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Bericht vom Multimedia-Kongress "berlinbeta 3.0"

von Karin Hinterleitner

In Berlin fand am ersten Septemberwochenende der Multimedia-Kongress "berlinbeta 3.0" statt. Eine für die Veranstalter, Stephan Balzer und Marc Wohlrabe, überraschend große Besucherzahl sorgte für den Erfolg und stärkte so den Ruf der Stadt Berlin als Medienstandort. Karin Hinterleitner besuchte am 2. und 3. September die Veranstaltung im Haus der Kulturen.

Das Kongressprogramm bot Informationen für Mediengestaltende aller Sparten und die dazugehörigen Entscheider - auf diesem Kongress häufig in Personalunion als Existenzgründer anzutreffen. Es fiel auf, dass keine Notebooks und Aktentaschen, sondern überwiegend DJ-Taschen unterwegs waren. Am Freitag standen neue Entschicklungen der Interface-Gestaltung im Zentrum der Veranstaltung. Am Samstag und Sonntag lag der Schwerpunkt auf Urbanismus und Netbusiness.

Das Thema Konvergenz wurde auf fast allen Ebenen durchdekliniert: Konvergenz zwischen TV und Internet, Information und Entertainment, Unternehmenskultur und öffentlichem Raum, Mainstream und Nischenkultur, Navigation und Design, Werbung und Content, Marken und Communities, Video und Cinema, Dokumentation und Fiktion. Sicher: Eine Konvergenzebene, die Annäherung von Freizeit und Arbeit, fand keinen Platz in der b2b-Atmösphäre. Fragen der Selbstausbeutung sind absolut uncool im Umfeld der Silicon Street (Chausseestraße) in Berlin-Mitte. "Zeit"- Fragen werden gerne anderen überlassen.

Nach dem Shakeout, März diesen Jahres, stand folgende Frage bei allen dot.com-Veranstaltungen im Vordergrund: Wie können Ideen erfolgreich vermarktet werden, bzw. mit welchen Strategien lässt sich überhaupt mittelfristig Geld verdienen? Florian Peter brachte es in seinem Vortrag auf den Punkt: Die Zeit der Boygroups ("Fünf Freunde machen ein Ding") sei vorbei.

 

Sechs personal shortcuts:

1_Media und Entertainment
Programmatisch der Satz vom Veranstalter zu dieser Podiumsdiskussion: "Noch ist das Rennen offen, und manchmal ist der Kampf um die Pole-Position im Medienmarkt der Zukunft schon für sich die beste Unterhaltung." Die Diskussion wird beherrscht von Tim Renner, Universal Music, und Boris Brandt, SenatorFilm. Neben den üblichen Klagen (Brandt) über den talentlosen deutschen Scriptmarkt ("Looser trifft Looser und dann machen sie ein Ding") kommen von ihm keinerlei Konzepte, wie man dieses ändern könnte. Einig ist man sich, dass Napster & Co keine Gefahr für die Unterhaltungsindustrie darstellen, da das Filtern von Angeboten und nicht die Medien an sich die eigentliche Dienstleistung seien. Wer habe schon Lust, sich stundenlang durch Müll zu wühlen. Renner spricht dem Internet dennoch einiges an Bedeutung zu: Das Internet sei der Anfang vom Ende des Mainstreams. Er hoffe auf die Befreiung vom Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners in Funk und Fernsehen. Ein Mann - eine Mission!

Ganz zu Anfang spricht Lara Stein von "honey and toast" (content + technology) und meint damit das Innovative ihres Portals i:cast. Michael Knuth bietet eine nette Flash-Show mit VideoClips aus seinem Hause - unter anderem einen tollen Kraftwerk-Clip. Er propagiert den Slogan "vmation killed the video star". Trotz aller Sympathie - das wird sicher nicht die Alternative zu Viva und MTV.

