Viel Lärm um nichts
“Big Brother” und kein Ende

von Marko Schacher


Seit dem 16. September läuft auf RTL2 und RTL die zweite Staffel der Reality-Soap “Big Brother”. Auch diesmal stammt die peinlichste Person der Container-Gemeinde aus dem Schwabenländle. Marko Schacher, ehemals BB-Süchtiger, kommentiert das aktuelle WG-Geschehen und seine hemmungslose Vermarktung und verweist auf interessante Adaptionen in der Kunstszene.

“Hast Du keinen Hype, dann inszeniere einen”, scheint das Motto der Macher der RTL2-Reality-Soap “Big Brother” zu sein. Seien wir ehrlich: Klar schauen wir ab und an in Deutschlands angeblich berühmtester WG vorbei. Doch während die erste “Big Brother”-Staffel den Neuheitsbonus verbuchen konnte und mit Zlatko zudem einen erheiternden Proll-Spaß-Faktor aufwies, langweilen die neuen Bewohner des 153 Quadratmeter großen Containers nur. Sticheleien, Mobbing und Lästereien nerven uns bereits am Arbeitsplatz, wieso sollen wir uns die im Fernsehen anschauen? Inmitten der ganzen Inselduelle, Expeditionen Robinson, Maulwürfe und Real Worlds hat sich die für den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Unterhaltungssendung" nominierte Grundidee längst tot gelaufen.

In der ersten Staffel wurde wenigstens noch nackt geduscht. Mittlerweile trauen sich die meisten nur im Bikini unter Dusche und Kamera. Auch der Badezuber im Garten hat bisher nicht zu den erhofften Badeorgien geführt. Statt gemeinsamer Abspül-Sessions haben sich die Bewohner darauf geeinigt, dass jeder sein Plastikgeschirr selbst spült. Aber: Die peinlichste Person der WG stammt aus diesmal wieder aus dem Schwabenländle. Im begleitenden “Big Brother”-Magazin, das vor kurzem noch von der Stuttgarter “Cultfish Entertainment GmbH” (alias Dino-Verlag) herausgegeben wurde und jetzt von der “Heinrich Bauer Smaragd KG” vertrieben wird, wurde Marion, http://www.bigbrother.de/occupants/05_marion/
gallery/200_0916/c_index.shtml, als “Allroundtalent”, “Powerfrau” und exhibtionistisch veranlagte Sexbombe angekündigt.

Dass die 28-Jährige aus Reutti bei Neu-Ulm vor Kameras und in der Gruppe zur Heulsuse mutiert, die in bilderbuchhafter Öko-Manier alles ständig ausdiskutieren will, hat uns niemand gesagt. Wen interessiert es, dass Marion nach Eigenaussage nie Unterwäsche trägt, wenn sie gleichzeitig im Schlabberpulli, wirren Haaren und verheulten Augen durch die WG eiert. Auch die nach der Nominierung unter fadenscheinigem Vorwand eingestreute Striptease-Einlage konnte die schwäbelnde Jungfrau nicht vor dem Rausschmiß aus dem Container per Publikumsentscheid retten.

Wenigstens bleibt uns aller Voraussicht nach eine Schallplattenaufnahme mit Marions Krächzgesang erspart. Während sich die Medien, Schallplattenproduzenten und Filmregisseure um Zlatko “The Brain” Trpkovski aus der schwäbischen 6000-Seelen-Gemeinde Nattheim bei Heidenheim re gelrecht stritten, wurde die ach so sensible Marion bisher in keiner Talkshow gesichtet. Wahrscheinlich hat sie sich in ihren Pferdestall zurückgezogen (“Bei meinem Pferd geht mir das Herz auf”) und weint sich erstmal ordentlich aus (“Heulen reinigt die Seele”). Doch, doch die Welt ist gemein.

Doch auch mit uns, den Zuschauern, meint es die Welt nicht gerade gut. Zugegeben: Oliver Geissen und Aleksandra Bechtel, die samstags auf RTL “Big Brother - die Entscheidung” moderieren, sind ein weitaus flotteres Gespann als Percy Hoven und Sophie “The Kermit” Rosentreter. Dass deshalb aber die Nominierungen live, in voller Länge und mit zahlreichen uninteressanten Studiogästen und viel Bla-Bla auf zweieinhalb Stunden gezerrt werden müssen, ist weniger erfreulich.

