Die bittere Pille
Die Studie "Kunststadt Stuttgart" der Universität Stuttgart und ihre Folgen

von Marko Schacher

Die "Kunststudie" des Kunsthistorischen Instituts der Universität Stuttgart schwebt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Stuttgarter Kulturschaffenden. Folge: In einer Podiumsdiskussion und einer Kulturausschuss-Sitzung wurden etwaige Konsequenzen diskutiert. Marko Schacher sprach mit den Urhebern der Studie und analysiert die derzeitige Lage.

Viele Stuttgarter nehmen das Wort "Kunstszene" nur zögerlich in den Mund. Ist Stuttgart wirklich eine "Kunststadt"? Welches künstlerische Potential hatte und hat die Stadt, und wie wird es nach außen präsentiert? Kulturbürgermeisterin Iris Magdowski hat im Sommer 1998 Beat Wyss angesprochen, ob er nicht Lust hätte, sich diesem Thema zu widmen. Der Leiter des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Stuttgart hat daraufhin im Wintersemester 1998 ein Hauptseminar zum Thema "Kunststadt Stuttgart" angeboten. Seitdem haben 18 Studierende an einer Studie gearbeitet, die im Februar 2000 erstmals von Iris Magdowski der Presse vorgestellt wurde.

Kunstadt mit Einschränkungen | Als Ergänzung des substanziellen historischen Profils wird die momentane "Kunstszene" Stuttgarts in dem 170seitigen Werk so geschildert, wie sie ist. Das Gesamtfazit der Studie "Stuttgart ist Kunststadt mit starken Einschränkungen in den Bereichen der Kunst- und Künstlervermittlung" hat keinen Kunstkenner schockiert. Als Sprachrohr der vielen Künstler, Galeristen und Institutionsleiter haben die angehenden Kunsthistoriker die positiven und negativen Seiten der heterogenen Stuttgarter Kunstszene adäquat zusammengefaßt und stellen mögliche Lösungen zur Diskussion.

Problemkind Galerien-Samstag | Auf Seite 111 wird ein symptomatisches Problem Stuttgarts unverhohlen angesprochen: "Den Galerien-Samstag als jährlich zweimalige Ausstellungstätigkeit besser als bisher bekannt zu machen, beispielsweise durch ein gesondertes Mailing mit finanzieller Unterstützung der Stadt, wäre bereits ein erster Schritt der Stadt, sich als Kunststadt zu profilieren." Nach langem Hin und Her und gegen den Widerstand des Kulturamtes hat sich der Gemeinderat im Juli 2000 tatsächlich durchgerungen, 13 000 Mark vom Etat des Kulturmarktes abzuzweigen, um damit die Poster, die Faltpläne und den Shuttle-Service des gleichzeitig stattfindenden, erweiterten Galerien-Samstags "art alarm" zu unterstützen.

Abbau von Vorurteilen | Ein umfangreiches Rahmenprogramm inklusive Performances, Künstlergesprächen und Kaffee und Kuchen und ein am Samstag zwischen den Galerien verkehrender Shuttle-Service (Start: Schlossplatz) machen das Wochenende zum Event. Zu "Events" freilich kann man unterschiedlicher Meinung sein. Wie auch die vom Stadtmagazin LIFT in Eigenregie organisierte "Lange Nacht der Museen" wird "art alarm" jedenfalls dazu beitragen, die dringend nötige Vernetzung innerhalb der Kunstszene voranzutreiben und Vorurteile zwischen den Galeristen, aber auch zwischen der kunstinteressierten Bevölkerung und der Galerien-Szene abzubauen.

Folge von Enttäuschungen | Insofern kann der erweiterte Galeriensamstag "art alarm" als erste positive Folge der Kunststudie gewertet werden. Jedenfalls wird dieses Wochenende mit Sicherheit mehr bewirken als die am 18. Juli stattgefundene Kulturamtssitzung, bei der das Thema "Kunststudie" und die Forderung eines "Kunstbeauftragten" im Kulturamt zwischen Christian von Holsts Staatsgalerie-Utopien und der Filmhaus-Zukunft unterging. Auch der von den "Stuttgarter Nachrichten" am 4. Juli organisierte "Ortstermin" zum Thema "Die Kunststadt Stuttgart" war eine Enttäuschung. Leider nahm Iris Magdowski die Gelegenheit nicht war, um die in ihrem Auftrag erstellte Kunststudie - etwa mittels eines Infostandes - unters Volk zu bringen. Zudem outete sich die Kulturbürgermeisterin in ihren Stellungnahmen zum Stuttgarter Kunstgeschehen als totale Outsiderin und gab nur wenig Konstruktives von sich. Mit seiner abwertenden Bewertung von Johann-Karl Schmidts Plänen zum Neubau der Städtischen Galerie brachte Galerist Rainer Wehr zwar etwas Bewegung in die Zuschauerreihen, zerrte das Diskussionsthema aber unnötig auf eine persönliche Ebene. Leider war Beat Wyss an diesem Abend verhindert, und die anwesenden, an der Kunststudie beteilgten Kunstgeschichtsstudenten meldeten sich nicht zu Wort.

Dabei haben die Beteiligten durchaus etwas zu sagen - wie folgendes Interview beweist.


Beat Wyss (re) und der harte Kern der "Kunststadt Stuttgart"-Truppe (Foto: Dirk Weyhenmeyer)

 

Herr Wyss, wie haben Sie auf das Angebot von Frau Magdowski, eine "Kunststudie" im Auftrag der Stadt zu erstellen, reagiert?

Beat Wyss: Ich finde solche Kooperationen wichtig. Als Ausbildender möchte ich Ausbildung immer auch an praktische Felder knüpfen. Kunst und Politik bilden eine genuine Allianz, die es seit der Renaissance gibt.