2__Learning from Silicon Alley Als Trendscout tritt Florian Peter mit klaren Fakten und jung, dynamisch, erfolgreich auf. Als Trendtipps aus dem US-Internetb präsentiert er:

expert communities |
Proaktive werben: www.priceline.com ,
effiziente Rechercheangebote: www.octopus.com, www.quoka.com, Nieschenorientiertes Angebot und Regionalisiserung der Portale:
www.about-us.com

Entertainment | "Trashy, edgy, marganialized, fetish": www.heavy.com

Mobiles Internet | WAP ist out, iMode, www.vindigo.com ist in

3__Communication und Navigation
Das Podium ist mit formaltechnophilen Männern besetzt und entsprechend arrogant ist deren Rede über den User und dessen Probleme, Navigation und Design auseinanderhalten zu können. Wie viel Orientierung braucht der User? Die Zukunft gehört den Infomediären. Macht Euch auf einen Kampf der Portale gefasst.

4__Shopping und Lifestyle
Dieses Podium macht sich auf die Suche nach der verlorenen Erlebniswelt im Internet. Substantielle Fragen stehen an: Wie können Marken ihren Erlebnisraum im Internet entfalten. Modeboutiquen und eBay kooperieren als "King Kong" (Content und Distribution). Immerhin wird in dieser Veranstaltung nicht abwertend über den User gesprochen. Der heutige User sei kritisch, spekuliere an der Börse und lese Unternehmensberichte. Daraus wird geschlossen, dass "King Kong" zukünftig ethisch verantwortlich handeln müsse - ich bin gerührt und reif für das Clubprogramm.

5__Brandscapes - Markenarchitektur und Erlebnisdesign
Meine einzige Veranstaltung aus der Urbanismus-Reihe. Vorgestellt werden in politisch korrekter Weise drei Projekte der Erlebnisarchitektur: der Adidas-Park in Herzogenrath bei Nürnberg (von Ana Klingmann), die VW-Autostadt in Wolfsburg und die "Gläserne Manufaktur" in Dresden von Gunter Henn. Er kommt etwas in Bedrängnis, als er seine Markenpavillons für die VW-Autostadt vorstellt (VW, Skoda, etc.). Der Management-Guru, Gerd Gerken hat dazu die Konzepte geliefert. Klar, dass dann den Bauwerken ein im Saal wenig goutierter Esoteriktouch anhaften muss. Gunter Henn beschreibt diese Kooperation vorsichtiger: Es sei nicht einfach, Marketingkonzepte, die für die nächste Messe geschrieben werden, in nachhaltige Architektur umzusetzen. Seine gläserne Manufaktur findet bessere Resonanz. Als Prozess betrachtet er die Tendenz zur gegenseitigen Formung von Unternehmen und öffentlichem Raum. Höhepunkt dieser Veranstaltung ist der Vortrag von George Wiktor, der als Erlebnisraumgestalter an der VW-Autostadt mitarbeitet. Zuerst entschuldigt er sich, dass er keinen intellektuell brillanten Vortrag wie seine Vorgänger halten wird. Dafür gewinnt er das Publikum durch klare und einfache Beobachtungen: "Disnyfication: You don´t like it, but it´s there!" Seine Argumentation kulminiert in der Fragestellung: "Do we have to fear the Mouse?" (Seine Folie zeigt die winkende Micky Maus auf dem Brandenburger-Tor sitzend). Nicht ganz unrecht hat er mit seiner Trendprognose: "Increased desire for intelligent fun".

6__Video Verite - Digital Film and Video Business Models
Gegen dieses Vortragserlebnis kommt anschließend das Bollwerk des unabhängigen Autorenkinos kaum noch an. Leider führt zudem der Moderator in epischer Länge ein. Das anschließende Videointerview mit Lars von Trier ist nach den Regeln seines Manifestes inszeniert. Dementsprechend anstrengend war es dem Gespräch zu folgen; die lockere Handy-Cam Kameraführung tat ihr übriges. Das Publikum weigert sich daraufhin, sich das Dogma-Manifest Punkt für Punkt vortragen zulassen. In der Parallelveranstaltung zum Thema "Video-im-Internet" wird die Vertreterin der Kirch-Gruppe Kathrin Brunner - übrigens einer der Sponsoren der Veranstaltung - ins Kreuzfeuer genommen. Das anschließende Panel zum
"Digital:Delirium" mit Rainer Langhans, Wau Holland und Gabriele Fischer bleibt mir leider versagt.

 

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