Günther Reger ist Musiker, Maler, Lichtkünstler und Dozent für interdisziplinäre Tendenzen an der Nürtinger Kunsthochschule. Sich nur auf einen Bereich zu konzentrieren, würde den Wahl-Stuttgarter nach Eigenaussage verrückt machen. Für die Halle 3 der Expo in Hannover schuf der 49Jährige, der bereits mit Stytz Syndikate und Kraan auf Tour war, die interaktive Multimedia-Installation Lichttonkomposition 2000. Marko Schacher unterhielt sich mit dem Allroundtalent.

Sie sind in Heidenheim geboren und haben in Berlin Malerei studiert. Auf welchem Wege hat es Sie nach Stuttgart verschlagen?
Ich hatte in Berlin so eine Art Kreuzberg-Klaustrophobie. Durch die Vermittlung der Galeristin Edith Wahlandt habe ich mich bei der Kunststiftung Baden-Württemberg beworben und bin so zu einem Stuttgarter Atelier gekommen. Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, dass mir Plätze nicht mehr so wichtig sind. Wenn die Arbeit funktioniert, kann man die überall machen. Ich fühle mich nicht als Stuttgarter und ich empfinde mich auch nicht als Berliner, auch wenn ich mich in Berlin besser auskenne als in Stuttgart. Ich könnte auch in Wanne-Eickel oder Amsterdam arbeiten. Ich bin sowieso ständig am Rumkurven zwischen Nürtingen, wo ich an der Fachhochschule unterrichte, Küpfendorf in der Nähe von Heidenheim, wo ich mein Tonstudio habe, dem Atelier in der Canstatter Friedel-Fabrik und meiner Wohnung im Stuttgarter Osten.
Sie stellen sehr selten in Stuttgart aus...
Ich hab schon mit der Stuttgarter Galerie Edith Wahlandt zusammengearbeitet. Es stellt sich mir allerdings die Frage, ob meine Kunst überhaupt den Kunstmarkt bedient und verkäuflich ist. Wenn man Sachen entwickeln kann, ohne dem Druck des Kunstmarkts, dem Verkaufszwang ausgesetzt zu sein, kann man freier arbeiten. Das Produzieren interessiert mich mehr als das Verkaufen.
Sie haben sich mit Wolf Helzle und
Günter Reichenbach zur Künstlergruppe n-log zusammengeschlossen
und behaupten auf Ihrer Webpage
www.n-log.de:
n-log ist eine Katastrophe für den Kunstbetrieb. Was ist
n-log noch?
Tja, solche Sätze hecken wir manchmal aus. n-log ist nicht direkt eine Künstlergruppe, sondern ein lockerer Zusammenschluß von drei Leuten, die sich gut kennen. Mit Günter Reichenbach teile ich mir in der Friedel-Fabrik bereits seit zwölf Jahren ein Atelier. Ich habe aber auch weitere Projekte, zum Beispiel die Gruppe Tavil zusammen mit Berliner Musikern und ein Zeit-Projekt mit Annegret Müller, das zwischen Sprache und Musik angsiedelt ist.
Haben Sie schon immer parallel gemalt und musiziert?
Ja, ich fuhr schon immer zweigleisig. Ich habe Malerei studiert und bereits damals als Musiker im Release-Musikorchester gespielt. Mich interessieren Klang, Instrumentierung, Raum, Farbe, Licht und Malerei.
Wäre es nicht sinnvoller, die verschiedenen kreativen Energien zu bündeln?
Das ist eine Frage der Disziplin, der Strukturierung, der Frage, wann man seine Konzentration auf welches Projekt lenkt. Das habe ich im Laufe der Zeit gelernt. Es gibt Zeiten, da male ich über Monate sehr konzentriert und arbeite trotzdem zwei Stunden in meinem Studio mit Gastmusikern. Wenn ich nur unter Künstlern oder nur unter Musikern bin, ist mir das zu eng - da werde ich verrückt. Das ist mir zu insidermäßig.
Glauben Sie, dass irgendwann einer der Bereiche wegfällt?
