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Schloßherr auf Zeit von Marko Schacher Als 1990 die ersten Stipendiaten ihre Studios in der neugegründeten Akademie Schloß Solitude bezogen, waren viele Stuttgarter skeptisch. Wie würden sich junge Künstler, die von Totto-Lotto-Geldern durchgefüttert werden, "dort droben" aufführen? Wird Lothar Späths 50 Millionen teures Prestigeprodukt auch der Stadt etwas bringen? Noch 1995 titulierte "Marie Claire" ihre Reportage über die Künstlerakademie mit "Schloß der Spinner". Inzwischen haben sich die meisten während einer Vernissage oder einem Sommerfest überzeugt, dass auch Solitude-Künstler nur Menschen sind und dass ein überhöhter topographischer Aufenthaltsort nicht unbedingt ein überhöhtes Selbstwertgefühl zur Folge hat. Berührungsängste mit Wochenendausflüglern und Neugierigen gibt es keine. "Unsere Tür ist offen", sagt Joly, stellt aber klar: "Wir wurden nicht gegründet, um Spektakel für die Massen zu inszenieren, sondern um ein Förderprogramm für junge Künstler zu gestalten".
Schlossherr auf Zeit |
Der gebürtige Pariser hat sie alle kommen und gehen sehen: 456 Bildende
Künstler, Schriftsteller, Musiker und Dramaturgen, die für drei bis achtzehn
Monate "Schloßherren auf Zeit" wurden. Dass man nur wenig über sein Privatleben
weiß, ist ihm ganz recht, wie er lachend zugibt. Ein bißchen Stolz schwingt
aber doch mit, als er von seinem Leben erzählt. Schicki-Micki-Kunst? | Im selben Sommer erhielt Joly einen Anruf vom Kultusministerium, ob er nicht die Akademie Schloß Solitude gründen möchte. Joly erinnert sich: "Die Regierung Späth wollte dieses Haus, aber keiner hat daran geglaubt. Die meisten haben gedacht, dass werde Schicki-Micki-Kunst als Kulisse fürs Schloß. Meine erste Aufgabe bestand in einer Kampagne für die Akzeptanz des Hauses." Der Künstler Claude Giverne verwandelte die Fassade mittels Fahnen in Kunst, in Briefen und Vorträgen wurde ein Countdown inszeniert. Joly: "Unsere Botschaft war: Hier gab es die Kunst am Hof von Württemberg mit Guibal und Guêpière, daran knüpfen wir an. Dies ist ein internationaler Ort, an dem alle Künste verbunden werden wollen." Joly bestimmte die Kunstsparten, die Fördermittel und das Auswahlverfahren, das die Auslese der Stipendiaten dem persönlichen Geschmack von sieben Juroren überläßt. Joly: "Wofür ich mich persönlich als Mensch einsetze ist meine Sache, was eine Institution zu tun hat, eine andere." Vier gute Ideen | Als
Kulturschaffender habe er vier gute Ideen gehabt: "Es war eine gute Idee
das Institut Francais nicht nur als Ort der Repräsentation, sondern der
Produktion zu sehen, dieses Jurierungssystem an der Solitude einzuführen,
die Stipendien für Kunstkoordination zu schaffen und in Berlin eine Dependence
zu gründen." Und die fünfte? Joly lächelt: "Die fünfte betrifft Wissenschaftler
und Manager und wird im Jahr 2002 umgesetzt." Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Form in LIFT 7/00.
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