

Arbeitsblatt: Qualitätssischerung
Es
ist nicht das erste Mal, dass du deine Arbeitsumgebung
einem Publikum zugänglich machst -
ich erinnere mich an dein Büro in der Villa Merkel, Esslingen.
Ja, es ging damals um die Veränderung von Produktionsverhältnissen, das heißt ich belegte für ein Jahr einen Raum im Museum, baute dadurch das Museum zurück, da die Ausstellungsfläche reduziert wurde. Es handelte sich um eine plastische Metapher für den Gedanken der Kurskorrektur, um damit Arbeitsbedingungen aufzuzeigen, die für Künstler heute interessant sind. Ein Büro kann man zur Kommunikation, Organisation und zur Forschung nutzen. Es ist ein Ort, um Leuten, die an ähnlichen Inhalten arbeiten, einzuladen und sich mit ihnen auszutauschen. Die Situation des Wohnwagens ist auch eine Fortführung der Symposien Kippbewegung am flimmernden Horizont" und Gelassene Drehbewegung im Schloß Unterknöringen, die Adi Hösle organisiert hat. Wir sehen hier keine Symposiumssituation, sondern eine sympathische Situation. Wir können die Öffentlichkeit hier einbinden und über die dichte Raumsituation auch Verbindlichkeiten schaffen. In der ersten Woche hatten wir das Institut für paraachitektonische Phänomene aus Stuttgart zu Gast. Es hat sich gezeigt, dass man hier arbeiten kann. Es ist ein anregender Ort, und doch kann man sich zurückziehen, wenn man konzentriert arbeiten will.
Der Wohnwagen am öffentlichen Kreuzungspunkt und die Banderole über dem Hauptportal der Stadtbibliothek erinnern mich an Agitprop. Gleichzeitig strahlt der Innenraum Arbeitsatmosphäre aus. Worum geht es bei Eurem Aufenthalt?
Wir wollen hier zwei Linien fahren: Zum einen erstellen wir unmittelbar plastische Versuchsanordnungen, siehe Szabolcs KissPál, der sich in seiner Videoinstallation mit der Gerhart Richter-Ausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen und der Umkehrung von Identität auseinandersetzt.


1+2 Szabolcs KissPál, Videoinstallation


3 Achtung Artist Marcell Esterházy |
4 Arbeitssituation
Wir versuchen, durch gezielte Aktionen getrennte und diffus operierende
Systeme zu befragen und zu verbinden. In diesem Sinne intervenierten
wir momentan in die Solitude-Ausstellung in der Staatsgalerie mit Positionen
von Rupert Maier aus Stuttgart und Marcell Esterházy und Szabolcs KissPál
aus Budapest. Auch von mir sind dort zwei Standpunkte zu sehen, die
sich einerseits mit der Haltung des Rezipienten zur Wand beziehungsweise
zur Staatsgalerie beschäftigen und die Haltung des Produzenten mit seinem
Hilfsmittel beschreiben - aber das schaut man sich am besten vor Ort
in der Passage zwischen Neuer und Alter Staatsgalerie an.
Zum anderen arbeiten wir hier weiter an der Interpretation des von uns
seit einigen Jahren gepflegten Rückbaubegriffs. Es gibt verschiedene
Anschaulichkeiten retrograder Maßnahmen z.B. in der Kunstproduktion
oder in der Kernindustrie. Adi Hösle beschäftigt sich seit Jahren mit
dem Rückbau in der Kernindustrie. Der dort anschaulich betriebene Rückbau
kann als Ready Made retrograder Techniken betrachtet werden.
In diesem Zusammenhang sind wir über die Zeitungen auf Rückfallobjekte gestoßen - das sind ehemalige Informationssysteme, die per Satellit im Orbit kreisen und irgendwann zurückfallen. Diese Gegenstände haben eine veränderte Oberflächenstruktur, die ebenso in ästhetischen Kategorien untersucht werden kann. Als ästhetische Rückfallobjekte ließen sie sich wiederum in Museen rückführen.
Seid ihr auch als Berater tätig - wie Mc Kinsey vor einigen Jahren Vorschläge zur Restrukturierung der Staatsgalerie machte? Oder soll dieser konkrete Schritt nicht getan werden?
Das würde ich mir wünschen. Ein erster Schritt war, bei der aktuellen Gerhard Richter-Ausstellung im ifa detailliert Präsentationsform und Konzeption zu untersuchen. Wenn ich mir vorstelle, diese Ausstellung käme nach Budapest, wo intelligente Leute sich für Kunst interessieren, und die dann diese zweitklassige Richter-Ausstellung sehen, dann kritisieren wir so etwas direkt. Entweder stellt Richter wirklich interessante Arbeiten zur Verfügung, die dieser Mann zweifelsohne hat, oder - wenn das zu teuer ist - muss man einfach mit anderen Leuten arbeiten. Es gibt Beispiele für jüngere KünstlerInnen, die einen Kulturbegriff in anderen Ländern lebendiger vermitteln können. Der Staat und sein Kunstbegriff müssen von den KünstlerInnen hin und wieder geprüft werden, da wir bereits öfter in die Falle gegangen sind. Wir wollen uns einfach demokratischer bewegen. Nach der Lähmung in der Kohl-Ära sind auch wir durch den Umbruch herausgefordert.

