbringen von privatem Enthusiasmus in öffentliche Institutionen. Als Mäzen und Initiator des "Good Luck"-Private-Sponsorships hat Löning in New York Abendessen, Vorträge und Barbecue-Nachmittage mit Künstlern organisiert. Sein Verweis auf mit ähnlichem privatem Idealismus arbeitende Institutionen wie die Tübinger "peripherie" und die Stuttgarter "Oberwelt" wurde leider nicht vertieft.

Als Ersatz für Sarat Maharaj, der zum siebenköpfigen Kuratorenteam der documenta 11 gehört, sprang die in Stuttgart hinglänglich bekannte Ex-Künstlerhaus-Leiterin Ute Meta Bauer ein, die ebenfalls zu Okwui Enwezors Co-Kuratoren gehört. Der Vortrag beschränkte sich auf die Aufzählung der Städte, in denen das documenta-Team ab März 2001 "Plattformen" (da ist es wieder das Unwort der 90er!) für Vorträge und Aktionen bereitstellt (u.a. Wien, London, Neu-Delhi).

Die Ex-dX-Chefin und - natürlich - ehemalige Solitude-Jurorin Catherine David propagierte mit viel verbalem Füllmaterial ihre Neudefinitionen der "new agencies for art", "producers of cultural meaning" und "cultural projects" als zeitgemäßen Ersatz für die abgenutzten Begriffe "Kunstinstitutionen", "KünstlerInnen" und "Ausstellungen".

Dem manifesta3-Co-Kurator, Architekt und Multimediadesigner Ole Boumann war es zu verdanken, dass wenigstens kurz das Thema Internet als eigenständige Präsentationsform von Kunst Erwähnung fand. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand jedoch die langwierige Erläuterung der einzelnen Schritte und Ebenen, die zur manifesta 3 in Ljubljana führten und die Aufzählung seiner während dieser Ausstellung entwickelten "Ten points towards a new curatorship" (Nr.4: "The art world lacks self criticism. Well, if it doesn't exist, it can be invented", Nr.10: "Dissent might even be the most productive dimension of cultural production"). Sehr interessant waren seine ausgeführten Pläne, eine ganze holländische Stadt im Rahmen eines Kunstprojekts zu einer rundum glücklichen Stadt ohne Arbeitslose und Schuldenberg zu machen.

5. Das Fazit / die Kritik

Wieder einmal versuchte eine Stuttgarter Institution krampfhaft, ihre Professionalität und Weltoffenheit zu beweisen. Ob es aber tatsächlich ratsam war, wegen vier englischsprachigen Referenten Englisch als Symposiumssprache einzuführen, ist fraglich (im Publikum jedenfalls waren keine englischsprachigen Besucher auszumachen). Hätte man beispielsweise das Thema "Arbeiten Stuttgarter Institutionen an den Künstlern vorbei" als Thema gewählt und danach die Referenten ausgesucht, wäre eine sicherlich spannendere und konstruktivere Veranstaltung herausgekommen.

Die Tatsache, dass kein einziger Vertreter der Stadt Stuttgart, kein Professor der Stuttgarter Kunstakademie, kein Dozent des Instituts für Kunstgeschichte und - außer kurzzeitig Fareed Armaly - auch kein einziger Stuttgarter Galerist oder Institutionsleiter anwesend war, stimmt zudem sehr traurig. Wo war Stuttgarts Kulturbürgermeisterin? Wo waren die Hentschels, Imbodens, von Maurs, und Schmidts dieser Stadt? Und vor allem: Wo waren die Kritiker, die Vertreter der Off-Space-Kultur, die Vertreter von Oberwelt e.V., des Vereins für Flüssigkeiten und Schwingungen und die Hanns-Michael Rupprechters? Andreas Bär, der anwesende Leiter des Tübinger Ausstellungsraums "peripherie", hielt sich ebenso vornehm zurück, wie Georg Winter.

Behauptungen wie die von Ursula Zeller, dass die Nennung des Namens Stuttgart in der Fremde Reaktionen wie "Aah, the home of Solitude" auslösen würde, wurden vom Publikum widerstandslos hingenommen. Es regte sich auch kein Widerspruch, als Jean-Baptiste Joly während seiner Eröffnungsrede, Georg Winters Subotnik-Aktion als Beispiel für den "Networking"-Gedanken der Akademie Schloß Solitude aufführt - was geradezu aberwitzig ist, da diese Aktion allein Georg Winter und seiner Antipathie gegenüber des an der Solitude praktizierten Stipendium-Vergabeverfahrens und der ungeschickten Eingliederung in die Staatsgalerie (noch bis zum 12.11. unter dem Titel "Solitude im Museum" in der Staatsgalerie zu bestaunen) zu verdanken ist.

Wie auch bei anderen vergleichbaren Veranstaltungen - wie zum Beispiel der im Juli von den "Stuttgarter Nachrichten" organisierten Podiumsdiskussion zum Thema "Die Kunststadt Stuttgart" - stellt sich die Frage, warum diejenigen Kulturschaffenden, die etwas Konstruktives zum Thema beitragen könnten, schweigen, oder erst gar nicht erschienen sind. Lag es an der unzureichenden Werbung für die Veranstaltung oder an der wenig Spannung verheißenden Auswahl der ReferentInnen? Oder lag es daran, dass kritisch eingestellte KünstlerInnen und KuratorInnen von vornherein abwinken, wenn sie den Namen "Akademie Schloss Solitude" lesen?

Leider muß als Fazit konstatiert werden, dass Institutionen oft nicht nur an den Künstlern vorbei arbeiten, sondern in diesem Fall auch am Publikum. Ein mit deutschsprachigen Vertretern der Kulturlandschaft (und der Off-Kulturlandschaft!) und einem kompetenten und kritisch nachfragenden Moderator (wie etwa Stephan Schmidt-Wulffen) ausstaffiertes Podium und ein besser strukturierter Ablauf hätten den Boden für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem durchaus erörterungswürdigen Thema "Arbeiten Institutionen an Künstlern vorbei?" ergeben. Diese Chance wurde - bewußt oder unbewußt - verschenkt.

Über eine Dokumentation des Symposiums in Buchform oder im Internet wird derzeit noch nachgedacht.

 

Ankündigungstext des Symposiums (leider ohne Links):
www.ifa.de/i/dikunst.htm

Infos zu Christine Hills "Pilot".Projekt:
www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,92073,00.html

Fabrizio Gallanti:
http://king.dom.de/parole/

Artikel zu den documenta11-Plattformen:
www.ct.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/3577/1.html

Catherine David:
www.documenta.de/documenta/dx/index.htm

Ole Bouman:
www.virtualmanifesta.com

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