Auch die von Maike Tatzig moderierte, frühmorgendlich zu “Big Brother - das Quiz” aufgemotzte Wiederholung gehört zum Langweiligsten, was die TV-Welt bisher erlebt hat. Unterbelichtete RTL2-Zuschauer, die nicht einmal die einfachsten Fragen beantworten können, um sich an der “Win-Wall” einen Gewinn zu holen, grottenschlechte Spieler, die nicht einmal “links” oder “rechts” sagen können (vielleicht weil sie den Unterschied nicht kennen), um ihre Spielerfigur über den Bildschirm zu steuern, und peinlicher Pseudo-Small-Talk lassen selbst hartgesottene BB-Fans zur Fernbedienung greifen.

Während man als Betrachter der ersten Staffel tatsächlich das Gefühl hatte, an der Entscheidung über die WG-Zusammensetzung beteiligt zu sein, haben die Großen Brüder hinter der Reality-Soap inzwischen unverhohlen das Ruder in ihrer Hand. In den allabendlichen “RTL2-News” wird ganz offen gegen bestimmte BB-Bewohner (zuerst gegen Marion, dann gegen Stefanie) gewettert. Auch Maike Tatzig hält ihre Meinung nicht hinterm Berg und hat so lange über Stefanie gelästert, bis diese auch tatsächlich mit satten 76,22 Prozent vom Publikum nominiert wurde.

Dass man sich als Begrüßungsgeschenk auf der offiziellen Big Brother-Webpage bis vor kurzem ersteinmal einen aktuellen Netscape-Navigator herunterladen mußte, ist nur ein weiteres Zeichen für die Möchtegern-Macht des Produktionsimperiums. Seitdem “Big Brother”-Erfinder John de Mol in Juni diesen Jahres hunderte von Webmaster wegen der Verwendung des offiziellen Logos und gesendeter TV-Bilder angemahnt und verklagt hat, ist es sowieso ruhiger um die Container-Gemeinde geworden. Inzwischen müssen die “Big Brother”-Väter selbst einen Hype um ihre Fernseh-WG inszenieren. Schade nur, dass kaum jemand darauf hereinfällt.

Weitaus interessanter als das momentane TV-Geschehen sind die Reaktionen, die “Big Brother” in der Theaterszene und in der Galerienlandschaft ausgelöst hat. Nachdem diverse Theatergruppen das Nominierungs- und Abschuß-Prinzip persifliert haben, veranstaltet nun die “Pro Arte Ulmer Kunststiftung” in der Ulmer Galerie im Kornhauskeller eine Gruppenausstellung unter dem Titel “Und...Tschüss - Wir stellen aus - Sie stellen raus”. Dort hatten die Ausstellungsbesucher die Möglichkeit, jede Woche fünf KünstlerInnen hinauszuwählen, während die Verbliebenen den freigewordenen Raum der Ausstellung mit neuen Arbeiten auffüllten. Jeweils sonntags, nachdem die Ausstellung umgebaut worden ist, fand eine Diskussionsrunde mit dem Publikum, eingeladenen Gästen und den Künstlern statt.

Die inzwischen verbliebene Auswahl ist noch bis zum 14. Oktober vor Ort zu sehen (Hahnengasse 19, Di-Fr 14-18 Uhr, Infos unter 0731/619576 und 0172/6256480).

Die offiziellen Seiten:
www.bigbrother.de
www.littles.de

Die Samstags-Moderatoren:
www.aleks.de, www.olivergeissen.de


Das BB-PC-Game:
www.bigbrother-game.de

Die Original BB-Möbilierung (laut Werbung “noch fetter” als im TV):
www.moebelwalther.de


Dem Zlatko seine eigene Seite, die wo ziemlich langweilig ist:
www.zlatkos-welt.de

Linksammlungen zum Thema “Big Brother”:
www.bb-links.de (1.Staffel)
http://new.topsitelists.com/bestsites/bigbrother/topsites.html (2.Staffel)

Eigener Artikel zum Big Brother-Hype der ersten Staffel:
www.s-trip.de/dc/html/magazine/strip/0006/titelthema/big_brother

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