Ich glaube eher, dass die Bereiche immer näher zusammenkommen. Die Musik, die ich zur Zeit entwickle, ist atmosphärisch angelegt und somit der Malerei sehr nahe.
Sind für Sie Klang, Licht, Farbe absolut gleichwertige Medien?
Zwischen den drei Wahrnehmungsphänomenen gibt es sehr viele synästhetische Analogien. Ich habe mir oft die Frage gestellt, welche Farbe welcher Sound oder welches Instrument ist. Mit der Zeit sieht man tatsächlich Klänge. Allerdings entziehen sich einem diese Verbindungen auch wieder und gelten nicht für alle Menschen. Einige Grundmuster gibt es schon, aber nichts Objektivierbares. Das implizierte Scheitern ist gerade das Interessante.
![]() |
![]() |
![]() |
Auf der Webpage der
Expo
wird Ihre Installation Lichtonkomposition 2000 als enercity
dome angepriesen, in dem die Besucher Lebensenergie tanken
können ...
Firmen reflektieren nicht, dass Kunst Fragen stellen soll, sondern geben bereits die Antworten. Sie behaupten Positive Energie ist da. Ich selbst fände es zu vermessen, zu behaupten, dass darin positive Energie zu tanken ist. Wenn jemand eine Sensorik entwickelt, kann er positiv energetische Zustände erleben. Ich habe das vor Ort beobachtet und erlebt. Die Installation ist insgesamt sehr reduziert und besteht nur aus Licht, Farbe und Sound. Es ist nur wenig Technik im Spiel. Inmitten des ganzen Expo-Wahns wollte ich von Anfang an einen sehr ruhigen Raum schaffen, der einen die ganzen reizüberflutenden Eindrücke vergessen läßt. Man kann nicht in die Installation stürmen unter der Motto Jetzt passiert etwas, jetzt bekomme ich positive Energie. Das geht nur ganz langsam über die Wahrnehmung. Entweder man bekommt mit, was in diesem Raum passiert, oder eben nicht. Es gibt auch Leute, die reinschauen, sagen Mensch, hier passiert ja gar nichts und wieder rausgehen.
Kann man denn positive Energie tanken?
Ich selbst habe beim Aufbau und der Soundentwicklung mit meinen Berliner Musikern positive Dinge erlebt. Da stellt sich jedoch die Frage Was ist positiv? Vielleicht sollte man neutraler fragen: Wirkt die Installation überhaupt auf mich? oder Kann ich eine Erfahrung mitnehmen?. In einem Konzert oder im Kino frage ich mich ja auch nicht, ob das Erlebnis positiv oder negativ ist. Entweder ich kann eine Erfahrung mitnehmen, die mich noch länger beschäftigt, oder eben nicht. Mich interessieren Zustände, die nicht eindeutig sind, das Zwielichte, das Dazwischen.
Steckt dahinter ein therapeutisches Ansinnen?
Das Wort Therapie ist für mich zu beladen. Es ist mein Anliegen, eine Wahrnehmung, eine Verinnerlichung, eine Besinnung zu schulen. Ich bin aber kein Messias, kein Heiler.
![]() |
![]() |
Indem Ihre Installtion interaktiv ist, bedient sie den Zeitgeschmack. Andererseits stellt sie einen geradezu anachronistischen Ruhepol inmitten der rauschenden Bilderflut statt. Ist das kein Widerspruch?
Mich interessieren Widersprüche. Ich will, dass die Leute nicht nur passiv etwas rezipieren. Gemälde sind ja fest. Man kann dem Gemälde glauben und es gut finden, hat aber keinen Einfluß darauf. Mich interessiert es, wenn sich Dinge durch die Besucher im Raum verändern.
Welchen Einfluß hat der Expo-Besucher auf Ihre Installation?
Der Expo-Besucher kann die Installation durch drei Eingänge betreten, kommt in ein Sensorfeld und verändert so den Sound und das Licht im Raum. Es gibt eine sehr verhaltene Grundstruktur, eine durch ein Zufallsprogramm gesteuerte Lichtveränderung von UV- und Rotlicht. In diese Grundstruktur kann der Besucher einwirken. Wenn man sensibel genug ist, kann man mit diesen Einwirkungen spielen und arbeiten. Andere Besucher können sich in bequemen Sesseln lümmeln und das ganze mitverfolgen.
