Eternal summer
George Legrady im Gespräch

von Karin Hinterleitner


Interface-Design hat mit Oberflächengestaltung zu tun. Und weil das nicht reicht, wurde vor fünf Jahren der kanadische Medienkünstler George Legrady an die Stuttgarter Merz-Akademie als Dozent für interaktive Medien gerufen. Er setzt medientheoretische Konzepte mit anwendungstechnischer Kompetenz und meist mit Director Software um. Ende Februar folgte er dem Ruf an die Universitiy of California, Santa Barbara. Zum Abschluss seiner Zeit in Stuttgart realisierte er in Zusammenarbeit mit der Galerie Klaus-Peter Goebel eine feste Rauminstallation bei Ebner, Stolz und Partner in der Kronenstrasse. Dort traf sich Karin Hinterleitner mit George Legrady kurz vor seinem Abflug.

 



Wenn ein Unternehmen wie Ebner, Stolz und Partner einen standesgemäßen Neubau bezieht, könnte man meinen, dass sich die dazugehörige Kunst-am-Bau repräsentativ, raumgreifend und in großzügigen Proportionen präsentiert. Die Suche nach der großen Multimediainstallation von George Legrady endet beim „Launchen“ vor vier überschaubaren Flachmonitoren, die wie klassische „Flachware“ gegenüber den Sesselgruppen an die Wand montiert sind. Animierte Texte, private Kontaktanzeigen und Börsenmeldungen, werden in regelmäßigen Intervallen eingespielt. Im Hintergrund bewegen sich Büsche; man hört sie fast im Wind rascheln. Die Pflanzenclips erinnern an Urlaubsbilder. Angenehmes Wohlbefinden.

George Legrady nimmt mir gegenüber Platz und checkt vor dem Gespräch noch kurz seine E-Mails. Das Set ist komplett. Zwei Gesprächspartner sitzen sich gegenüber und parallel dazu sorgen die Bilder für eine anregende Atmosphäre. Diese ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer auf die Raum- und Nutzungssituation ausgerichteten Konzeption. Das Projekt wurde mit einer Vorlaufszeit von fast einem Jahr realisiert.

Was war der Ausgangspunkt für diese Arbeit?

Der Titel des Projekts heißt „eternal summer“. Die Ausgangsidee ist, dass zu jeder Jahreszeit die Leute in den Bildern den Sommer wiederfinden. Ich begann also gezielt Clips von grünen Landschaften zu sammeln. Mich wundert immer, wie künstlich häufig Naturaufnahmen wirken. Dieses Spannungsfeld zwischen künstlicher und natürlicher Anmutung wollte ich in den Aufnahmen festhalten, die ich in den wilden Regionen Südfrankreichs gemacht habe. Aus dem umfangreichen Material wählten wir schlussendlich dann solche Aufnahmen, in denen sich die Pflanzen kaum bewegen. Alle Videosequenzen dauern 72 Frames - drei Sekunden – und enden dann in einem Standbild. Auf dem Standbild werden die Texte eingespielt. Währenddessen wird der folgende Videoclip vorausgeladen.

Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Texte ausgewählt?

Die meisten Texte stammen aus Kontaktanzeigen - „personals“ - des "San Francisco Bay Guardian", insbesondere aus der Rubrik „missed connection“. Man findet Sie im Internet. Ich sammle Kontaktanzeigen und arbeite damit seit zehn Jahren. Mich interessiert, wie Leute versuchen in Worten zu beschreiben, was sie wollen und wie andere diese Anzeigen dann aufnehmen. Bestimmte Wörter und die Art der Beschreibung stimulieren die einen, zu antworten und andere nicht. Die spannende Frage ist, ob die Person, welche die Anzeige schreibt, und die Person, die sie liest, tatsächlich darin dasselbe sehen können.
Mit den Börsenmeldungen verhält es sich ähnlich. Sie sind häufig in einer metaphorischen Sprache abgefasst und machen Vorraussagen, von denen sich wiederum nur bestimmte Leute angesprochen fühlen.
Die Auswahl der Text-Bild-Kombination geschieht nach einem Zufallsparameter. Wichtig ist mir die zeitliche Strukturierung, der Rhythmus in dem das ganze abläuft, während hier jemand sitzt und auf eine Verabredung wartet.

