Alles Banane - oder was
Der Bananensprayer alias Thomas Baumgärtel im Interview

von Marko Schacher


Etwa 3000 Bananen hat Thomas Baumgärtel seit 1986 vor die Eingangstüren von Museen, Kunstvereinen und Galerien gesprayt. Das anfangs provozierende Signet ist längst zum begehrten Qualitätssiegel und inoffiziellen Logo der Kunstszene geworden. Von der Öffentlichkeit und der Presse weitestgehend unbemerkt war “Der Bananensprayer” im August 1998 auf Stippvisite in Stuttgart und hat gleich vierzehn Kunstorte mit der gesprühten Südfrucht veredelt, darunter den Württembergischen Kunstverein, die ifa-Galerie, die Staatsgalerie, die Galerie Rainer Wehr, und das Künstlerhaus. Marko Schacher führte mit Thomas Baumgärtel einen fruchtbaren Dialog.

Herr Baumgärtel, warum haben Sie Stuttgart bisher übersehen und erst so spät in die “Bananenrepublik” aufgenommen?

Gute Frage. Bisher hatte sich einfach nie etwas mit Stuttgart ergeben. Der Kontakt kam über Otto Pannewitz, den Leiter der Städtischen Galerie Sindelfingen, zustande, der eine Gruppenausstellung mit Thitz, M.S. Bastian und mir veranstaltete. Ich habe aber auch gehört, daß die Mentalität der Stuttgarter so ist, daß sie lieber unter sich sind und nicht so viel aus ihrem Kessel rausgucken. Vielleicht habe ich ja deshalb noch nie jemanden aus Stuttgart kennengelernt.

Waren die Stuttgarter Bananen “Auftragsarbeiten” oder ging die Motivation von Ihnen aus?

Ich wollte die Ausstellung in Sindelfingen als Anlaß nehmen, mein Bananenprojekt in Stuttgart zu realisieren. Ich gehe dann so vor, daß ich mir ein paar Leute suche, die mich näher in die Szene einweisen. Hier in Stuttgart war Thitz meine erste Anlaufstelle. Außerdem hatte ich Walter Bischoff angeschrieben, und bat ihn, so eine Art Vorauswahl zu machen. In Stuttgart haben mir dann unter anderem Hanns-Michael Rupprechter und Dieter Mueller-Roth weitere Tips gegeben. Ich habe mir die Orte dann angekuckt und vor Ort entschieden, ob die zu meinem Projekt passen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wer eine Banane verdient? Das wichtigste Kriterium ist mein Gefühl. Es muß etwas Frisches, Zeitgenössisches sein, Leute, die etwas Neues wagen.  Jetzt kann man sich natürlich streiten, ob alle von Ihnen gewählten Orte diesen Kriterien genügen.   Ich möchte gar nicht sagen, daß diese Aktion mit diesem einen Besuch abgeschlossen ist. Ich komme wieder. Lassen Sie sich die Bananen bezahlen?

Nein, die Banane kann man nicht kaufen, egal wieviel Geld man mir bietet. Dies ist eines der wenigen nicht-kommerziellen Kunstprojekte. Die Banane ist meine subjektive Bewertung.

Graffiti-Sprayer werfen Ihnen vor, daß Sie Ihre Banane als Siebdruck, Objekt und Krawattennadel vermarkten...

Ich sehe mich nicht allein als Sprayer. Die Graffiti-Sprayer haben den Ansatz, daß man alles Etablierte niedermachen muß und Sprayen für Geld etwas Schlechtes ist. Die leben in einer Traumwelt. Wenn Du ein größeres Projekt realisieren willst, dann mußt du Geld auftreiben. Auch Christo hätte den Reichstag nicht verhüllt, wenn er nicht gewußt hätte, wie die Finanzierung passiert. Ich denke von seiten der Sprayer ist da viel Neid dabei, daß jemand mit so einem einfachen Zeichen in der Kunstszene so viel bewirken kann.

Die ersten fünf Jahre haben Sie inkognito gesprayt. Was hat Sie 1991 bewogen, Ihre wahre Identität zu offenbaren?

Ein Journalist vom Kölner Express hat einfach einmal meinen Namen zu einem Foto dazugeschrieben. Ich habe aber auch schon immer nebenher meine Kunst gemacht. Bananen zu sprayen und damit die Kunstorte weltweit zu vernetzen ist nur ein Projekt von vielen. Ich bin auch Maler und Aktionskünstler. Im August 1999 habe ich vor dem Kölner Dom eine Riesen-Aktion gemacht, und quasi eine Banane ins Hauptportal gesteckt. [Eine ähnliche Aktion soll nächstes Jahr vor/mit dem Brandenburger Tor in Berlin geschehen; d.Verf.]

Wie sind Sie seinerzeit ausgerechnet auf die Banane gekommen? Angeblich war ein Chiquita-Aufkleber auf Ihren gelben Lederschuhen schuld..

Das Schlüsselerlebnis bestand darin, daß ich während meiner Zivildienstzeit in einem katholischen Krankenhaus eine Banane ans Kreuz genagelt habe. Diese Arbeit, das Vereinen zweier Extreme, hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen.

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen deiner ersten Bananen-Sprühaktion 1986 und jetzt beschreiben?

Die ersten Jahre bin ich alleine nachts durch die Großstädte gezogen. Inzwischen ist das ganze so komplex geworden, so daß es schön ist, wenn ich viel mit anderen zusammenarbeite. Vor vier Jahren haben wir eine große Ateliergemeinschaft mit etwa 30 Leuten gegründet. Nur so konnte ich so etwas wie das Dom-Projekt realisieren.  

Wie ist das mit der Provokation, die anfänglich Ihre Spray-Aktionen auszeichnete?

Klar, anfänglich bekam ich bergeweise Strafanzeigen und Verhaftungen, das ist inzwischen anders. Obwohl... Michael Werner, einer der etabliertesten Galeristen in Köln hat mich wegen der Banane vor seiner Tür verklagt. Die Banane polarisiert auch weiterhin. Es gibt Leute die sagen “Das ist überhaupt keine Kunst” und einige die sagen, das sei nach Andy Warhol das Interessanteste.

 

www.bananensprayer.de
www.bananensprayer.de/pages/kunstorte/stuttgart02.html

Noch bis zum 21.10.2000 ist in der Galerie “neue Kunst - Michael Oess”
in Konstanz das Projekt “Wen.de - zehn Jahre Deutsche Einheit” von Thomas Baumgärtel und Hans Klemm zu sehen. Infos unterTel. 07531/91 44 63 und
www.neuekunst.de

> top
> Artikel-Übersicht

 

medienkultur-stuttgart.de || 2000 || home