Schloßherr auf Zeit
Portrait des Leiters der Akademie Schloß Solitude, Jean-Baptiste Joly

von Marko Schacher

Die Akademie Schloß Solitude feiert mittels Archivausstellung und der Gruppen-Schau "Solitude im Museum" derzeit ihr zehnjähriges Bestehen. Über "Mr. Solitude", Jean-Baptiste Joly, dagegen weiss man nur wenig. Marko Schacher hat den stolzen Jubilar besucht.

Als 1990 die ersten Stipendiaten ihre Studios in der neugegründeten Akademie Schloß Solitude bezogen, waren viele Stuttgarter skeptisch. Wie würden sich junge Künstler, die von Totto-Lotto-Geldern durchgefüttert werden, "dort droben" aufführen? Wird Lothar Späths 50 Millionen teures Prestigeprodukt auch der Stadt etwas bringen? Noch 1995 titulierte "Marie Claire" ihre Reportage über die Künstlerakademie mit "Schloß der Spinner". Inzwischen haben sich die meisten während einer Vernissage oder einem Sommerfest überzeugt, dass auch Solitude-Künstler nur Menschen sind und dass ein überhöhter topographischer Aufenthaltsort nicht unbedingt ein überhöhtes Selbstwertgefühl zur Folge hat. Berührungsängste mit Wochenendausflüglern und Neugierigen gibt es keine. "Unsere Tür ist offen", sagt Joly, stellt aber klar: "Wir wurden nicht gegründet, um Spektakel für die Massen zu inszenieren, sondern um ein Förderprogramm für junge Künstler zu gestalten".

Foto: Britt Moulien

Schlossherr auf Zeit | Der gebürtige Pariser hat sie alle kommen und gehen sehen: 456 Bildende Künstler, Schriftsteller, Musiker und Dramaturgen, die für drei bis achtzehn Monate "Schloßherren auf Zeit" wurden. Dass man nur wenig über sein Privatleben weiß, ist ihm ganz recht, wie er lachend zugibt. Ein bißchen Stolz schwingt aber doch mit, als er von seinem Leben erzählt.
Den ersten Kontakt zu Deutschland bekam Joly durch die deutschen Au-Pair-Mädchen seiner Eltern. 1968 studierte er in Frankreich "Deutsch" und erhielt 1970 ein DAAD-Stipendium für Berlin. Joly grinst: "Mit einer Studentin aus Lyon habe ich mich sehr gut verstanden. Mit der bin ich seit 20 Jahren verheiratet und habe mit ihr drei inzwischen erwachsene Kinder." Nach dem Staatsexamen war Joly in einem Pariser Vorort als Lehrer tätig und hat über das deutsche Exil in Frankreich geforscht.1983 bewarb er sich für die Leitung eines französischen Kulturinstituts in Deutschland, hoffte auf die Hamburger Stelle, bekam aber das Institut Francais in Stuttgart. Joly initiierte eine hauseigene Konzertreihe, die Ausstellungsreihe "Retour de Paris" und schuf Ateliers. 1988 kehrten die Jolys nach Frankreich zurück und gründeten einen Verlag.

Schicki-Micki-Kunst? | Im selben Sommer erhielt Joly einen Anruf vom Kultusministerium, ob er nicht die Akademie Schloß Solitude gründen möchte. Joly erinnert sich: "Die Regierung Späth wollte dieses Haus, aber keiner hat daran geglaubt. Die meisten haben gedacht, dass werde Schicki-Micki-Kunst als Kulisse fürs Schloß. Meine erste Aufgabe bestand in einer Kampagne für die Akzeptanz des Hauses." Der Künstler Claude Giverne verwandelte die Fassade mittels Fahnen in Kunst, in Briefen und Vorträgen wurde ein Countdown inszeniert. Joly: "Unsere Botschaft war: Hier gab es die Kunst am Hof von Württemberg mit Guibal und Guêpière, daran knüpfen wir an. Dies ist ein internationaler Ort, an dem alle Künste verbunden werden wollen." Joly bestimmte die Kunstsparten, die Fördermittel und das Auswahlverfahren, das die Auslese der Stipendiaten dem persönlichen Geschmack von sieben Juroren überläßt. Joly: "Wofür ich mich persönlich als Mensch einsetze ist meine Sache, was eine Institution zu tun hat, eine andere."

Vier gute Ideen | Als Kulturschaffender habe er vier gute Ideen gehabt: "Es war eine gute Idee das Institut Francais nicht nur als Ort der Repräsentation, sondern der Produktion zu sehen, dieses Jurierungssystem an der Solitude einzuführen, die Stipendien für Kunstkoordination zu schaffen und in Berlin eine Dependence zu gründen." Und die fünfte? Joly lächelt: "Die fünfte betrifft Wissenschaftler und Manager und wird im Jahr 2002 umgesetzt."
Durch den Erfolg seiner Visionen ist Joly in die erste Liga der Kulturschaffenden aufgerückt. Sein interdisziplinärer, internationaler Ansatz ging auf. Über Internet und E-Mail bleibt der Kontakt zu den "Ehemaligen" bestehen. Die Stuttgarter Künstlerakademie wird inzwischen ins Ausland eingeladen und von der Kunstszene akzeptiert. Und was war "Mr. Solitudes" persönliches Highlight. Auch hier gibt sich Joly bescheiden: "Das Highlight ist immer das, was kommt".

Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Form in LIFT 7/00.

 

10 Jahre Solitude
Archiv-Ausstellung, Akademie Schloß Solitude, bis 23.9
Di-Fr 10-12, 14-17:30 Uhr, Sa, So 12-17:30 Uhr
weitere Infos unter Tel. 0711/99 61 90 und
unter www.akademie-solitude.de

Solitude im Museum
Gruppen-Ausstellung, Staatsgalerie Stuttgart, 30.9. bis 12.11.00
Eröffnung: 29.9., 20 Uhr; Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr
weitere Infos:Tel. 0711/212 40 50, www.staatsgalerie.de und
www.akademie-solitude.de

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