Georg Winter
Wir werden die aktuelle Ausstellung in der Staatsgalerie untersuchen.
Es geht um verbindliche Kritik. Wir versuchen, uns ein Bild zu machen,
das durchaus vermessen sein kann. Der Prüfungs- und Messvorgang als
solcher ist interessant, nicht dass wir unsere Position als richtig
behaupten wollen. Ich sehe uns als Messstation oder als eine Akkupunkturnadel,
die gut gesetzt - trotz territorialer Begrenzung - Wirkung zeigt. Erste Ergebnisse werden wir beim internationalen Symposium
im ifa, das am 26. 27. Oktober veranstaltet wird, einbringen.
Im internationalen Vergleich sieht man, dass sich in anderen europäischen Ländern sehr viel in den letzten zehn Jahren verändert hat. Ich halte die Leistungen der Budapester Kunsthalle für zeitgenössische Kunst für beispielhaft - obwohl dort mit wesentlich geringeren Mitteln gearbeitet wird als in Stuttgarter Institutionen. Bezeichnend ist auch, dass an der Ungarischen Hochschule der Bildenden Künste Budapest bereits ein intermedialer Lehrstuhl eingerichtet worden ist.
Der Titel "Subotnik 2/2000" steht für die Stipendien, die du als Solitude-Stipendiat in Ungarn ausgeschrieben hast. Die Jury in Budapest vergab die Stipendien an Marcell Esterházy und Szabolcs KissPál. Nun stellen die beiden zusammen mit dir in der Jubiläumsausstellung in der Staatsgalerie aus. War es nicht schwierig, die Teilnahme deiner Subotnik-Stipendiaten an der Ausstellung durchzusetzen?
Als ehemaliger SolitudeStipendiat betraf mich - und damit die Subotnik-Stipendiaten - selbstverständlich das 10jährige Jubiläum. Ein Jubiläum bietet immer Anlass, nachzudenken, in welcher Form es begangen werden soll: Macht man eine Ausstellung? Was zeigt man in dieser Ausstellung? Muß man sich legitimieren? Zeigt man dem Staat, dass das Geld richtig angelegt wurde? Nach einiger Diskussion kam es zu unserer von der Solitude mitunterstützten Zwischenposition. So bewegen wir uns als Trailer auf der Strasse zwischen den Häusern der Institutionen unter harten Bedingungen - ausgestattet mit wenigen Mitteln. Wir sitzen mittendrin, aber auch daneben. Die eigentliche Teilnahme an der Ausstellung in den Räumen der Staatsgalerie ergab sich später.
Ihr seid also nicht im offiziellen Staatsgalerie-Programm eingeplant gewesen?
Nein, Karin Sander war als ehemalige Stipendiatin eingeplant. Ihr Konzept war jedoch, ihre Ausstellungsfläche an die fünfzehn Solitude-Stipendiaten weiterzugeben, die Sie als Jurorin in der Zeit nach ihrem eigenen Stipendium gewählt hat.
Herr Joly stellte diesen Sommer sehr plastisch zur Eröffnungsrede der Jubiläumsausstellung an der Solitude den Gedanken dar, dass es sich bei den Solitude-Stipendiaten um ein Netzwerk handelt, das durch die Teilnahme ehemaliger Stipendiaten in der Jury umgesetzt wird. Du hast also dieses Prinzip inoffiziell mit deinem Subotnik-Programm fortgeführt...
Ja genau. Was hier stattfindet kommt aus der Kybernetik.
Das System verändert sich aus immanenten Beweggründen. Wir gewinnen
dadurch Spielraum. Unsere Teilnahme stellt eine Erweiterung der Ausstellung
dar, die durch Differenzierung die etwas hilflose kuratorische Auswahl
verdichtet. Die unkluge Beschreibung der Situation als Matrioschka-Prinzip,
wie in der konservativen
Stuttgarter
Zeitung zu lesen war, zeigt wie stark doch vertikale Denkstrukturen
Selektion zur Spitze hin - behauptet werden, und die Erweiterung
ins Horizontale zumindest im Kessel noch allzu ängstlich angegangen
wird. Die Forderung Heinz von Foersters, sein Handeln so auszurichten,
dass die potentiellen Möglichkeiten mehr und nicht weniger werden, ist
eine Anregung zur Qualitätssischerung in Kunst und Kunstvermittlung.