Ich schließe daraus, dass der Ambient-Charakter der Arbeit gewollt ist?

Ja, der beilläufige Charakter ist beabsichtigt. Man kommt nicht wegen der Arbeit hierher, sondern um jemanden zu treffen. Während des Wartens sieht man aus dem Augenwinkel heraus die Bilder und die Texte. Wer darauf achtet, den kann die Arbeit für eine Minute auf andere Gedanken bringen.

Ihr Schwerpunkt sind interaktive Arbeiten, in denen die Rezipienten – auch User genannt – eine aktive Rolle einnehmen. Ist dieses Projekt auch veränderbar angelegt. Werden Updates gemacht?

Ja. Die Idee, sich an der Arbeit beteiligen zu können, fand begeisterte Ressonanz hier im Haus. Jeder Rechner – die vier Monitore sind an separate Rechner angeschlossen – akzeptiert noch bis zu 800 Clips. Es ist also möglich, dass die Beschäftigten hier ihre eigenen Clips hinzufügen.

Und wie funktioniert das? Können die Leute übers Intranet Vorschläge machen?

Nein, die Leute können sich direkt an Herrn Kuppka wenden. Die Videos selbst werden zu passenden Clips editiert und müssen dann direkt auf die Festplatte der einzelnen Rechner geladen werden. Ebenso werden die Textvorschläge direkt an den Rechnern editiert.

Sie sind heute hierher gekommen, um die letzten Justierungen an den Monitoren vorzunehmen. Gab es Probleme mit dem Farbmanagement?

Dazu muss ich vorausschicken, dass die jeweilige Textfarbe aus den Farbwerten des Hintergrundclips errechnet wird, um die Texte für jede mögliche Kombination lesbar zu halten.

Haben sie das Projekt selbst programmiert?

„Nein, dieses Projekt habe ich von Andreas Schleiper programmieren lassen. Ich habe keine Zeit mehr dazu. Selbstverständlich beherrsche ich Lingo und unterrichte es ja auch.




Was wird Ihnen hier in Stuttgart neben der Merz-Akademie von der Kunstszene in Erinnerung bleiben?

Zunächst sind mir die vielen kleinen Büros für Architektur und Internet aufgefallen, die von Studenten eröffnet werden. Sie schaffen es, eigene Firmen zu gründen. Das halte ich für die Produktion sehr wichtig. Darüber hinaus gibt es hier offensichtlich zu 99,5 Prozent Vollbeschäftigung. Zuvor unterrichtete ich an einer Kunstschule in San Francisco; dort waren die Studenten gezwungen als Taxichauffeure zu jobben, um zu überleben.

Nun, das würde ich weniger auf den geographischen Unterschied zurückführen, als vielmehr auf die unterschiedlichen Märkte von Kunst und Design - hier wie dort. Lassen sich nach ihrer Meinung unterschiedliche Auffassungen über Design in USA und hierzulande festmachen?


In den USA wird Design vorwiegend noch auf die Verpackung reduziert. In Deutschland gibt es eine ganz andere Tradition. Hier werden sowohl Kunst als auch Design als kulturelle Praxis aufgefaßt. Deshalb bin ich auch sehr gerne hierher gekommen. Die Ausrichtung der Merz-Akademie, politische als auch poetische Aspekte von Design zu vermitteln, steht mir sehr nahe. Diese Ausrichtung strebt übrigens auch meine künftige Schule in Santa Barbara an. Dort werde ich je zur Hälfte Kunst und Technik unterrichten. Momentan wird dort die künstlerische Ausbildung noch strikt von der technischen Ausbildung getrennt. Meine Aufgabe wird es sein, diese Bereiche zusammen zu bringen, so ähnlich wie ich es an der Merz-Akademie im Bereich der Interaktiven Medien getan habe.



George Legradys Homepage:
www.merz-akademie.de/~george.legrady

Projekte:
db.swr.de/imkp/out1?p_lw=g&p_kwid=357
on1.zkm.de/zkm/stories/storyreader$573
www.artpool.hu/CDRom/Legrady.html

Interview mit Geert Lovink:
www.mediamatic.nl/magazine/8_2/Lovink-Legrady.html

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