Was hat Sie motiviert, bei der Studie mitzumachen?

Ingeborg Himstedt: Ich wollte herausfinden, ob die Behauptung, in Stuttgart gebe es kein Kunstleben, wirklich stimmt. Außerdem war der praktische Aspekt interessant: mal aus der Bücherstube herauszukommen und vor Ort mit der Wirklichkeit konfrontiert zu werden. Wir haben zum Beispiel Fragebögen erstellt, also soziologische Instrumentarien aufgegriffen, und somit fächerübergreifend gearbeitet.

Claudia Seidel: Wenn man als Kunstinteressierter nach Stuttgart kommt, bekommt man zwar viele Flyer in die Hände. Wer aber mehr erfahren möchte, weiß man nicht, wo. Es gibt hier eine sehr heterogene, kaum vernetzte Kunstszene. Bei der Recherche haben wir gemerkt, daß die offiziellen Anlaufstellen, also die Stadt, sehr wenig Material zur Geschichte der Kunststadt Stuttgart hat.

Sie haben Ihre Untersuchung in die Bereiche Produktion, Distribution und Konsumption aufgeteilt. Wie ist die jeweilige Lage?

Andreas Pinczewski: Die Ausbildungssituation hier ist gut. Das Problem ist, die Künstler hier zu halten. Ein städtisches Atelierkonzept, wie es zum Beispiel Köln hat, gibt es im hier nicht. Es ist meist nicht durchsichtig, wem die städtischen Ateliers gehören und nach welchen Kriterien sie verteilt werden.

Claudia Seidel: Was die Distribution betrifft wurden hier einige Entwicklungen verschlafen. Als die Kunstmesse in Basel anfing, war zum Beispiel eine Stuttgarter Messe im Gespräch. Die Kölner Galerien traten jedoch viel konzentrierter nach außen auf. Es ist nötig, hier eine Art Klima zu schaffen, so daß die Künstler hier gerne sein wollen. Die Städtische Galerie oder die Galerie unterm Turm könnten Vermittlungsglieder zwischen den Institutionen und den Künstlern sein.

Sylvia Schedel: Die Sammlungen selbst sind als sehr positiv und hochstehend bewertet worden. Manche Privatsammler haben aus eigener Kraft heraus kleine Kulturgruppen gebildet und eine Sogwirkung entfaltet. Leider gibt es keine große Ausstellungshalle, so daß große Wechselausstellungen meist nicht gezeigt werden können.

Wyss: Das Problem dieser Stadt ist, daß sie zu reich, zu propper ist. So sind die Sammlungen sehr gut, für die Künstler aber ist die Stadt einfach zu teuer. Es fehlen die urbanen Brachländer. Sobald die Ateliers zu teuer werden, wandern die Künstler ab. Eine Kultur, die keine subkulturelle Unterfütterung hat, ist gediegen und wird mit dem abgespreizten kleinen Finger rezipiert, ist aber keine wirkliche Kultur.

Haben Sie das Gefühl, daß die Stuttgarter Institutionen "up to date", gewappnet fürs nächste Jahrtausend sind?

Sylvia Schedel: Die Staatsgalerie ist ganz vehement mit eigenen Konzepte vorwärts geprescht. Schön wäre es, wenn die Institutionen auch auf unkonventionellere, experimentelle Konzepte setzen würden.

Thomas Wilke: Wir haben die gesamten Ausstellungen der letzten zwanzig Jahre analysiert und gemerkt, daß der Schwerpunkt in Stuttgart auf der klassischen Moderne liegt. Diese Ausstellungen laufen, die verkaufen sich gut, die sind einfacher zu plazieren als die Präsentation eines Unbekannten.

Was kann man besser machen?

Claudia Seidel: Wichtig ist es, die Ausstellungen zu dokumentieren, zu publizieren. Ende der Achtziger gab es den "Schönblick", eine billige, super gemachte Zeitung, die über die Kunststadt aufklärte.

Sylvia Schedel: In Italien bekommt man auf jedem Hauptbahnhof sehr gute Museumskarten, auf denen auch sehr kleine Einrichtungen verzeichnet sind. In Stuttgart gibt es Faltpläne, die aber unattraktiv aufgemacht und unübersichtlich sind und dem Besucher weder am Flughafen noch am Hauptbahnhof angepriesen werden.

Wie man merkt, schmieren Sie Ihrem Auftraggeber keinen Honig um den Mund...

Andreas Pinczewski: Die Studie ist nicht unsere subjektive Meinung, sondern Resultat vieler Interviews. Wir sind eigentlich nur das Sprachrohr. Nach einem Jahr merkt man einfach, daß von den Leuten immer wieder ähnliche Formulierungen bezüglich der Kunst in Stuttgart kommen - seien es Künstler oder Institutionsleiter.

Beat Wyss: Es bedurfte schon einer gewissen Überredungskunst, daß diese Pille von der Stadt geschluckt wurde. Die Studie ist jedoch keine Netzbeschmutzung, keine Wiener Schmäh, sondern konstruktive Kritik von jungen Leuten, die hier etwas bewegen wollen.

Ein Auszug aus diesem Interview erschien in LIFT 3/00.

 

Die Studie "Kunststadt Stuttgart" ist beim Kulturamt der Stadt Stuttgart gegen eine Schutzgebühr von 20 Mark erhältlich; weitere Infos unter Tel. 216 24 01.
Der erweiterte Galerien-Samstag "art alarm" findet am 23./24.September, jeweils 11-18 Uhr, statt, weitere Infos unter www.kunst-in-stuttgart.de und auf den Internet-Seiten von LIFT.

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