Wo liegt für Sie der Reiz dieser Arbeit?
Mit interessiert, ob die Leute merken, dass sie etwas verursachen. Bei vielen Arbeiten im Karlsruher ZKM drückt man einfach einen Knopf, und es passiert etwas. Sobald man das Ursache-Wirkung-Prinzip begriffen hat, geht man weiter. In meiner Installation bleibt immer noch ein Rest Geheimnis übrig. Oftmals war ich selbst verwirrt, ob ein bestimmter Sound von mir erzeugt worden ist, von draußen kommt, oder vom Rechner durch Zufall erzeugt wurde.
Braucht man tatsächlich diesen Aufwand an Leuchtpigmenten und Lichttechnik, um den gewünschten Effekt zu erreichen?
Ich glaube schon dass man das ohne Technik und Phosphorfarben schafft. Dies ist allerdings schon gemacht worden, zum Beispiel von Mark Rothko. Hätte Rothko allerdings die heutige Technik gehabt, hätte er sie sicher auch genutzt
In einem TV-Werbespot verkauft die Expo künstlerische Arbeiten als Chill-Out-Zone für die Kids...
Da sind wir an einem prikären Punkt. Wie verkauft ein Land oder eine Firma das, was ein Künstler entwickelt. Da braucht man eine große Akzeptanzbreite. Die Lichttonkomposition 2000 ist keine freie Installation von mir, sondern hatte eine vorgegebenes Thema. Der Auftrag kam von der Kölner Werbeagentur Meiré Meiré, die für die Hannoveraner Neckarwerke den Expo-Auftritt gestaltet hat. Einer der Leiter hatte eine Arbeit von mir auf einer Kunstmesse gesehen. Insgesamt war das eine Auftragsarbeit und bedeutete eine Herausforderung, weil ich fast immer frei arbeite. Angewandte Arbeiten mache ich nur alle paar Jahre mal. Da reden mir zu viele Leute mit.
Ärgert es Sie, dass Ihr Name weder vor Ort noch auf der Expo-Webpage genannt wird?
Das ist doch bei vielen Pavillons, bei denen Künstler mitgearbeitet haben, der Fall. Wenn man den Künstler rausbekommen will, bekommt man ihn auch raus. Die Lage ist klar: Eine Firma will über die Kunst etwas verkaufen, in diesem Fall Strom und ein Image. Ich bin nicht mehr so profilierungssüchtig. Mir geht es nicht darum, als Künstler Günter Reger gut dazustehen, sondern die Menschen zu erreichen. Ich will, dass die Leute etwas Interessantes erleben, dass innerhalb dieser Gigantomanie ein interessanter Raum da ist. In derselben Halle hat die Expo vier aufwendige Lichtschächte aufgebaut, die aber total langweilig sind, weil keine künstlerische Idee, keine imaginäre Kraft dahinter steht. Die Expo ist schizophren: So viel hochinteressante Projekte und so viel Schrott auf einem Haufen gibt es selten.
Interessieren Sie sich für die Neuen Medien? Könnten Sie sich vorstellen eine Arbeit exklusiv für das Internet zu entwickeln?
Beim Fraunhofer-Institut haben wir uns mit einem Projekt beworben, bei dem man per Monitor oder Internet Einfluß auf die feststehende Installation nehmen kann. Meine Arbeit aufgenommen und auf eine Leinwand projiziert ist jedoch etwas völlig anderes. Bestimmte Phosphorfarben entziehen sich einer Digitalisierung - und das finde ich auch gut so. Viele Dinge lassen sich nur aus der Unmittelbarkeit des Stoffes wahrnehmen. Farbe als Stoff hat bestimmte Eigenschaften, die man nicht aufnehmen kann - genausowenig wie man Töne, die nur Hunde hören, auf CD pressen kann.
Ein Ausschnitt aus diesem Interview erschien im Feuilleton der Stuttgarter Nachrichten vom 6.10.00




